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Fußball: Das heilige Spiel

Wie Fußball die Welt verbindet, warum dieser Sport alle Skandale übersteht und wieso Männerbeine erotisch wirken. Ein Gespräch mit dem Sportphilosophen Gunter Gebauer
von Michael Schrom vom 24.06.2016
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Philosoph Gunter Gebauer: "Das Verbot der Hand sorgt für eine eigene Ästhetik und Dramatik." (Foto: istockphoto/ Eugene_Onischenko)
Philosoph Gunter Gebauer: "Das Verbot der Hand sorgt für eine eigene Ästhetik und Dramatik." (Foto: istockphoto/ Eugene_Onischenko)
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Publik-Forum: Herr Gebauer, Ihr jüngstes Buch über die »Philosophie des Fußballs« haben Sie »Ein Leben in 90 Minuten« genannt. Ist das nicht etwas hochgegriffen? Schließlich ist Fußball nur ein Spiel …

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Gunter Gebauer: Nur ein Spiel? In die Welt der Spiele wird aufgenommen, was die Menschen am meisten interessiert, und zwar in der Verbindung der extremen Pole: also das Ideal, das in der Welt nicht zu finden ist, und der Schmutz der Existenz, wie etwa Gewalt, Zufall und Macht. Das Schöne und das Hässliche, das Edle und das Gemeine fließen in ein Spiel mit ein.

Warum gerade Fußball? Was macht ausgerechnet diesen Sport für so viele Menschen zum Spiel der Spiele?

Gebauer: Das Verbot der Hand sorgt für eine eigene Ästhetik und Dramatik. Alle Kulturtechniken und feineren Ausdrucksmöglichkeiten des Menschen sind wesentlich unter Mitwirkung der Hand entstanden. Wenn der Einsatz dieses geschickten Körperteils verboten ist, muss der ganze Körper umcodiert werden. Das ungeschickteste Körperteil, der Fuß, trifft auf die perfekteste Form, die es im Denken und im Kosmos gibt: auf die Kugel oder den Ball. Das setzt nicht nur individuelles Können voraus, sondern auch ein entwickeltes Mannschaftsspiel. Denn der Ball kann ja nicht besessen, also am Körper festgedrückt werden, sondern muss zwischen den Spielern zirkulieren. Die Komponente des Gemeinschaftlichen ist außerordentlich groß. Das wiederum ist vor allem für jene Gesellschaften faszinierend, die auf Kollektive setzen.

Funktioniert diese Faszination weltweit?

Gebauer: In Europa, Afrika, Südamerika und einigen wichtigen Staaten Asiens ist der Fußball konkurrenzlos. In Japan zum Beispiel rangiert Baseball vor dem Fußball, weil die zeremonielle Art, wie Baseball gespielt wird, mit seinem Wechsel aus meditativen Pausen und reiner Kraftentfaltung beim Schlagen dem japanischen Männlichkeitsideal sehr entgegenkommt. Das, was in einer Gesellschaft wichtig ist, drückt sich auch in ihren Spielen aus. Spiele machen auf der Oberfläche sichtbar, was in den Tiefen einer Gesellschaft wichtig ist.

Was drückt sich denn im deutschen Fußball aus?

Gebauer: In Deutschland ist Gemeinschaftsarbeit sehr wichtig. Die Kooperationsfähigkeit gilt als hohes Gut, ebenso wie eine gute Organisation. Übertragen auf den Fußball wären das die Mannschaftsdienlichkeit, die Abstimmung zwischen Verteidigung, Mittelfeld und Angriff – und natürlich die große Bedeutung des Torhüters. Deutschland hat immer gute Torhüter gehabt. In dem Wort steckt ja das Behüten mit drin. Andere Sprachen haben dieses Wort gar nicht.

Als Jérôme Boateng beleidigt wurde, reagierten Politiker aller Parteien. Angela Merkel besucht die deutschen Spieler in der Kabine. Könige und Diktatoren sitzen in der ersten Reihe. Warum suchen sie die Nähe zum Fußball?

Gebauer: Dass Fußball beim Volk durch alle Schichten hindurch so beliebt ist, macht ihn für die Politik interessant. Politik hat kein großes Spektakel mehr, keine symbolischen Akte, keine Mythen. Das alles stellt der Fußball zur Verfügung. Fußballbegeisterung kommt auch oft von oben. Fußball kann zur politischen Herrschaftsabsicherung verwendet werden, wie die Golfstaaten zeigen. In China ist es die Begeisterung des Parteiführers, die dazu führt, dass dem Volk Fußball verordnet wird.

Wenn die Diäten im Bundestag erhöht werden, gibt es einen kollektiven Aufschrei. Dass ein zwanzigjähriger Fußballer fünf- oder sechsmal so viel verdient wie die Kanzlerin, stört dagegen niemanden. Warum eigentlich nicht?

