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Campino: »Ich war ergriffen«

Wie ein Text aus dem Warschauer Ghetto zur größten Herausforderung für den Punkrocker Campino wird. Und warum er keine Religion ganz akzeptieren kann. Ein Gespräch
von Thomas Becker vom 14.10.2014
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Campino: In diesen Tagen wurde er von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf mit der renommierten Josef-Neuberger-Medaille ausgezeichnet. (Foto: pa/Jazz Archiv/Clemens Niehaus)
Campino: In diesen Tagen wurde er von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf mit der renommierten Josef-Neuberger-Medaille ausgezeichnet. (Foto: pa/Jazz Archiv/Clemens Niehaus)

Publik-Forum: Die »Toten Hosen« rocken seit dreißig Jahren mit ihren Songs gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Jetzt wurden sie von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf mit der renommierten Josef-Neuberger-Medaille ausgezeichnet. Was verbindet den Punkrocker mit dem Judentum?

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Campino: Mein Vater war Soldat im Zweiten Weltkrieg, danach hat er meine Mutter kennengelernt, eine Engländerin. Er war Richter und ehrenamtlicher Presbyter in einer evangelischen Kirche, und meine Eltern waren sehr daran interessiert, den Dialog mit Juden zu führen. Sie sind deswegen nach Israel gereist. Meine Schwester hat, als sie sechzehn war, in einem Kibbuz gelebt und gearbeitet. Ich bin in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Deutschland Verantwortung für die im Nationalsozialismus begangenen Verbrechen trägt. Vor diesem Hintergrund war es etwas ganz Besonderes, als deutsche Band in Israel zu spielen.

Wie haben Sie das erlebt?

Campino: Ich habe es anfangs als sehr seltsam empfunden, israelischen Boden zu betreten und durch die Straßen zu gehen in der Vorstellung, dass die Deutschen dieses Volk einmal ausradieren wollten. Vor gut vier Jahren haben wir in Tel Aviv gespielt. Es war mein erster Aufenthalt in Israel überhaupt. Mir war wichtig, etwas vom dortigen Lebensgefühl einzufangen. Dazu gehört ein Besuch einer Synagoge ebenso wie ein Vormittag am Strand.

Wie wurden Sie empfangen?

Campino: Sehr positiv. Ich erinnere mich vor allem an einen Rentner, der jedes unserer Lieder euphorisch beklatscht hat. Am Ende des Konzerts hat er von der Balustrade aus versucht, mir über die Haare zu wuscheln. Ich wollte unbedingt wissen, wer dieser Mann ist! Als wir uns trafen, erzählte er, dass er als Kind beinahe in den Holocaust geraten wäre. Heute organisiert er die Begegnung von deutschen und jüdischen Studenten. In diesem Gespräch schien es für einen Moment, als wären die Geschichtsbücher zugeklappt. Als gäbe es nur das Hier und Jetzt. Es hatte nichts Verstaubtes. Das hat mir gezeigt, dass es Unsinn ist zu behaupten, dass wir Deutsche nichts mehr mit der Geschichte des Dritten Reichs zu tun hätten.

Andere sagen, man müsse auch mal vergessen können.

Campino: Dieser Satz ist mir schon immer übel aufgestoßen. Allerdings finde ich es auch nicht richtig, ständig in gebückter Haltung durch die Gegend zu laufen. Ich denke, es steht uns gut zu Gesicht zu wissen, was unsere unmittelbaren Vorfahren zu verantworten haben. Und zu sagen: Ich bin ein Kind dieser Generation. Aber ich werde euch beweisen, dass wir heute anders sind als damals – und zwar grundsätzlich.

In den vergangenen Monaten wurde viel über den Krieg in Gaza diskutiert. Wie haben Sie die Diskussion in Deutschland wahrgenommen?

Campino: Das Verhalten vieler Deutscher in der Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und Israelis ist immer noch verkrampft und geprägt von unserer Geschichte. Es ist schwer, Position zu beziehen, weil man gleich von der einen oder anderen Seite vereinnahmt wird. Wenn Kritik an Israel geäußert wird, ist es schwer herauszulesen, ob sie sich auf die Art und Weise bezieht, wie Israel gedenkt, den politischen Konflikt zu lösen. Oder ob es nur darum geht, wieder die alte Hassschaufel auszupacken und in alte Wunden zu stechen. Viele Leute nutzen die Situation aus, um ihre Antipathie gegenüber dem jüdischen Volk unauffällig in politische Statements einzustreuen und Öl ins Feuer zu gießen.

Darf man Israel denn als Deutscher kritisieren?

Campino: Ich denke, dass man das tun muss, wenn unter der Verantwortung der israelischen Regierung Unrecht geschieht. Gleichzeitig müssen wir als Deutsche damit sehr, sehr vorsichtig umgehen, weil wir dem jüdischen Volk in einer ganz besonderen Form verpflichtet sind. Aber das heißt ja nicht: Freifahrtschein bis ins Geht-nicht-mehr. Das wäre Unsinn, und das verlangt auch niemand.

Die Religion spielt im Nahostkonflikt eine Rolle. Fühlen Sie sich einer Religionsgemeinschaft zugehörig?

