Erdogans Vätergruppe
Wer Kazim Erdogan besucht, wird erst einmal mit Tee und Keksen bewirtet. In seinem gemütlichen Büro empfängt er auch Journalisten, aber vor allem Menschen, die in Not sind. In seelischer wie in materieller Hinsicht gleichermaßen. Erdogan ist Sozialarbeiter und Psychologe, vor allem aber Freund und Begleiter vieler Bürger in Nord-Neukölln, jenem Stadtteil in der Hauptstadt, der deutschlandweit immer wieder in die Schlagzeilen gerät. Drogenhandel, Verwahrlosung, Gewalt, Jugendgangs und vor allem viel zu viele Migranten hätten aus dem alten Arbeiterviertel eine Art Getto gemacht, heißt es in Reportagen, die in verschiedenen Medien verbreitet werden. Kazim Erdogan kennt diese Berichte. »Es wird alles sehr übertrieben«, sagt er. Der 59-Jährige hat sich vor 37 Jahren in seiner türkischen Heimat in den Zug gesetzt und ist in München wieder ausgestiegen. Er wollte in Deutschland studieren und landete schließlich in Berlin. Doch der junge Erdogan war hier nicht willkommen. Weil die Ausländerbehörde ihm kein Bleiberecht gewähren und ihn stattdessen wieder in die Türkei zurückschicken wollte, tauchte er unter, lebte illegal in der damals noch geteilten Stadt. »Irgendwann«, sagt er, »bekam ich dennoch einen Studienplatz.« Heute lacht Erdogan über diese Geschichte. »Damals war das nicht so lustig.«
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