Fußball süß-sauer
Eigentlich wollten wir zur Bacon-Giacometti-Ausstellung nach Basel. Und am Wochenende drauf ist große Mineralienmesse in Saint Marie aux Mines im Elsass. Auch ein lohnender Ausflug – interessierte sich nicht schon Goethe für Steine? Doch es ist Fußball. Die nächsten viereinhalb Wochen verbringen wir deshalb in Russland. Das heißt, im Wohnzimmer vor der Glotze oder beim Public Viewing.
Muss das sein? Jede freie Minute vergeuden wir alle zwei Jahre während der Welt- und Europameisterschaften! Hat man mit fortschreitendem Alter die Nase nicht voll von den immer gleichen Fragen, die den Fan piesacken, der unbedarft genießen will: Fußball ist doch auch politisch? Stützt eine WM in Russland nicht das System Putin? Und ebenso mantrahaft vorgetragen die Repliken, die den politisch wacheren Zeitgenossen verzweifeln lassen: Es geht nur um Sport! Was abseits der Stadien passiert, interessiert doch nicht.
Freuen wir uns schon mal auf die WM in vier Jahren in Katar: Fußball in der Wüste bei fünfzig Grad in heruntergekühlten Arenen. Sklavenarbeit beim Stadienbau. Dieselben Debatten, dieselbe Folgenlosigkeit. Anpfiff zum Eröffnungsspiel!
Die Kommerzialisierung hat die Schamgrenze überschritten
Dabei reicht es wirklich. Zu viel Tamtam. Der Logos ist Fleisch geworden, Fußball Event. Verkommen zur Show. Beim DFB-Pokalfinale vor einem Jahr musste man sich mit der Stadionwurst zur Halbzeit auch noch Helene Fischer reinziehen.
Die Kommerzialisierung hat die Schamgrenze überschritten. Spielermaterial, Hunderte Millionen schwer. Ein Milliardengeschäft, organisiert und vermarktet von einer Organisation mit Sitz in der Schweiz, korrupt, gierig und mafiös. Der Sportsgeist erstickt vom Mammon.
Und das Rahmenprogramm – eine Zumutung. Ausgediente Profis treten auf als »Experten«. Zur EM 2012 drapierte das ZDF eine Seebühne in der Ostsee bei Usedom mit Oli Kahn, dem Tor-Titanen. Plattitüden schwappten von dem Studio-Eiland, flach wie die stille See. Sätze wie: »Auf dem Niveau musst Du einfach top sein.« Oder: »Das zeichnet einen Weltklassestürmer eben aus, dass er im entscheidenden Moment das ein oder andere Tor macht. Da musst Du da sein.« Klar, musst Du das. Du schon. Phrasen, tausend Mal passiert, tausend mal nichts kapiert. Die ewigen Krawallmacher zünden bengalische Feuer, als seien sie im Krieg. Die TV-Kommentatoren kommentieren wie immer: »Wir sollten uns von ein paar Chaoten nicht den Sport kaputt machen lassen.«
Nein, sollten wir nicht. Aber auch nicht weiter das Publikum abgeben für alberne Inszenierungen, mit denen uns die Fernsehmacher schon Stunden vor dem Spiel an den Schirm fesseln wollen. Überbezahlte, luxusverliebte junge Männer mit Sonnenbrillen und Kopfhörern steigen aus einem Mannschaftsbus? Die Queen of England fährt wenigstens mit der Kutsche vor.
Affig, wenn ein weithin bekannter Gockel jeden Freistoß zelebriert, als spiele er die Hauptrolle im Western »High Noon« oder, wahlweise: als müsse er zum Urologen. Und was für ein Wahnsinn, wie viel Zeit und Energie eine ganze Nation auf Diskussionen über den Mittelfußknochen eines Torwarts verwendet.
Doch dann beginnt das Spiel ...
Doch dann, doch dann: das Spiel! Wenn der Ball rollt. Wenn er durch die Reihen läuft. Wenn er fliegt, wenn er flattert. Ach, wenn Spieler mit ihm zaubern. Wenn die Dramatik steigt. Wenn gegrätscht, geköpft, gefallrückziehert wird. Wenn Gegner ausgeknockt und niedergeramost werden. Wenn Schiedsrichterentscheidungen das Blut in Wallung bringen. Rot oder nicht Rot? Tor oder nicht Tor? Das sind hier die Fragen. Wenn ein Spiel kippt. Wenn man am Boden zerstört ist. Wenn Gerechtigkeit doch noch siegt. Wenn man schreit vor Glück. Wenn Fußball wie das Leben ist. Dann ist aller Unmut vergessen.
Jedoch, in einem Moment, als die Euphorie gerade durch die Decke ging, war alle Passion schnell am Boden. Durch einen einzigen Satz der Mutter, die mit Fußball nichts am Hut hat, doch manchmal strickend mit vorm Fernseher sitzt. Als Mario Götze im WM-Finale 2014 in der 113. Minute gegen Argentinien Deutschland zum Weltmeister und seine Fans in den siebten Himmel schoss, fragte sie: »Wer wäscht eigentlich die Leibchen der Spieler?« Blick auf die Uhr, Abpfiff. Danke!