Campino: Ich glaube an Gott und habe mir meine Vorstellungen aus allen möglichen Religionen zusammengeklaubt. Aber ich versuche mein Leben so zu gestalten, dass ich den Weg anderer nicht störe. Glauben bedeutet ja immer noch glauben und nicht wissen. Es könnte sich am Ende zeigen, dass es in Wahrheit ganz anders ist, als man glaubt. Deswegen habe ich meine Schwierigkeiten damit, eine Religion voll und ganz zu akzeptieren, die darauf besteht, dass sie die einzig gültige ist. Ich habe ein Problem mit jeder Form von Fundamentalismus.

Was bedeutet Ihnen die Medaille, die die Toten Hosen Anfang Oktober von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf für ihr »Engagement gegen Ausgrenzung und Rassismus« erhalten haben?

Campino: Für mich ist diese Auszeichnung etwas ganz Besonderes. Das ist nicht zu vergleichen damit, als Ehrenbürger einer Stadt ausgezeichnet zu werden oder einen Echo-Preis zu erhalten. Aber man darf es auch nicht überbewerten. Diese Medaille verschiebt nicht einen Millimeter unserer Einstellung, unserer Arbeit, unseres Seins. Das soll ja auch gar nicht erreicht werden.

Die Auszeichnung soll Sie wohl eher darin bestärken, so weiterzumachen.

Campino: Gerne. Aber es geht auch darum, unser besonderes Verhältnis zu den Juden wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Ausschlaggebend für den Preis waren drei Konzertabende: Die Toten Hosen haben 2013 mit dem Orchester der Düsseldorfer Robert-Schumann-Hochschule jüdische Musik aufgeführt. Was hat den Anstoß dazu gegeben?

Campino: Der Chef der Musikhochschule, Thomas Leander, der jetzt ebenfalls ausgezeichnet wurde, ist an uns herangetreten. Er erzählte mir von der Ausstellung »Entartete Musik«, die 1938 im Düsseldorfer Ehrenhof von den Nationalsozialisten eröffnet wurde. Leander wollte Musik jüdischer Komponisten aufführen, die damals als »entartet« stigmatisiert wurde. Für mich war sofort klar, dass das eine wasserdichte und runde Angelegenheit ist. Da ist die Düsseldorfer Musikhochschule und eine Düsseldorfer Band, es geht um einen Vorfall, der sich in Düsseldorf ereignet hat und über den lange geschwiegen wurde.

Wie haben Sie reagiert?

Campino: Wir haben uns auf Spurensuche begeben, Lieder und Texte rausgesucht. Und es war aufregend, was wir alles gefunden haben: Stücke von den Comedian Harmonists, von Kurt Weill, Emmerich Kálmán, Wolfgang Korngold …

Zur Zwölftonmusik von Arnold Schönberg haben Sie den Alltag im Warschauer Ghetto beschrieben – als Sänger einer Rock- und Punkband.

Campino: Das Stück heißt »Ein Überlebender aus Warschau«. Schönberg hat es 1947 komponiert. Es basiert auf der Zeugenaussage eines Juden, der den Aufstand im Warschauer Ghetto erlebt hat. Ich war ergriffen, als ich das Stück zum ersten Mal gehört habe, und dachte: Mein lieber Mann, das wird schwer, da muss ein professioneller Sprecher ran. Dann wurde mir klar, dass es das Herzstück des Abends ist und es einer von uns machen muss. Also habe ich mich durchgerungen. Die größte Herausforderung war, den Text mit der nötigen Glaubwürdigkeit zu sprechen. Ich hatte zuerst Angst, mich lächerlich zu machen.

Wie haben Sie sich mit dieser ganz anderen Musik zurechtgefunden?

Campino: Die Proben waren anfangs katastrophal, wir waren völlig überfordert. Nehmen wir zum Beispiel die Stücke der Comedian Harmonists, die sind total ausgeklügelt, da muss jeder Ton sitzen. Im Gegensatz zu mir waren die Sänger der Musikhochschule alle professionell (er lacht). Ich war völlig fertig. Nach zwei, drei Tagen ging der Spaß aber los, dann haben wir uns von Abend zu Abend gesteigert. Im Nachhinein muss ich sagen: Die Konzerte zählen zum Schönsten und Wichtigsten, was die Toten Hosen je gemacht haben. Es war fantastisch.

Wollen Sie diese Erfahrungen auch in die Lieder einbringen, die Sie für die Toten Hosen schreiben?

Campino: Als Texter kann ich nur sagen: Alle Dinge, die ich erlebe, wühlen in meinem Kopf. Entweder es kommt was raus – oder auch nicht. Ich kann keine Quote erfüllen. Wenn man aus einer guten Intention heraus einen ungeschickten Text schreibt oder etwas zu Plattes oder Banales, nervt man die Leute nur. Man kann das nicht erzwingen.

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Personalaudioinformationstext:   Campino (mit bürgerlichem Namen Andreas Frege), geboren 1962, ist Sänger, Frontman und Songwriter der Punkrockband Die Toten Hosen. Anfang Oktober 2014 verlieh ihm die Jüdische Gemeinde Düsseldorf die Josef-Neuberger-Medaille. Der Preis würdigt das jahrzehntelange Engagement der Punkrockband gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Mit der Medaille ausgezeichnet wurden auch Roman Herzog, Angela Merkel, Johannes Rau und Rita Süssmuth.
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