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»Alles auf Null«

Der Tumor in ihrem Herzen wurde lebensbedrohlich. Nach der Operation glaubte sie nicht mehr an den Puppenstuben-Gott von früher. Ein Leib- und Seele-Gespräch mit der Autorin Amet Bick
von Georg Magirius vom 05.09.2013
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»Ein Jahr gebe ich mir Zeit, dann will ich das Glück gefunden haben«, sagte sich Amet Bick, nachdem sie die schwere Operation überstanden hatte und der Tumor aus ihrem Herzen entfernt worden war. Dann machte sie sich auf die Suche (Foto: Magirius)
»Ein Jahr gebe ich mir Zeit, dann will ich das Glück gefunden haben«, sagte sich Amet Bick, nachdem sie die schwere Operation überstanden hatte und der Tumor aus ihrem Herzen entfernt worden war. Dann machte sie sich auf die Suche (Foto: Magirius)

Frau Bick, in Ihrem Buch »Mein starkes Herz« erzählen Sie von Ihrer Suche nach Glück. Dabei freunden Sie sich auch mit Bäumen an. Haben Sie heute schon einen umarmt?

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Amet Bick: Ich habe ihn nicht umarmt, aber ich habe mich tatsächlich kurz in den Park gesetzt und einen angeguckt. Das war schon ein Glücksgefühl.

Einfach durchs Anschauen?

Bick: Ja, wenn man Zeit rausnimmt, dasitzt und nur guckt. Der Baum war sehr schön, sehr groß, sehr mächtig, sehr alt. Als Berlinerin ist das erst mal immer ein Schock, in der Natur zu sein: Hier ist ja gar nichts! Keine Menschen. Nichts passiert! Im Grunde aber passiert doch etwas. Man sieht Vögel, die im Baum landen. Natürlich könnte ich nicht wochenlang Bäume anschauen, aber einmal am Tag mich hinzusetzen, das finde ich sehr beruhigend. Es verlangsamt mich. Es führt dazu, dass ich zufriedener bin.

Der Ausgangspunkt für Ihre Glückssuche war das Gegenteil dessen, was man für beglückend hält. In Ihrem Herzen wurde ein Tumor entdeckt.

Bick: Ja, zuvor hatte ich mich sehr schlapp gefühlt, konnte nicht mehr joggen und dachte zuerst: Du bist 42, das ist das Alter, nun ist es halt so weit. Dass man dann so schlapp wird, hatte ich mir allerdings nicht vorgestellt. Als ich kaum mehr Luft bekam, bin ich zum Arzt. Dann kam die Diagnose, dass ich einen Tumor im Herzen habe. Einen sehr großen. Und dass er sofort herausoperiert werden müsse. Alle Pläne, die ich vorher hatte – was ich noch arbeiten wollte, was ich abends zum Essen machen würde und was ich noch einkaufen musste – waren in diesem Moment null und nichtig. Es war klar: Ich lege mich jetzt ins Krankenhaus und warte auf den OP-Termin.

Viele denken: So etwas Lebensbedrohliches gibt es – aber mir wird es schon nicht passieren. Vielleicht ist es sogar gut, so zu denken, weil man dem Leben schließlich vertrauen will?

Bick: Inzwischen glaube ich nicht mehr, dass das gut ist. Aus welchem Grund soll es mir nicht passieren? Der Verdrängungsmechanismus macht einen unfähig, mit sich selbst umzugehen, aber auch unfähig, das Leid anderer an sich herankommen zu lassen. Man sagt: Mach das mit dir allein aus! Ich will davon nichts wissen, das ist nicht mein Terrain. Ich bin gesund und fit.

Das konnten Sie in diesem Augenblick wirklich nicht sagen.

Bick: Für mich war es der totale Kontrollverlust. Dieser Moment, als ich vor den OP-Saal geschoben wurde und wusste: Ob ich hier wieder lebend rauskomme, hängt davon ab, ob der Chirurg eine sichere Hand hat, die Herz-Lungen-Maschine gut funktioniert, es keinen Stromausfall gibt, das Team gut drauf ist. Das hatte nichts mehr mit mir und meinen Fähigkeiten zu tun.

