Lyrik
Was würde Erich Fried heute schreiben?
Zum hundertsten Geburtstag des Dichters und politischen Visionärs Erich Fried erscheinen jetzt in den Feuilletons kluge, durchaus kritische Einordnungen. Oft sind es wehmütige Rückblicke auf eine Zeit, deren Träume, Ängste und Gewissenskonflikte so ganz anders erscheinen als die unseren heute: Vietnamkrieg, RAF-Terror, Relikte des Nationalsozialismus, die eindeutigen politischen Trennlinien zwischen Brandt und Barzel, Schmidt und Strauß. Zwischen den Zeilen sprießt dabei schüchtern eine Frage hervor, ganz leise und angesichts der drei Jahrzehnte, die seit seinem Tod 1988 verstrichen sind, sofort wieder verstummend: Wo würde Fried heute stehen, welche Positionen vertreten, was für Gedichte schreiben? Würde er in Talkshows sitzen oder Stücke auf experimentierfreudigen Theaterbühnen inszenieren? Über die sozialen Medien Schmähungen und Morddrohungen erhalten? Solche Fragen verbieten sich, weil sie jemanden vereinnahmen, der sich nicht wehren kann und seiner ganz eigenen Zeit gehört. Dennoch kann man von einer solchen Persönlichkeit, wie es Erich Fried war, Haltung lernen, Tugenden und Visionen – denn das ist nun wieder unsere Sache.
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