Gut zu lesen
Arm dran
Als ich das Buch »Das können wir uns nicht leisten« von Miriam Davoudvandi (2026, btb, 256 Seiten) zu lesen begann, fielen mir sofort die »Erinnerungen« ein, die mein verstorbener Vater vor Jahren meinen drei Geschwistern und mir hinterlassen hatte. Er hatte mit 77 Jahren seine Memoiren auf über 80 Seiten mit der Schreibmaschine getippt. Ich las, wie meine Mutter, die mit mir 1952 schwanger war, zum 31. Januar ihre Arbeit als Rechtsanwaltsgehilfin aufgab, um mir in einer Einzimmerwohnung zur Untermiete im stark zerstörten Hildesheim ein bergendes Heim zu schaffen und »sich ganz auf die bevorstehende Mutterschaft vorzubereiten. Wenn uns auch noch sehr viel fehlte und das Geld willkommen war, waren wir uns doch einig, dass die Gesundheit von Mutter und Kind vorrangig sein musste«. Hinzu kam, dass mein Vater, der als Marinefunker, als Industriekaufmann und als Tischler drei Abschlüsse hatte, in prekären Arbeitsverhältnissen tätig war und kurz vor meiner Geburt im August arbeitslos wurde. Das war meine erste Erinnerung, als ich das Buch von Miriam Davoudvandi las, in dem sie anschaulich und nicht ohne Humor beschreibt, »was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein«. Viele kennen das nur aus Phrasen der Politiker und Politikerinnen oder weil sie sich im Trash-TV mal mit der Armut von Menschen unterhalten lassen. Über 17 Millionen Menschen in Deutschland gelten als arm. Das ist eine Zahl, die nicht viel aussagt. Über 5,5 Millionen Menschen, die nicht genug zum Essen, Wohnen und für Mobilität haben, sind von erheblicher materieller und sozialer Entbehrung betroffen. Miriam Davoudvandi beschreibt, wie sich Armut durch ihr ganzes persönliches Leben zieht: »Armut schränkt nicht nur extrem ein, sondern kann einen mal langsam, mal schnell töten.« Sie berichtet von ihren Eltern, die stets fleißig und sparsam sind – die Mutter ist Krankenschwester, der Vater arbeitet auf dem Bau –, mit ihren Kindern wohnten sie in Bad Säckingen in beengten Verhältnissen, weshalb es nahezu keine Privatsphäre gab. Bei den Themen Wohnung, Schule, Studium, Freizeit, Essen, Fernsehen, Aussehen, Beziehungen und sozialem Aufstieg wird verständlich, was es bedeutet, wenn Menschen arm dran sind. Gerade auch die Gesundheit ist ein markantes Armutsfeld, denn Miriam Davoudvandi leidet nach eigenen Angaben seit ihrer Jugend unter Depressionen. Sie studiert, wird journalistisch tätig, arbeitet als Moderatorin und DJ in Berlin und fängt Feuer für die feministische Theorie. Und schreibt schließlich dieses Buch für alle, »die sich immer für ihre soziale Herkunft geschämt haben – und sich heute für ihre Scham schämen«.
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Norbert Copray ist geschäftsführender Direktor der Fairness-Stiftung. Er leitet seit 1977 das Rezensionswesen von Publik-Forum

