Die Veganerin
Katja Kaminski kämpft um Aufmerksamkeit. Nicht für sich, sie steht gar nicht so gerne in der Öffentlichkeit, aber sie will alles, was ihr wichtig ist, ans Licht bringen. Das verborgene Leiden von Tieren etwa. Die 29-Jährige mit den auffälligen, bunt umwickelten Dreadlocks und dem geschorenen Seitenhaar ist ein Kochbuchstar der veganen Szene. Doch statt lediglich Möhren zu schnippeln und unpolitisch in ihren Kochtöpfen zu rühren, macht sie gegen Mord und Totschlag in der Massentierhaltung mobil. Oder setzt sich auch schon einmal in einen Käfig, um gegen die Quälerei von Zirkustieren zu protestieren.
»Der letzte Zirkusprotest war in Lollar«, erzählt sie, »wir haben uns abgewechselt im Käfig, ich saß insgesamt etwa drei Stunden darin. Irgendwann hält man die Position nicht mehr aus und muss sich strecken und was trinken.« Wie sie sich selbst sieht? »Ich sehe mich in erster Linie als Tier- und Menschenrechtsaktivistin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Welt ein klein wenig zu verbessern«, schreibt sie im Internet in einem Eintrag auf der Nachhaltigkeitsseite www.greenestgreen.de.
In der Idealwelt von Katja Kaminski gehen Kühe ihrer Wege und dürfen Kälbchen bekommen, wann die Natur sie dazu treibt. Schweine wühlen im Dreck. Menschen »halten« keine Tiere, sondern respektieren sie als gleichberechtigte Lebewesen. Paradiesische Zustände eben. Wenn nur alle ein bisschen mitfühlender wären, ein bisschen aufmerksamer, davon träumt sie. Aber sie belässt es nicht dabei. Katja Kaminski will andere mit ihrer Überzeugung anstecken. Darum wird bei ihr selbst das Kochen zur politischen Aktivität, wie zum Beispiel auf dem Vegan Spring, einem veganen Straßenfest in Hannover. Dort stand die Aktivistin im Mai vor zwei Jahren mit damals orange gefärbtem Irokesenkamm, ein Headset vor dem Mund, und kochte und erzählte den Leuten gleichzeitig weithin hörbar etwas über fairen Handel.
Vegane Knusperschnitzel
»Wenn ich öffentlich koche, dann hauptsächlich für Leute, die noch nicht lange oder noch gar nicht vegan leben. Das heißt, ich mache zum Beispiel veganen Gulasch. Also etwas, das an den Geschmack von Fleisch erinnern soll.« Solche Rezepte stehen auch in ihrem Kochbuch »Kochen mit Herz ohne Mord und Totschlag«.
»Es ist für Leute gedacht, die erst mal Fleisch vermissen. Deshalb gibt es das vegane Knusperschnitzel, vegane Bolognesesauce und solche Dinge, Geschnetzeltes, das kann man alles ganz gut mit Soja nachkochen«, sagt sie.
Vegan Spring ein Jahr später: Katja Kaminski ist nicht mehr dabei. An ihrer Stelle kocht Jérôme Eckmeier. »Ich bin eigentlich kein Bühnenmensch«, sagt sie, »und in den Kochshows ganz gut ersetzbar. Es gibt eine ganze Reihe ausgebildeter Köche, die das auch gut können.« Die Frage, was und wie man vegan kochen kann, ist spätestens seit Attila Hildmann, der das als einen Weg, um gesund und fit zu werden, propagiert, kein Thema mehr. Kaminski benutzt ihre Bekanntheit, die zum Teil auf diesen Auftritten beruht, um ihre beiden veganen Kochbücher auf den Markt zu bringen.
Ihr Sohn litt an Lebensmittelallergien
Vegetarierin ist die Köchin und Tierrechtlerin schon mit 17 Jahren gewesen, zur Veganerin wurde sie erst vor vier Jahren. Ihr Sohn litt an Lebensmittelallergien und Neurodermitis. »Nichts half mehr. Schließlich hieß es, er müsse Kortison nehmen. Da beschloss ich, es anders zu versuchen und stellte seine Ernährung auf veganes Essen um. Seitdem geht es ihm gut«, erzählt sie.