Gebauer: Ich habe großen Respekt vor der Arbeit der Politiker. Aber Fußball wird auf der Ebene der Unterhaltung wahrgenommen. Spieler, die sehr viel verdienen, bereiten ihren Bewunderern auch sehr viel Freude. Und wenn sie viel verdienen, bleiben sie bei ihrem Verein, hat man hat die Freude für die nächsten Jahre garantiert.

Und deshalb gibt es kein Limit nach oben?

Gebauer: Die Fans sind unendlich bereit, hinzunehmen, dass Leute, die ihnen Vergnügen bereiten, ungeheuer gut bezahlt werden. Dennoch: Wenn bereits mittelmäßige Spieler ein Jahresgehalt von mehreren Millionen Euro einstreichen, ist das nicht gut – gerade mit Blick auf den Nachwuchs.

Kann man das nicht ändern? Die amerikanischen Profi-Ligen haben eine Obergrenze für Gehälter eingeführt.

Gebauer: Dort sind Clubs aber private Unternehmen, die Gewinne erwirtschaften müssen. In Europa dagegen gilt ein Fußballverein nicht als Wirtschaftsunternehmen. Bis auf Bayern München sind alle europäischen Spitzenclubs überschuldet. Aber sie werden jedes Mal gerettet. Durch den Staat wie in Spanien, durch exorbitante Fernsehgelder und arabische Scheichs wie in England oder durch ausländische Kapitalisten, die sich davon Werbung oder Freude versprechen. Es sieht nicht danach aus, als würden diese Quellen versiegen. Im Gegenteil. Es kommen ständig neue Finanziers hinzu.

Egal ob betrogen, geschmiert oder manipuliert wird: Noch kein Skandal hat dem Fußball wirklich geschadet. Wieso sind die Fans bereit, alles zu verzeihen?

Gebauer: Was im Fußball geschieht, wird nicht unter ethischen Gesichtspunkten wahrgenommen. Das liegt zum Teil daran, dass der Fußball von sich aus schon darauf angelegt ist, bestimmte Gewalttaten und Grausamkeiten gegenüber anderen zu vollbringen – und dass das im Spiel für gut geheißen wird. Das Zweite ist: Durch die Rituale und die kultische Verehrung nimmt er einen Sonderbereich des Lebens ein. Großen Helden wird alles verziehen, auch von Journalisten, die sonst scharf nachhaken. Nehmen Sie als bestes Beispiel »Kaiser« Franz Beckenbauer. Dennoch finde ich es skandalös, dass das Thema Doping erfolgreich tabuisiert wird. Es wird behauptet, Doping funktioniere im Mannschaftssport nicht – und alle glauben das, weil sie es glauben wollen.

Welches Bedürfnis erfüllt ein Fußballspiel?

Gebauer: Ich glaube, man geht vor allem ins Stadion, weil man Freude und Spannung erwartet. Die Arbeitswelt verlangt einen extrem zivilisierten Umgang und ein fast unkörperliches Verhalten. Was zählt, sind Konzentration, Präsentation und Kommunikation – im Vergleich dazu ist Fußball totale Entspannung. Je stärker die zivilisatorischen Anspannungen steigen, desto hemmungsloser ist man auf dem Fußballfeld, und man schämt sich auch nicht für seine Hemmungslosigkeit. Bei einem Tor springt man auf, umarmt wildfremde Leute, skandiert Lieder. Sogar Männer dürfen dort weinen.

Wieso ist Fußball keine reine Männersache mehr?

Gebauer: Der Fußball hat sich verändert. Und die Frauen haben sich verändert. Ich glaube, dass gerade jüngere Frauen ein Interesse haben, durchtrainierten Fußballern zuzuschauen. Dass es viel weniger Frauen gibt, die Frauenfußball anschauen, zeigt ja, dass sie am Männerfußball etwas finden, was der Frauenfußball nicht hat.

Der wird aber auch weniger gefördert und vermarktet …

Gebauer: Stimmt alles. Aber der weibliche Fuß ist kulturell anders konnotiert. Kleinere Schritte zu machen, feine Strümpfe zu tragen, sich die Beine zu rasieren – all dies entspricht dem weiblichen Schönheitsideal und wird von Frauen auch selbst als schön gefunden. Die männliche erotische Geste funktioniert viel stärker über das kraftvolle Gehen, das Sich-Durchsetzen und Sich-Platz-Verschaffen. Deshalb war und ist der Fußball eher ein Sport, der die männliche Erotik in Szene setzt.

Theodor Adorno sagte, Sportturniere seien Modelle von totalitären Massenveranstaltungen, denn zum Sport gehöre es nicht nur, anderen Gewalt anzutun, sondern auch, selbst zu parieren und zu leiden. Hatte er recht?

