Corona und das Sterben
Dem eigenen Tod ins Auge sehen
M ein Sonntagmorgen begann mit einer Whatsapp-Nachricht: »Heute Nacht ist mein Vater einsam an Corona gestorben.« Die Nachricht kam von einer langjährigen Freundin. Bald darauf erfuhr ich von ihr, was in den Stunden danach geschah. Sie wollte mit ihrer alten Mutter und ihren beiden Geschwistern zum toten Vater, aber im Krankenhaus sagte man ihnen, dass nur zwei Angehörige in den Raum hineindürften. Alle Bitten der schockierten Angehörigen, sich vom Verstorbenen verabschieden zu dürfen, prallten an einem Klinikmitarbeiter ab, der den Sinn dieser Schutzmaßnahme selbst nicht erklären konnte. Meine Freundin und ihre Schwester mussten also Mutter und Bruder, die schweren Herzens auf das Abschiednehmen verzichteten, auf dem Flur zurücklassen, bevor sie einen gekachelten Raum betraten, der außer der Liege mit dem Leichnam vollständig leer war. Eine Atmosphäre wie im Albtraum, sagte sie. Irgendwann brach meine Freundin die Schilderung dessen ab, was sie empfunden hat, als sie mit drei Paar Handschuhen übereinander, Kittel, Schutzbrille, Maske und Visier den toten Vater sah. Sie fand keine Worte mehr. Vermutlich werden sie und ihre ganze Familie die Frage für viele Jahre nicht mehr loswerden, wie ihr Vater seine letzten Stunden der Einsamkeit und Isolation verbracht hat. Ihre Mutter, berichtete sie später, sei inzwischen von schweren Selbstvorwürfen geplagt. Niemals hätte sie ihren weit über achtzigjährigen Mann vom Altenheim aus in die Klinik schicken dürfen, wiederholt sie immer wieder.
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Jürgen Wiebicke, geboren 1962, ist Journalist und Schriftsteller. Er studierte Germanistik und Philosophie. Für WDR5 moderiert er jeden Montagabend die interaktive Radiosendung »Das philosophische Radio«. Im April erscheint sein Buch »Sieben Heringe. Meine Mutter, das Schweigen der Kriegskinder und das Sprechen vor dem Sterben« beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Die Corona-Krise