Katja Kaminski ist sicher, dass das Interesse am veganen Leben über Aufklärung läuft. Dass der Mensch Fleisch essen müsse, streitet sie ab. Eine »typische Fehlinformation«, sagt sie, der lange Darm des Menschen sei »eindeutig von Pflanzenfressern«. Fleisch verbleibe viel zu lang darin, Fäulnisprozesse seien die Folge. Studien zeigten, dass nicht nur Fleisch, sondern generell tierisches Eiweiß Entzündungsprozesse und die Entartung von Zellen begünstigten. Sie selbst und ihre Kinder seien ein Beleg dafür, wie man ohne Fleisch und Milchprodukte »wunderbar wachsen und sich entwickeln« könne. Aber auch die Ökologie spreche gegen den Fleischkonsum: »Dieselbe Strecke Landes, welche als Wiese, das heißt als Viehfutter, zehn Menschen durch das Fleisch der darauf gemästeten Tiere aus zweiter Hand ernährt, vermag, mit Hirse, Erbsen, Linsen und Gerste bebaut, hundert Menschen zu erhalten und zu ernähren.« Diese Worte schrieb bereits der 1769 geborene Naturforscher Alexander von Humboldt.
Allerdings: Die Gründe für die menschliche Aggression gegen Mitgeschöpfe seien vielfältig, sodass es unwahrscheinlich sei, dass ein bloßer Appell an die Vernunft ausreiche, sie zu beseitigen. Aber darum geht es Kaminski auch nicht. Sie wünsche sich zwar, dass »alle zur Einsicht kommen«, aber bis dahin freut sie sich »über jedes einzelne Tier, dem es besser geht, und über jeden Menschen, dem geholfen werden kann«.
Autorin des Kinderbuches »Die geschenkte Freiheit«
Was ihr völlig gegen den Strich geht, sind die glücklichen Hühner und Kühe, die allenthalben in Kinderbüchern vorkommen. Das hält sie für absichtliche Lügen: »So etwas gibt es doch praktisch nicht mehr.« Und auch in den Supermärkten finde man keine Eier, keine Milch oder Fleisch mehr, die von »glücklichen« Kühen und Rindern stammen. Die Tiere würden als Fleisch- oder Milchproduktionsmaschinen betrachtet »und nicht als Lebewesen«. Weil es nicht genügend Kinderbücher zum Thema Tierrechte gibt, hat sie kurzerhand selbst eines geschrieben: In dem Buch »Die geschenkte Freiheit« erzählt sie die Geschichte der Kuh Lotti, deren Stalltür eines Nachts von Tierbefreiern geöffnet wird. Lotti begibt sich auf den Weg in die Freiheit und landet schließlich auf einem Gnadenhof.
Woher ihre so stark empfundene Verbundenheit mit allen Lebewesen kommt, kann die gebürtige Augsburgerin auch nicht erklären. Dass es mit christlichen Werten etwas zu tun hat, die in ihrem katholisch-konservativen Elternhaus eine große Rolle gespielt haben, verneint sie. Allerdings seien der Umgang mit Lebensmitteln und eine bewusste Ernährung zu Hause schon sehr wichtig gewesen; »bei uns wurde das Brot aus selbst gemahlenem Mehl gebacken«, sagt sie. Das Verständnis der Eltern für die Ansichten und den Kampf der Tochter sei jedoch begrenzt. »Möglichst kein Leid zu erzeugen« sei ihre Grundeinstellung, sagt Katja Kaminski. Mit dieser Haltung stehe sie wohl dem Buddhismus noch am nächsten.
Vegane Zutaten aus dem Internet
Der Wunsch nach einer Schule, die sie und ihre Kinder unterstützt, anstatt sie auszugrenzen, hat sie nach Tirol geführt. Hier bestellt sie ihre veganen Zutaten über das Internet und bezieht ökologische Lebensmittel von Bauern aus der Umgebung. Mit ihren bunten Haaren ist sie für viele im Dorf ein Fremdkörper. Mit den meisten Leuten hat sie keinen Kontakt. »Aber es passiert immer wieder, dass mich auch Ältere ansprechen und sagen, wie toll sie mein Aussehen finden und dass sie selbst sich das früher nicht getraut hätte.«