Gebauer: Ich finde das übertrieben. Wenn man selbst aktiv ist, leidet man gelegentlich beim Training. Aber man tut das, um besser zu werden. Und man erfährt dieses freiwillige Leiden als Ausdruck von Lebendigkeit. Als Fan leidet man, wenn die eigene Mannschaft absteigt, oder freut sich, wenn sie aufsteigt. Das ist einerseits eine Erlebnisdichte, die wir im Alltag kaum mehr haben – und zugleich ist es nur symbolisch, denn man kann es auch zur Seite schieben, da es nichts mit der Familie oder der Arbeit zu tun hat.

Wie erklären Sie sich die Gewalt und den Rassismus, die bei Spielen immer wieder aufflammen?

Gebauer: Im Stadion gibt es jede Menge fremdenfeindlicher Rituale, aber meist nur gegen die Spieler anderer Mannschaften. Das ist zum Teil Rassismus, zum Teil die übliche Fanfeindschaft gegenüber gefährlichen Spielern der Gastmannschaft. Die Gewalt, die auf dem Spielfeld in gebändigter Weise da ist, schlägt sich natürlich auch in einer kriegerischen Sprache nieder. Dagegen ist nichts zu sagen, solange es nicht zu echten Feindschaften kommt. Hooligans dagegen wollen Stadien als Bühne für ihre Gewaltlust nutzen. Mit dem Fußball hat das relativ wenig zu tun. Entscheidend ist, wie militant Jugendgruppen sind, die in den Fußball drängen, und ob diese durch rechte Hetzer unterwandert und angestachelt werden.

Sangeslust, Verehrung, begeisterte Hingabe: Warum erlebt man all das im Stadion, aber so selten im Gottesdienst?

Gebauer: Das kann allenfalls noch bei den Pfingstkirchen in Afrika und Südamerika funktionieren. Die christliche Kirche hat eine Botschaft, eine Schriftkultur. Alles, was eine entwickelte Religion inhaltlich ausmacht – Verheißung, Vergebung, Erlösung, Leben nach dem Tod –, hat der Fußball nicht. Wenn jemand krank ist oder stirbt, kann ihn der Fußball auch nicht retten. Der Fußball hat keine Botschaft. Er ist notwendigerweise antispirituell.

Auch wenn Fußballclubs eigene Gräberfelder anbieten?

Gebauer: Das ist vielleicht Kult, aber kein Trost. Auf der anderen Seite hat der Fußball etwas, was der Kirche zunehmend fehlt: nämlich gelebte kollektive Rituale. Die blitzen im Christentum vielleicht noch an Weihnachten auf, aber sonst nicht mehr. Émile Durkheim, der Begründer der Religionssoziologie, hat einmal gesagt: Die Vision des Göttlichen entsteht aus rituellem Handeln – vollzogen an bestimmten Orten, zu immer gleichen Zeiten, mit bestimmten Gesängen oder Tänzen, in denen sich eine Gemeinde als stark erlebt.

Und das ist beim Fußball der Fall?

Gebauer: Ja, dieses Gefühl der Stärke, das gemeinschaftlich erzeugt wird, überträgt sich auf die Spieler. Religiös gesprochen geht die Kraft der Gemeinde über auf die Spieler, die Energie fließt zu den »Erwählten«. Die Gemeinde sagt ja nicht, wir als Fans sind stark, sondern »unsere Spieler« sind stark. Dadurch werden die Spieler noch einmal erhöht, sie sind Heilige. Allerdings müssen sie – im Unterschied zu den Heiligen der Kirche – ihr Auserwähltsein in jedem Spiel neu unter Beweis stellen. In den Mythen und Ritualen liegt der Vergleichspunkt von Fußball und Religion – nicht im Inhalt.

Ist Fußball die einzig funktionierende Weltreligion?

Gebauer: Im allerweitesten Sinne kann man das sagen. Wir erleben überall Spaltungsprozesse, die anhand von religiösen Lehren entstehen. Der Fußball als inhaltsleere Religion führt dagegen Menschen zusammen. Fußballspiele haben weltweit die höchsten Einschaltquoten. Alle sind daran interessiert, und alle akzeptieren auch das Ergebnis. Der Glaube, dass eine Fußball-Weltmeisterschaft tatsächlich den Weltmeister kürt, wird von allen geteilt. Allerdings ist die weltweite Begeisterung für den Fußball, sozusagen der Aufstieg zur Weltreligion, noch ein sehr junges Phänomen. Wir wissen nicht, wie sich das weiterentwickelt.

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Personalaudioinformationstext:   Gunter Gebauer, geboren 1944, ist Philosoph, Sportwissenschaftler und Linguist. Bis zu seiner Emeritierung war er Professor an der Freien Universität Berlin. Er hat immer wieder den Sport – und insbesondere den Fußball – zum Gegenstand philosophischer Betrachtungen gemacht. Zuletzt erschien von ihm »Das Leben in 90 Minuten. Eine Philosophie des Fußballs« im Pantheon Verlag, München.
Schlagwörter: Fußball Gemeinschaft
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