Anstand braucht Abstand
Wer hätte das nicht gerne: einen wohlhabenden Freund, einen einflussreichen Bekannten, und ein einziger Anruf genügte, um Bargeld oder eine bevorzugte Behandlung zu erreichen, wichtige Neuigkeiten früher als andere zu erfahren oder eine ungünstige Presse über die eigene Person verhindern zu können. Amigos nennt man diese sogenannten Freunde. Die Amigo-Kultur ist weiter in unserer Gesellschaft verbreitet, als uns allen guttut. Denn unsere Gesellschaft braucht Anstand, wenn sie nicht durch Klüngelei und Korruption Schiffbruch erleiden will. Und Anstand braucht Abstand.
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AnstandHeute hält man sich bei der Schlacht am kalten Buffet zurück, wenn man Anstand hat. Früher hielt man sich auf dem echten Schlachtfeld zurück. Das mittelhochdeutsche »anstand« heißt so viel wie »Waffenstillstand«, »Aufschub«, auch »Friede«. Das Wort kommt von »anstan«, was so viel heißt wie »zum Stehen kommen«: Die Kriegsparteien stürmen nicht mehr aufeinander los, sondern bleiben auf Distanz, halten an. Daraus hat sich die heutige Bedeutung »sich gehören« herausgebildet. So erklären es die Wörterbücher. Anstand, das ist also auch der Abstand zum Gegenüber, im Unterschied zur distanzlosen Umarmung, zu Filz und Klüngelei.
