Kolumne von Anne Lemhöfer
Zeugnistag – Bewertet durchs Leben
Es gibt dieses berühmte Lied von Reinhard Mey namens »Zeugnistag«. Mey singt darüber, wie er einmal die Unterschrift seiner Eltern gefälscht hat, weil sein Zeugnis so grottenschlecht war, dass er sich nicht traute, es vorzuzeigen. Kam natürlich raus. Urkundenfälschung! Noch schlimmer als die Fünf in Religion. Aber dann: »Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an. Und sagte ruhig: Was mich anbetrifft, so gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran. Das ist tatsächlich meine Unterschrift. Auch meine Mutter sagte, ja, das sei ihr Namenszug. Gekritzelt zwar, doch müsse man versteh’n, dass sie vorher zwei große, schwere Einkaufstaschen trug.« Dieser Tage ist das Lied wieder in meiner Playlist, denn es gab Halbjahreszeugnisse für meine Kinder. Jedes Mal, wenn ich die Zeilen höre, muss ich vor Rührung schlucken, was vielleicht am Alter liegt, man wird ja sentimentaler. Neulich habe ich gedacht: Wenn es nur eine einzige Botschaft gibt, die sich Menschen zu Herzen nehmen sollten, die weitere kleine Menschen in die Welt setzen, könnte es diese sein: Stellt euch hinter eure Kinder, gerade dann, wenn es unschön wird. Genau so endet das Lied: »Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt, und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind: Wenn’s brenzlig wird, wenn’s schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt: Eltern, die aus diesem Holze sind.« Damit ist alles gesagt.
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden
Anne Lemhöfer, geboren 1978, ist Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau und freie Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Frankfurt am Main. Die Kolumne schreibt sie im Wechsel mit Peter Otten und Fabian Vogt.

