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Gern geschehen!

»Und es waren Hirten auf dem Felde ...« So erzählt es der Evangelist Lukas in der Geschichte von Jesu Geburt. Hirten, die die Freunde Jesu wurden. Aber wie gewinnt man die Freundschaft von Hirten? Wenn man schon ein weniger älter ist, als es das Jesuskind war, geht man am besten mit ihnen mit. Treibt das Vieh. Sitzt am Feuer. Teilt das Brot. Und arbeitet. Wie die anderen auch. Dann gehört man dazu. Aber das ist nicht mit einem kurzen Besuch auf der Weide getan. Oh nein ...
von Jürgen Israel vom 25.12.2013
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(Foto: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.)
(Foto: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.)

Seit Mai lebe ich in dem kleinen siebenbürgischen Dorf Caþa. Von Anfang an hat mich die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Lebensweisen beeindruckt: Am Morgen geht ein Hirt durchs Dorf und knallt laut mit der Peitsche. Das ist das Zeichen, dass Kühe und Pferde auf die Straße gelassen werden können. Auf dem Rückweg treibt er die Tiere vor sich her; aus einer anderen Richtung kommt ein zweiter Hirt mit einer Herde Kühe, die er bereits gemolken hat. Gemeinsam treiben sie die Tiere, ungefähr 130 Stück, auf die Weide. Am Abend kehren sie zurück.

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Das war vor 50 Jahren kaum anders. Aber heute haben die Hirten Handys, und an allen Häusern hängen Satellitenschüsseln für den Fernsehempfang. Menschen, die in ihren Häusern kein fließendes Wasser haben, sondern sich jeden Eimer aus dem Brunnen hochziehen müssen, benutzen Laptops.

Dem morgendlichen Viehaustrieb habe ich, so oft ich konnte, zugeschaut. So bin ich im Sommer um sechs – zum Herbstbeginn etwas später – an die Kreuzung gegangen, an der der Hirt zum ersten Mal mit der Peitsche knallt, habe ihm zugehört und zugeschaut, habe gewartet, bis alle Tiere zusammenkommen, und bin hinter ihnen her bis ans Dorfende gelaufen. Das ganze dauerte eine Dreiviertelstunde.

Allmählich wurden aus der morgendlichen Begrüßung kurze Gespräche: ich mit meinem wenigen Rumänisch, der Hirt mit seiner wenigen Zeit. Schon nach den ersten Tagen hatte ich den Wunsch, einen ganzen Tag mit den Hirten und den Tieren unterwegs zu sein.

An einem Septembersonntag war Viehmarkt in Caþa. Dort traf ich den Hirten, mit dem ich mich morgens oft unterhalten hatte. Er wollte ein einjähriges Pferd verkaufen. Hier konnte ich ihn fragen, ob ich einmal einen ganzen Tag mit der Herde mitgehen dürfte. Er stimmte sofort zu, und wir vereinbarten den nächsten oder übernächsten Tag.

Am Morgen stand ich kurz nach halb sieben an der Kreuzung. Ich hatte eine Flasche Mineralwasser, Brote und mein kleines Wörterbuch eingepackt. Als der Hirt kam und mich begrüßte, erklärte er, er habe eine Peitsche zu Hause, die wolle er für mich holen, wenn wir mit der Herde an seinem Haus vorbeizögen. Für ihn war also völlig klar: Wenn ich mitkäme, hätte ich auch mitzuarbeiten. An ein vielleicht stilles Mit- oder Hinterherlaufen hatte er nicht gedacht.

Diese Selbstverständlichkeit und Normalität, mit der die Hirten mich vom ersten Augenblick an behandelt und in die Arbeit einbezogen haben, empfand ich wohltuend. Anfangs haben sie mich gesiezt – dem Alter nach hätte ich ihr Vater sein können –, haben das Du aber sofort angenommen.

Bereits am frühen Nachmittag des ersten Tages wusste ich, dass ein Tag nicht ausreichen würde, auch nur ansatzweise eine Vorstellung vom Alltag der Hirten mit ihrer Herde zu bekommen. So bin ich vier Tage hintereinander mitgegangen und danach wöchentlich jeweils einen Tag. Ich wollte erleben, wie die wechselnden Jahreszeiten den Tagesablauf verändern, und vor allem die Verbindung zu den Hirten nicht verlieren.

An einem kalten, feuchten Tag haben wir gegen elf am Vormittag ein Feuer gemacht. Das heißt, als ich mir den letzten Tieren auf der Weide ankam, brannte das Feuer bereits. Wie das dem Hirten mit dem feuchten Holz so schnell gelungen war, bleibt mir ein Rätsel.

Im Unterschied zu den vorangegangenen Tagen, als jeder an einer anderen Seite der Herde saß, hockten wir alle drei zusammen; falls ein Tier die Herde verlassen wollte, rannte einer der beiden jungen Hirten hin und trieb es mit Geschrei und Peitschenknallen zurück.

Jeder packte aus, was er mitgebracht hatte, Wurst, Speck Zwiebeln, Käse, Tomaten, Paprika und Brot, und jeder aß auch von dem des anderen, allerdings erst nach einer ausdrücklichen Einladung. Ob es dieser ausdrücklichen Aufforderung auch bedarf, wenn ich nicht dabei bin, weiß ich nicht.

An einem Morgen zeigte mir der Hirt, mit dem ich mich inzwischen angefreundet hatte, seinen Hof und den Backofen mit dem davor zurechtgelegten Holz. Seine Mutter wolle Brot backen, und am Abend bekäme ich eins geschenkt.

Als wir abends die Tiere ins Dorf zurücktrieben, nahm er mich mit in den Hof. Seine Frau brachte ein Brot aus dem Haus und schenkte es mir. Es war noch warm. Als ich mich bedankte, lächelten beide Frauen, die junge Frau und vor allem die Mutter, so freundlich und vergnügt, dass das cu placere, vergleichbar unserem gern geschehen, nicht wie eine Formel klang, sondern ich hatte den Eindruck, sie freuten sich tatsächlich, dass sie mir ein Brot schenken konnten.

Das ist ein großes Geschenk, denn die Familie ist arm. Und es ist ein wunderbares Zeichen für Freundschaft und Wertschätzung. Alles, was ich schenken kann, fällt dagegen ab.

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Personalaudioinformationstext:   Jürgen Israel, Mitherausgeber von Publik-Forum, lebt für ein Jahr mit einem Schriftsteller-Stipendium in einem rumänischen Dorf.
Schlagwörter: Alltag Freundschaft
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