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Editorial
Sterben lernen...dem Leben zuliebe

In diesem EXTRA begleiten uns Männer und Frauen, die uns seit vielen Jahren zu Vertrauten geworden sind. Sie offenbaren uns ihre persönlichen Gedanken und Gefühle über das Sterben und wie sie selbst mit dieser Ungeheuerlichkeit fertigwerden, dass sie diese Welt bald verlassen müssen.
vom 20.08.2026 Vorgelesen von einer künstlichen Stimme.
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Ich kam nicht schnell genug aufs Klettergerüst. Meine kleine Enkelin saß schon auf der Spitze und beobachtete neugierig meinen wackligen Aufstieg. Endlich oben angekommen, schaute sie mich mit ihren großen Augen an, bevor sie fröhlich feststellte: »Omi, du kommst auch bald in den Himmel. Aber ich hab gehört, da soll es ganz schön sein!« In diesem Moment überkam mich eine tiefe Traurigkeit. Ich lebe so gern und ich muss sterben. Vielleicht nicht morgen oder übermorgen. Aber so viel ist gewiss: Das Ende meiner Reise hier auf Erden ist absehbar. Ich werde meine geliebte Enkelin, wenn sie eine erwachsene Frau ist, nur noch eine kurze Lebensstrecke begleiten dürfen. Wenn überhaupt. Wie sehr wünsche ich mir, dass ihr Kinderglaube recht hat: »Du kannst mich doch dann immer vom Himmel aus sehen.«

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Ich weiß nicht, wie Sterben geht. Ich bin noch nie gestorben. »Keine Angst«, beruhigt der Philosoph Montaigne: »Die Natur wird euch, wenn es so weit ist, schon genau sagen, was ihr zu tun habt.« Sterben lernen. Es wird die letzte große Lektion in meinem Leben sein.

Sie macht uns zu schaffen, diese Angst vor dem Sterben, vor Krankheit, vor dem ganzen Schrecken, den ein Tod mit sich bringen kann, und die Frage: Was kommt danach? Können wir diese Angst umwandeln in Gelassenheit? Neugierig schauen, was noch kommt?

In diesem EXTRA begleiten uns Männer und Frauen, die uns seit vielen Jahren zu Vertrauten geworden sind. Sie offenbaren uns ihre persönlichen Gedanken und Gefühle über das Sterben und wie sie selbst mit dieser Ungeheuerlichkeit fertigwerden, dass sie diese Welt bald verlassen müssen. Sie sprechen zu uns wie Schwestern und Brüder, liebevoll und in Verbundenheit, »denn nur Menschen, die ihre Endlichkeit angenommen haben, sind geschwisterliche Wesen, weil wir alle dieselbe Grundwunde haben: Wir müssen sterben«, schreibt Fulbert Steffensky und tröstet: »Ich muss nicht vollendet sterben. Ich freue mich an dem, was gelungen ist, und ich verzweifle nicht an dem Gewürge, der Halbheit, dem Verrat, die eingewoben sind in mein Leben. Nichts soll mir die Reue nehmen und nichts soll mir die Heiterkeit nehmen.« - »Der Tod rückt die Maßstäbe zurecht, er verstärkt mein Leben«, führt Anselm Grün diesen Gedanken fort. »Ich kreise nicht um die Frage, wie alt ich werde. Ich lebe jetzt!«

Für den Philosophen Wilhelm Schmid geschah das denkbar Schlimmste. Seine geliebte Frau musste sterben. »Ich war mir sicher, dass ich das unmöglich überleben kann«, vertraut er uns in diesem EXTRA an. Es war seine todkranke Frau, die ihm half weiterzuleben und sogar wieder Freude zu empfinden. Sie wurde seine Lehrmeisterin im Sterben-Lernen. Und leben lernen.

Meine Zeit steht in deinen Händen, so heißt es in Psalm 31. Und wo steht geschrieben, dass der Mensch alt und lebenssatt seine Tage vollenden wird? Jesus starb im blühenden Alter von 33 Jahren. Wie viele Eltern müssen ihre Töchter und Söhne zu Grabe tragen, wie viele Kinder wachsen ohne Vater und Mutter auf? Unsere Zeit steht nicht in unseren Händen. »Stirb und werde. Werde und vergehe. Ein unendliches Lernen vom ersten bis zum letzten Atemzug«, schreibt Annelie Keil in ihren Notizen aus dem 87. Lebensjahr.

»Ich bin schon in deiner Nähe, solange du lebst – nur für den Fall.«

»Für den Fall?«, fragte die Ente.

»Na, falls dir etwas zustößt. Ein schlimmer

Schnupfen, ein Unfall – man weiß nie.«

So beginnt die Freundschaft zwischen Tod und Ente in dem wunderbaren Buch: »Ente, Tod und Tulpe«, von Wolf Erlbruch. Eine zärtliche Anleitung zum Sterben lernen. Dem Leben zuliebe.

Doris Weber

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Personalaudioinformationstext:   Doris Weber ist Publik-Forum EXTRA-Chefredakteurin. Sie lebt in Bremen.
Schlagwörter: Leben Trost
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