Dann wachten Sie auf, wollten aber nicht mehr weitermachen wie zuvor.

Bick: Es war ein Crash. Man crasht voll gegen die Wand und liegt dann bedröppelt da. Wahrscheinlich gibt’s auch Leute, die einfach aufstehen und sagen: Okay, ich mache jetzt weiter. Aber bei mir funktionierte das nicht. Ich wollte lernen, wie ich dann, wenn es das nächste Mal ans Sterben geht, mit einem guten Gefühl – na ja, das ist übertrieben –, aber doch mutig und ohne großes Bedauern gehe. Es war auch schwierig, die Schwäche anzuerkennen. Ich wollte nicht alles an Psychologen, Physiotherapeuten und Ärzte abgeben, sondern selbst überlegen, welche Kräfte ich habe, um aus dieser Situation der Schwäche herauszukommen.

Sie lagen in der Rehaklinik auf dem Bett und beschlossen: Ein Jahr gebe ich mir Zeit, dann will ich das Glück gefunden haben. Eine Art Pakt?

Bick: Es war wie ein Geschenk an mich selbst. Ein Raum, den ich mir geschaffen hatte, in dem ich alles machen konnte.

Aber Sie blieben in Berlin, wanderten nicht nach Australien aus, um Schafzüchterin zu werden, wie Sie es auch erwogen haben.

Bick: Am Anfang dachte ich schon, ich müsse alles radikal ändern. Aber ich glaube, das ist dann eher die Projektion innerer Unzufriedenheit auf äußere Umstände. Wahrscheinlich wäre ich nicht glücklich geworden als Schafzüchterin. Mir war wichtiger herauszufinden: Was will ich? Da ist ein bisschen Ruhe hilfreich. Alles radikal zu ändern, wäre auch schwierig zu machen mit Familie. Wahrscheinlich bin ich auch zu konservativ (lacht).

Andererseits wirkt Ihr Buch wie eine Abenteuerreise durch die schillernde Welt der religiösen, spirituellen und therapeutischen Angebote.

Bick: Spiritangebots-Hopping kann man natürlich super machen in Berlin. Aber zunächst fiel mir nur ein, zu meditieren. Das Klassische. Das hatte ich früher schon gemacht, vor zwanzig Jahren. Und es funktionierte. Es dauert zwar, bis der Kopf merkt, dass er nicht immer denken muss. Aber dann spürt man auch seinen Körper wieder mehr, wird ruhiger.

Sie schreiben, Sie seien zuvor oft unruhig gewesen, obwohl Sie erfolgreich waren. Direkt nach dem Studium hatten Sie zum Beispiel nicht nur einen, sondern gleich zwei Berufe!

Bick: Man denkt: Wenn ich das und das noch schaffe, und wenn der endlich sieht, dass ich das kann, und wenn ich das noch mache und das noch habe und dorthin verreise, dann endlich bin ich glücklich. Das ist immer ein Versprechen in die Zukunft. Wahrscheinlich macht das auch glücklich, aber nur kurz. Dann kommt das Nächste, was man eigentlich braucht, um glücklich zu werden. Meine überraschende Erkenntnis aber ist: Das Gegenteil macht glücklich, nämlich zu sagen: Wie es ist, ist es gut. Mehr brauche ich im Moment nicht.

Sie beschreiben das Glück als einen Strom, in den Sie immer mal wieder eintauchen können, eine Art Wärmestrom. Klingt anspruchsvoll!

Bick: Ich würde es inzwischen nicht mehr Glück allein nennen, weil das immer nur als Polarität funktioniert: Man ist mal glücklich, dann wieder traurig. Es ist eher eine Art von Weisheit oder Frieden. Eine innere Stille. Dass es einfach mal gut ist.

Hat eigentlich das Herz, dessentwegen alles begann, auch die zentrale Rolle bei Ihrer Glückssuche gespielt?

Bick: Das Herz ist schon ein besonderes Organ. Das war mir früher nicht so klar. Da dachte ich: Milz, Lunge, Niere, Herz machen alle ihren Job. Und damit komme ich durch den Tag. Aber da steckt noch mehr drin. Im Buddhismus ist es ja auch zentral, sich auf sein Herz zu konzentrieren und es zu öffnen. Jetzt kann ich das gut nachvollziehen.

