Dem Glück auf der Spur
Rhythmisch schlägt Holz auf Holz. Die Schüler stehen sich paarweise gegenüber, sie üben Stockkampf. Feyzu beherrscht die Bewegungen besonders gut. Eine leichte Drehung, schon ist der Angriff abgewehrt. Er wirft sich in Siegerpose - ein bisschen Show gehört bei ihm dazu.
Beim Stockkampf zeigt sich: Wer verkrampft, verliert. Je entspannter und lockerer die Schüler an die Sache rangehen, desto besser gelingen ihnen die Schlagfolgen. Fällt trotzdem mal ein Stock zu Boden, ist das nicht schlimm. Die Schüler dürfen Fehler machen, sie gehören zum Leben. Diese Erkenntnis sollen sie im Idealfall auf andere Situationen übertragen und lernen, besser mit negativen Erlebnissen umzugehen.
»Wir wollen einen Ausgleich zu anderen Fächern schaffen«
In der Martin-Buber-Schule in Heppenheim, einer Haupt- und Realschule, steht heute Glück auf dem Stundenplan. Zwischen 13 und 15 Jahre alt sind die Schüler von Cäcilia Korte und Timo Kolb. »Wir wollen einen Ausgleich zu anderen Fächern schaffen«, sagt Kolb. Die Schüler sollen sich selbst kennenlernen, Ressourcen entdecken, wie sie sich selbst motivieren und aufbauen können. Es geht um Strategien für ein zufriedenes Leben. Statt Glücks- könnte es auch Lebenskompetenzunterricht heißen.
In der Stunde heute ist das Thema Innehalten. Die Jugendlichen sollen lernen, vor einer Entscheidung kurz »stopp« zu sagen, innerlich auf Abstand zu gehen und mögliche Reaktionen abzuwägen. Eine Grundregel, die Feyzu schon bei der letzten Chemiearbeit geholfen hat. »Ich habe kurz stopp gesagt, und alles fiel mir wieder ein«, erinnert er sich. Oder beim Fußball. »Es ist besser, vor dem Tor kurz zu warten und nicht gleich draufzuschießen«, sagt ein Mitschüler.
Der Erfinder des Glücks-Fachs ist Ernst Fritz-Schubert
Erfinder dieses besonderen Schulfachs ist Ernst Fritz-Schubert. Bis zu seinem Ruhestand war er Direktor der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg. Er hat als Schulleiter immer wieder erlebt, dass sich Lehrer mit angeblich hoffnungslosen Fällen an ihn wandten. Mit Schülern, die durch ständige Misserfolge die Lust am Lernen verloren hatten, den Unterricht störten, Leistung verweigerten. Deren Potenzial schon versiegt war, wie Fritz-Schubert sagt.
Ein Schlüsselerlebnis wird ihm immer in Erinnerung bleiben. »Sie waren der einzige in meinem Leben, der mir etwas zugetraut hat«, sagte ein Schüler. Der Satz wurde für Fritz-Schubert zur Mission. Für den Pädagogen sind Kardinaltugenden wie Weisheit, Tapferkeit, Mäßigung und Gerechtigkeit auch heute noch Erziehungsziele. Die Tugenden seien den meisten Schülern auch ein Begriff, gleichzeitig erlebten sie aber im Alltag, dass die Gesellschaft sich permanent darüber hinwegsetzt. »Der Ehrliche ist oft der Dumme«, sagt Fritz-Schubert. Sein Ziel ist es deshalb, Werte und Normen nicht nur theoretisch zu vermitteln, sondern erfahrbar zu machen. »Was wir in Ethik gelehrt bekommen, üben wir in Glück«, hat es ein Schüler auf den Punkt gebracht.
Aus etablierten Methoden der Theater- und Abenteuerpädagogik hat Fritz-Schubert ein Päckchen geschnürt, das den Schülern Schlüsselerlebnisse vermitteln soll. Dazu gehören Spiele, die das Vertrauen stärken wie der Gang über eine wackelnde Brücke, Klettertouren, Atem- und Stimmübungen oder eben der Stockkampf. Die Schüler sollen ein Bewusstsein für sich selbst entwickeln, spüren, was in Kopf und Körper passiert, wenn sie bedroht, gelobt oder provoziert werden. So können sie herausfinden, was ihnen guttut.
