Falsche Helden
Männer, Gewalt, Krieg – klare Sache, logische Verbindung, so sind sie, die Männer. Das wird uns in der Berichterstattung von den Konfliktherden dieser Welt tagtäglich vor Augen geführt. Seien es junge Migranten aus Deutschland, die begeistert zu den Milizen der Islamischen Staates (IS) stoßen, seien es prorussische Separatisten in der Ukraine oder all die Söldner weltweit, für die es nachrangig ist, in wessen Auftrag sie kämpfen – immer sind es Männer, die wir kämpfen, schießen und töten sehen.
Die Frage ist jedoch: Sind Männer so? Oder muss man nicht vielmehr nach den Rahmenbedingungen und Leitbildern fragen, die Menschen männlichen Geschlechts zu »Männern« machen sollen?
Eines der zentralen Leitbilder für die Sozialisation von Jungen und Männern weltweit ist das des Helden, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht: Von mythologischen und religiösen Traditionen über die Heldenerzählungen verschiedenster Kulturkreise reicht der Bogen bis zu Filmen à la Hollywood. Die Botschaft lautet unmissverständlich: So sollst du sein. Das ist dein Auftrag als Mann.
Die Folgen des männlichen Herrschaftsanspruchs
Dieser Auftrag ist untrennbar mit dem Herrschaftsanspruch patriarchaler Gesellschaftsordnungen verbunden. Die Überordnung »des Mannes«, die wesensmäßige Vorordnung gegenüber »der Frau«, bedeutet eine Doppeltes: Zum einen das Recht, diese Höherstellung (»Privilegien«) zu haben und auszuleben – und zum anderen die Verpflichtung, dies auch zu tun. Wer dem als Mann nicht nachkommt, wird gesellschaftlich sanktioniert und Schwächling, Schwuchtel oder Memme genannt. Memme verweist zudem auf den Referenzpunkt, wie »der Mann« nicht sein soll, nämlich: wie eine Frau.
Mit dem Herrschaftsanspruch patriarchaler Gesellschaftsordnungen ist zudem die Pflicht verbunden, für Ehefrau, Familie und Besitz zu sorgen und diese vor Bedrohungen zu schützen. Dies führte unter anderem zur Kontrolle weiblicher Sexualität, da »der Mann« für die Integrität seines Hauses zu sorgen hatte und die weibliche Sexualität Teil seiner Ehre wurde; und es schloss die Pflicht ein, Familie und Besitz notfalls mit Waffengewalt zu verteidigen beziehungsweise auf gesellschaftlicher Ebene für Kaiser, Gott und/oder Vaterland einzustehen – gegebenenfalls auch mit dem eigenen Leben (»Hingabe-Imperativ«).
»Die Gesellschaft« will das so. Anders ist kaum erklärbar, dass es in vielen Staaten eine Wehrpflicht gibt, die explizit festhält, dass Männer verpflichtet sind, die »Schule der Männlichkeit«, wie das Militär oft genannt wurde, zu absolvieren. Männer müssen zum Heer, Frauen dürfen (mittlerweile). Dass in manchen Ländern die Wehrpflicht derzeit ausgesetzt ist, ändert nichts an der grundlegenden gesellschaftlichen Erwartung, dass – zumindest im Prinzip – alle Männer in der Lage sein sollen zu töten (»Tötungsimperativ«). Wer nicht töten können will, wird eingesperrt oder bestraft in Gestalt eines längeren Wehrersatzdienstes.
Damit ist freilich nicht gesagt, dass jeder militärisch Ausgebildete auch im zivilen Leben ein erhöhtes Gewaltverhalten zeigt. Es geht vielmehr um die Verortung bestimmter menschlicher Verhaltensweisen, die als Wesensbestimmung dem einen oder (!) dem anderen Geschlecht zugeordnet sind: hier der gewalttätige Mann, dort die wesensmäßig friedfertige und Leben bewahrende Frau. Punkt.
Auch Mädchen können zur Gewalt erzogen werden
Die Realität sieht freilich anders aus, wie die steigende Zahl von »Gangsta Girls« etwa in Großbritannien zeigt. Mit anderen Worten: Wenn Mädchen Gewalttätigkeit zu ihrem legitimen Verhaltensrepertoire zählen können, wenn also dieses Verhalten nicht sanktioniert, sondern von den Gang-Mitgliedern anerkannt und belohnt wird, so stehen sie den Jungs kaum nach. Während des Irak-Krieges unter US-Präsident Bush junior gingen die Fotos der US-amerikanischen Soldatin Lynndie England durch die Weltpresse, die an der Folter irakischer Gefangener in Abu Ghraib beteiligt war (wobei die Frage ihrer Verantwortung dafür kontrovers diskutiert wurde). Ähnliches gilt etwa für Hertha Oberheuser, die Ärztin im KZ Ravensbrück war und in ihrer Verteidigung geltend machte, dass sie als Frau zu den ihr vorgeworfenen Grausamkeiten gar nicht fähig wäre; oder für Nancy Wake, eine Agentin der britischen Special Operations im Zweiten Weltkrieg, die später voller Stolz von ihren Tötungen mit bloßen Händen erzählte.
