Zukunft der Kirchen
Erleichterung
Die aktuellen Zahlen zu den Kirchenaustritten haben nun auch den Letzten die Augen geöffnet. Wenn nahezu eine Million Menschen im Jahr 2022 die großen christlichen Kirchen in Deutschland verlassen haben, dann ist klar: Die Epoche der Volkskirche ist definitiv zu Ende. Was immer man unter dem theologisch aufgeladenen Begriff der Volkskirche verstehen mag, die Zeit ist vorüber, in der sich eine Mehrheit der Bevölkerung den christlichen Kirchen so verbunden wusste, dass sie sich selbst als deren Mitglieder verstand. Das im späten 19. Jahrhundert entstandene Modell der Volkskirche ist zweifelsohne eine Erfolgsgeschichte des europäischen Christentums. Die Kirchen, allzumal in Deutschland, hatten Einfluss auf die Gesellschaft und durch die Kirchensteuern viel Geld. Das ist nun vorbei. Entsprechend laut ist die Klage in den Kirchen. Man versteht die Welt nicht mehr, die einem garstig den Rücken zuzukehren scheint. Die Kirchen sind eingeschlossen in ihrer eigenen Depression und geraten in einen Teufelskreis. Wer nur seinen eigenen Untergang bejammert, ist unattraktiv. Niemand möchte auf der Titanic anheuern.
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden
Jörg Lauster, geboren 1966, ist Professor für Systematische Theologie an der evangelisch-theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München und Gastprofessor in Venedig und Rom. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Ideen- und Kulturgeschichte des Christentums und seine Transformation in der Moderne. Autor der Bücher »Die Verzauberung der Welt« und »Der Heilige Geist. Eine Biographie« (beide C.H. Beck, München).

Was bleibt, wenn der Glaube schwindet?