Sie haben selbst abgelegene Reihenhaussiedlungen aufgesucht, um ein Angebot wie Reiki auszuprobieren. Das klingt oft komisch. Aber es ist Ihnen ernst damit?

Bick: Ich hatte das Gefühl: Ich muss neue Sachen ausprobieren, weil ich mit den alten nicht mehr weiterkomme. Und da geht’s wahrscheinlich nicht anders als mit try and error: einfach mal Sachen machen. So habe ich Reiki ausprobiert und fand den Überbau ein wenig schwierig. Da gehörten – wenigstens bei der Frau, zu der ich ging – auch Außerirdische dazu und ein kosmischer Rat, der vorherbestimmt hat, dass ich rechtzeitig zu dem Termin da war. Na ja. Dass man die Hände auflegt und es fließt Energie hindurch, das funktioniert aber, das habe ich gespürt. Und warum auch nicht?

Sie verurteilen kein Angebot. Aber manchmal kann, was zunächst besonders progressiv und attraktiv wirkt, auch bedrückend sein.

Bick: Das war so, als ich bei einer Kinesiologin war. Bei dieser Frau war ich letztendlich komplett verseucht mit Bakterien, mit Umweltgiften und mit »UeKs«, mit unbewältigten emotionalen Konflikten. Da hatte ich das Gefühl: Ich kann jetzt nur noch auf die Sondermülldeponie. Das ist kein Menschenbild, bei dem man anfängt, sich gern zu haben. Es ist keine Befreiung, sondern eine neue Verengung.

Auch Ihr Gottesbild sei verengt gewesen, schreiben Sie. Obwohl Sie Pfarrerstochter sind und Theologie studiert haben. Alles sei wie eine Puppenstube gewesen. Was meinen Sie damit?

Bick: Als ich im Krankenhaus wach wurde, dachte ich zunächst: Es stimmt nicht. Alles, was ich bisher über Gott gedacht habe, stimmt einfach nicht. Das hat mich wirklich sehr lang beschäftigt: Wie kann es sein, dass ich das denke? Und was mache ich damit? Gibt’s Gott vielleicht doch nicht? Nachdem ich mich mit diesen körperlichen Geschichten beschäftigt hatte, war das eigentlich die Frage, die mich am meisten umgetrieben hat. Sie war auch mit großer Angst verbunden, weil Gott ja doch etwas war, was mir Halt gegeben hat – auch wenn es vielleicht keine sehr lebendige Beziehung war. Aber letztendlich hat mir das dann auch geholfen zu sagen: Okay, wenn ich jetzt nicht mehr an ihn glauben will, dann glaube ich halt nicht mehr an ihn. Wenn ich nicht mehr Protestantin sein will, dann muss ich das jetzt auch nicht mehr sein. Alles auf Null. Ich kann alles noch mal neu angucken.

Haben Sie eine Ahnung, warum der große Crash Ihres Körpers auch einen Gottes-Crash verursacht hat?

Bick: Ich glaube, ich habe schon während der OP irgendetwas gemerkt. Da war das Gefühl: Ich habe mir einen viel zu kleinen Gott gemacht, ich habe mir einen Mensch-Gott gemacht. Das ist aber nicht so, wie es ist. Ich hatte, würde ich inzwischen sagen, so eine Art Nahtod-Erfahrung oder wahrscheinlich eher Nahtod-Ahnung. Und was ich geahnt habe oder jetzt ahne: Es ist komplett anders als das, was wir hier aufführen und machen, es ist wirklich gewaltig und groß. Es ist ein Orkan. Und den kann man nicht in eine Puppenstube sperren.

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Personalaudioinformationstext:   Amet Bick,geboren 1969, studierte Literaturwissenschaft und evangelische Theologie. Sie arbeitet als Programmleiterin in einem Verlag. Mit ihrer Familie lebt sie in Berlin. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht. In »Mein starkes Herz« (Kailash Verlag, Bestellnummer im Publik-Forum Shop: 1229) zeigt sie sich als Glückssucherin, die eigentlich keine Glücksbücher mag.
Schlagwörter: Krankheit Spiritualität
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