Das Stückwerk vor dem Tor
Der fromme Fußballapotheker rät: Vieles im Leben ist Stückwerk, darum genieße im Stadion jedes Tor, das Glück voll aus! Der Ball im Netz kann eine Vorahnung der Vollendung sein, von der es heißt: »Wenn aber kommen wird das Vollkommene, wird das Stückwerk aufhören« (1. Korinther 13, 9).
Mit verträumtem Blick kommen sie in die Apotheke: Sie haben Sehnsucht, die sich nur selten stillen lässt, erzählen sie. Immer wieder flammt sie auf. Diese Kunden wirken etwas unruhig - es sind keine fröhlichen Träumer, sondern sie wirken leicht verschämt. Sie erhoffen sich ein Medikament, mit dem sie sich mit der Realität arrangieren können, egal ob das Leben gut, mittelprächtig oder schlecht verläuft. »Sehnsucht ist keine Krankheit und kein Makel!«, erwidere ich. »Aber sie tut oft weh«, wenden die Kunden ein. Das sagen sie schon viel ruhiger. In der Fußballapotheke muss sich niemand dafür rechtfertigen, wenn er Großes und unendlich Schönes erhofft.
Das Leben ist wie ein Puzzle, dem immer Teile fehlen
Natürlich ist das Leben Stückwerk, das bestreite ich nicht. Schon der Apostel Paulus hat das gesagt. Auch er verknüpfte Glaube und Sport. Die Ewigkeit verglich er etwa mit dem Siegeskranz, den der Gewinner beim Laufen in der Rennbahn erhält. Das Leben ist wie ein Puzzlebild, dem immer einige Teile fehlen. Deshalb ist es logisch, menschlich und natürlich, Sehnsucht auf Vollendung zu haben.
Der Wunsch, das Bild ganz zu sehen, ist ein guter und auch frommer Wunsch. Deshalb gilt: Sich die Sehnsucht nicht abtrainieren! Lieber sollte man Augenblicke sammeln, die eine Ahnung vom Rausch der Vollendung geben. »Die Sehnsucht findet ein Zuhause im Stadion.« So leite ich die Therapie ein, um die Träumer zum nächsten Fußballspiel zu schicken. Dort können sie sich unter die mischen, die das Hoffen auf die Spitze treiben. Immer wieder trägt die Sehnsucht den Ball ins Tor - und genau in diesem Augenblick erscheint das Puzzle ganz, ist die Sehnsucht am Ziel, und aller Schmerz fällt ab. Sehnen und Erfüllung fallen für einen fantastischen Moment zusammen. Wieso sollte man sich nicht nach Vollendung sehnen, wenn bereits der ekstatische Torjubel so herrlich ist?
Glücksrausch nach dem Tor
Beim Fußball muss sich niemand seiner Sehnsucht schämen. Im Stadion hat der Wunsch nach Vollkommenheit Heimatrecht. Das merkt man auch, wenn keine Tore fallen. Denn die Hoffnung kommt dann nicht recht frei, staut sich an, was beweist: Lattentreffer und große Chancen sind schön, doch sie verweisen immer auch auf das große, letzte, tiefe Glück. Einmal erlebte ich ein Stadion voll fröhlicher Sehnsucht auf Vollendung. Ein Torjäger hatte schon Spiel um Spiel nicht getroffen, obwohl er wunderbare Chancen besaß. Das Ungewöhnliche geschah - die Fans pfiffen nicht, sondern feierten den Torjäger ohne Torerfolg. Und dann? Ihm gelang ein unwahrscheinlich kurioser Treffer. Ohne zum Tor zu gucken, mit dem Hinterkopf glückte es, was den Glücksrausch der Fans auf den Gipfel trieb. Es war ein Vorgeschmack jener Zeit, von der der Apostel Paulus sagt: »Wenn aber kommen wird das Vollkommene, wird das Stückwerk aufhören« (1. Korinther 13, 9).
