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Gott wird Wort

Das Geheimnis der Weihnacht erfasst Menschen auf wundersame Weise. Doch wie kann man in der modernen Welt vom Unsagbaren reden?
von Andreas Knapp vom 24.12.2018
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Heilige Nacht, Gott wird Wort: Wer kann dieses Geheimnis verstehen? (Foto: istockphoto/Alphotographic)
Heilige Nacht, Gott wird Wort: Wer kann dieses Geheimnis verstehen? (Foto: istockphoto/Alphotographic)

Seit zwölf Jahren lebe ich als katholischer Ordensmann mit süddeutschen Wurzeln in Leipzig. Auf einem Feld fühle ich mich immer noch als »Ausländer«: Wenn die Rede auf Religion, Glaube oder Kirche kommt, kann ich mich oft nicht verständlich machen. Als bei einer Umfrage in Leipzig Passanten gefragt wurden, ob sie evangelisch oder katholisch seien, antworteten die meisten: »Ich bin normal!« Man kann sich mit den meisten Leipzigern gut über die Welt unterhalten. Wenn die Sprache aber auf religiöse Themen kommt, verstummt der »homo areligiosus Leipzigensis« – so wie ich verstumme, wenn jemand über ein mir nicht bekanntes Gebiet fachsimpelt. Es ist wie bei Kindern, die manche Worte aus dem Gottesdienst falsch verstehen, weil sie ihnen nicht vertraut sind.

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Sie zweifeln nicht, sondern denken neu. Dann wird aus dem Samariter ein »zahmer Ritter«. Die drei Sterndeuter bringen Gold, Weihrauch und Möhren. Unter Pontius Pilatus, einer tödlichen Krankheit mit einem lateinischen Namen, sind damals viele gestorben. Und ein Märtyrer – das ist ein Mehr-Türer, also ein Auto mit mehreren Türen.

Einst prägte die Religion den Grundwortschatz unserer Sprache. In manchen Ausdrucksformen wird dies noch deutlich. »Gott sei Dank ist alles gut gegangen.« Oder: »Um Gottes willen!« Unsere Sprache hat diese Reliquien aus verflossenen Zeiten bewahrt. Sie liegen in unserer Sprachlandschaft herum, wie römische Tempelruinen, in denen schon lange nicht mehr gebetet wird, die man aber auch nicht abreißt – aus Pietät. Mag sein, dass sie irgendwann verfallen und Gras drüber wächst.

Ein einziges Wort, das trifft

»Im Anfang war das Wort.« So etwas kann man vielleicht von Gott sagen. Aber nicht von Menschen. Für uns gilt: Im Anfang war das Erleben. Das Wort kommt erst später. Ich wache auf und habe gute Laune. Oder ich erwache und habe Zahnschmerzen. Dieses Erleben ist etwas ganz Persönliches. Nur ich weiß, wie es mir geht oder wie sich mein Schmerz anfühlt. Was wir innerlich erleben, wollen wir oft äußern. Durch Körperbewegungen und Mienenspiel, Lachen und Weinen, Stirnrunzeln und Erröten. Und dann die Sprache. Mit dem Geburtsschrei geht es los. Wir äußern Schmerz oder Freude. Darin steckt der tiefe Wunsch: Ich will mich bemerkbar machen und anderen mitteilen. Nun beginnen wir, diese Äußerungen der anderen zu interpretieren und uns darüber zu verständigen. Das ist Sprache. Jetzt kommt das Wort. Und wir treten ein in das schier endlose Gespräch mit uns selbst und mit anderen (...).

Doch je wichtiger uns das ist, was wir sagen wollen, desto mehr fehlen uns die Worte. Wenn jemand zu Tode gekommen ist, vielleicht sogar auf tragische Weise, wenn ein Kind gestorben ist, die Partnerin ihrem Krebsleiden erlag, gibt es keine angemessenen Worte. Oder die Liebe. Einem anderen Menschen unsere Liebe zu erklären ist nicht möglich ohne ein Stammeln und Stottern.

Das gilt auch für unsere religiösen Erfahrungen. Wer von Gott etwas sagen will, dem versagen sich die Worte. Das Bilderverbot des Alten Testaments bringt dies zum Ausdruck. Es bedeutet, dass wir uns von Gott keine Bilder und auch keine Sprachbilder machen können. Denn Gott ist der Namenlose, der Unaussprechliche. Wir können Gott sprachlich nicht fassen. Zugleich aber wollen wir mit ihm in Beziehung treten. Der Sinn von Sprache ist ja, uns die Welt vertraut zu machen und Beziehung zu stiften. Denn wir leben im Haus der Sprache. Wenn die religiöse Sprachwelt freilich als fremd empfunden wird, bietet sie keine Heimat mehr. Wenn religiöse Worte nichtssagend geworden sind, lassen sie Gott nicht mehr zu Wort kommen. Sie haben ihren Sinn verloren.

Hier kann uns vielleicht das Wort »Geheimnis« weiterhelfen. Im Deutschen meint die Vorsilbe Ge- das Gesamt, so wie das Gebirge das Gesamt der Berge ist. Und dann: -heimnis. Darin steckt: heim, daheim sein, Heimat. So ist das Ge-heimnis das Gesamt dessen, worin wir daheim sind. In diesem Sinn kann auch von »Gott« als »Geheimnis der Welt« gesprochen werden. Mit »Gott« meinen wir das Gesamt, in dem alle Welt daheim ist. Zugleich weist das Wort »Geheimnis« darauf hin, dass wir Gott nicht fassen können. Denn ein Geheimnis bleibt uns immer auch entzogen. Es gibt keine religiöse Rede, die nicht zögerte, stotterte, unbeholfen wäre. Die Sprache von Gott müsste durchzittert sein, weil sie es wagt, von einem Unsagbaren zu sprechen, von einem Geheimnis. Man müsste ihr den Weg-Charakter anmerken, ihre Ungesichertheit, ihre Obdachlosigkeit (...). Dieses Geheimnis Gottes ist – so glauben wir – in Jesus Christus Mensch geworden. Damit wir menschlicher werden.

krippe

im gedroschenen stroh

des leeren geredes

kein körnchen wahrheit mehr

täglich wächst der hunger

dass ein wort geboren werde

nahrhaft wie ein weizenkorn

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Personalaudioinformationstext:   Andreas Knapp, geboren 1958, Autor des Textes und des Gedichts, war Studentenpfarrer und Leiter des Freiburger Priesterseminars, ehe er sich der Gemeinschaft der »Kleinen Brüder vom Evangelium« anschloss. Er verzichtete auf eine kirchliche Karriere und entschied sich für ein Leben als Arbeiterpriester in der Spiritualität von Charles de Foucauld. Knapp arbeitete als Putzkraft und Saisonarbeiter in den sozialen Brennpunkten von Paris, Neapel und Bolivien. Heute lebt er mit zwei Ordensbrüdern in einem Leipziger Plattenbau und engagiert sich in der Gefangenenseelsorge. Im März erhielt er den »Herbert Haag-Preis für Freiheit in der Kirche«. Seinen vollständigen Text – Titelthema der Publik-Forum-Ausgabe zu Weihnachten – lesen Sie hier mit Digitalabo.
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