Zur Klarstellung: Mit diesen Beispielen sollen die Verbrechen von Männern nicht kleingeredet werden, es soll nur darauf verwiesen werden, dass die entsprechenden Bedingungen, nämlich dass gewaltsames, grausames Verhalten legitim sei, entscheidend sind für ein solches Verhalten – und nicht die geschlechtliche oder kulturelle Zugehörigkeit.
Darum nimmt es nicht Wunder, dass Männer aufgrund der gesellschaftlichen Leitbilder eine besondere Affinität zur Gewalt haben: Es ist Teil eines legitimen und von ihnen erwarteten Verhaltensrepertoires. Aggression jedoch ist nicht männlich, sondern menschlich. Deshalb muss die Sozialisation bei Jungen wie Mädchen darauf hinwirken, dass sie lernen, mit Aggression auf nichtdestruktive Weise umzugehen (nicht: sie zu verdrängen oder zu dämonisieren!) und Konflikte ohne Gewalt zu lösen.
Männlichkeit müsste von dem Begriff der Ehre befreit werden
Insbesondere aber ist es weltweit notwendig, Männlichkeit von dem traditionellen Begriff von Ehre zu befreien, da wir in einer »Post-honour World« leben, wie dies der Islamwissenschaftler Akbar Ahmed in seinem Buch »Islam Under Siege« (2003) formuliert hat. Das bedeutet, Abschied zu nehmen von dem Überordnungsanspruch von Männern gegenüber Frauen, der Kontrolle weiblicher Sexualität durch männliche Familienmitglieder und der Absolutsetzung insbesondere religiöser Systeme, die lediglich in Perversion und Barbarei mündet.
Das ist eine enorme Aufgabe. Denn sie ist verbunden mit großer Verunsicherung, die viel dazu beiträgt, dass junge Männer, deren Bilder von Männlichkeit ganz dem traditionellen Schema entsprechen, Sicherheit bei jenen falschen Propheten suchen, die Klartext sprechen: zur Geschlechterordnung, zur Überlegenheit der eigenen Rasse, Nation, Religion oder Weltanschauung und zu der Notwendigkeit, »die Welt« vor all dem retten zu müssen, was vielen mit der Aufklärung, durch die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs oder durch die Frauenbewegung lieb und teuer geworden ist.
Boko Haram trägt dieses Programm im Namen (in etwa: »Nichtislamische/westliche Bildung ist verboten«). Gleichzeitig ist es an Doppelmoral und Heuchelei kaum zu überbieten, dass diese und andere pseudoreligiösen Schlächter wie der IS mit modernen Kommunikationsmitteln (des Westens) operieren – State of the Art, wie die New York Times schreibt. Dazu gehört auch, dass sie Frauen am liebsten hinter abgedunkelten Fenstern und Burkas wegsperren, Selbstmordattentäterinnen der größeren medialen Aufmerksamkeit wegen aber willkommen heißen.
Es ist nicht nur ein Krieg gegen die Frauen, wie Radford Ruther nach 9/11 gemeint hat. Es ist auch ein Frontalangriff auf jene Männer, die sich dem Tötungs- und Hingabeimperativ widersetzen und ein partnerschaftliches Miteinander der Geschlechter leben wollen. Darum ist das, was wir derzeit erleben, kein Konflikt Ost gegen West (eben kein »Clash of Civilisations«, der Homogenität in den jeweiligen Kulturen suggeriert), sondern ein Konflikt innerhalb der Kulturen und zwischen ihnen.
Es geht um die Gleichstellung der Geschlechter
Es geht um die Menschenrechte, um die Gleichstellung der Geschlechter und die Frage, wie man religiös leben kann unter den Bedingungen einer globalisierten Welt und damit einer pluralistischen Gegenwart und Zukunft. Und dies betrifft die Ansichten über das Verhältnis der Geschlechter, das Männlichkeitsbild und die religiöse Praxis zum Beispiel der ultrakonservativen Tea Party in den USA genauso wie jene der IS-Milizen.