Schüler brauchen vor allem das Erlebnis: Was ich gerade tue, hat einen Sinn
An sich bräuchte es für diese Erfahrungen kein eigenes Schulfach. »Das Prinzip Glück kann in jedem Fach unterrichtet werden«, sagt der Pädagoge. Oder sogar außerhalb des Unterrichts. Nachsitzen und Strafarbeiten etwa sind an der Willy-Hellpach-Schule schon lange Schnee von gestern. Statt die Schüler mit Dingen zu quälen, die ihnen ohnehin keinen Spaß machen, hat Fritz-Schubert sie für Sozialdienste beim Hausmeister eingeteilt. Für den sauberen Schulhof gab es am Ende ein Lob und das Gefühl, der Tag hat Sinn gehabt. »Reglementierungen sind kontraproduktiv«, ist der Lehrer überzeugt. »Die Jugendlichen wollen sich nützlich machen.«
Wie wichtig für die Schüler das Gefühl ist, unmittelbar sinnvolle Dinge zu tun, zeigen auch die Erfahrungen an einer Förderschule bei Hildesheim. Hier räumen die Schüler sogar freiwillig auf: Die Schulhof-AG gehört zu den beliebtesten Arbeitsgruppen. Die Jugendlichen lernen, dass man in einem ordentlichen Geräteschuppen leichter etwas wiederfindet, dass in gepflegten Gemüsebeeten etwas Leckeres wächst, dass eine selbstgebaute Feuerstelle doppelt schön ist und dass ein einfaches Frühstück im Freien nach getaner Arbeit besser schmeckt als ein Burger im Fastfood-Restaurant.
Wenn dieser Lebenskompetenzunterricht aber ins Belieben der Lehrer gestellt ist, hängt viel von ihrer eigenen Lebenserfahrung und Motivation ab. Fritz-Schubert plädiert deshalb für die Institutionalisierung eines Fachs, in dem es um die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler geht, in allen Betreuungs- und Schulformen altersgerecht vom Kindergarten bis zum Abitur. An der Willy-Hellpach-Schule steht Glück gleichberechtigt neben Fächern wie Chemie und Musik. Auch die Notenvergabe ab einer bestimmten Jahrgangsstufe ist dabei kein Problem. Bewertet werden Mitarbeit, Verhalten und schriftliche Zusammenfassungen des Gelernten.
Manchmal muss man sich einfach nur trauen..
Timo Kolb hat an einem von Fritz-Schubert gegründeten Institut für Persönlichkeitsentwicklung in Heidelberg eine einjährige Fortbildung zum Glückslehrer gemacht. Sein Wissen gibt er jetzt nach dem Schneeballprinzip an Kollegen weiter. Er wünscht sich, dass seine Schüler sicher im Leben stehen. Dass sie merken: Jeder hat seinen Platz, jeder gehört dazu. Beeindruckt hat ihn ein kleines Mädchen, das sich lange nicht über die Wackelbrücke traute. Die Kinder hatten Wünsche aufgeschrieben und sollten ihnen entgegenlaufen. Irgendwann hat das Mädchen sich ein Herz gefasst, den Balanceakt gemeistert und festgestellt: »Manchmal muss man sich etwas trauen, um herauszufinden, wie toll es ist.« Auch beim Klettern kommt es auf Vertrauen an. Wer nach oben steigt, merkt: Ich kann etwas erreichen, ich kann in meinem Leben nach oben kommen. Wer unten steht und sichert, spürt: Ich habe Verantwortung, jemand vertraut mir.
Die meisten Schüler gehen gern in den Glücksunterricht. »Man fühlt sich wohler und erleichterter. Es ist ein besserer Start in den Tag«, sagt Freydun. Frederik gefällt, dass der Unterricht das Positive in den Vordergrund rückt. Sonst heißt es schnell, die Aufgabe war zu schwer, die Stunde doof, die Pause langweilig. Der Glücksunterricht am Freitagmorgen macht im Gegensatz dazu ein gutes Gefühl: »Das ist ein perfekter Wochenabschluss, und vor der Pause ist man viel besser drauf.«
Erst Aktion, dann Reflexion
Im Unterricht folgt auf eine Aktion immer die Reflexion. Schüler und Lehrer kommen im Kreis zusammen, besprechen, was sie erlebt haben, ordnen die Emotionen gemeinsam ein. »Das Ganze darf nicht als Spiel stehen gelassen werden«, betont Timo Kolb. »Die Schüler sollen sich Gedanken machen.« Auch wenn manche Übungen gerade für Jugendliche albern scheinen mögen, die meisten machen engagiert mit, lassen sich auf Rollenspiele ebenso ein wie auf Entspannungstechniken.
Gegen Ende der Stunde läuft Musik, die Schüler sollen die Augen schließen und sich auf ihren Atem konzentrieren. »Man fühlt sich wie auf einer Wolke, als wär man gar nicht da«, sagt hinterher ein Junge. »Ich war entspannt und musste an gar nichts denken. Man war positiv leer«, ein anderer.
Es ist eine Menge Anerkennung, die Kolb in seinem Unterricht bekommt. Er hat sie sich verdient, denn Glücksunterricht fordert die Lehrer in besonderer Weise - vielleicht auch weil die Schüler anspruchsvoller werden. Wer lernt, Dinge zu hinterfragen, lässt sich nicht mehr mit vorgefertigten Antworten abspeisen, meint Fritz-Schubert. Wer ermutigt wird, mutig zu sein, will das auch ausprobieren und gibt Widerworte. Schule sollte diese Widerstände nicht nur aushalten, sondern fördern.
