Heimat
Ein Spätsommerabend im Garten. Die Amseln haben die Firste der umliegenden Dächer erklommen und singen ihr letztes Lied für diesen Tag. Schon geht der Mond auf. Am Himmel hält sich gerade noch ein wenig Licht. Aus der Ferne sind Posaunenklänge zu hören. Der Bläserchor übt im Turmzimmer der alten Kirche, wie jeden Dienstag. Still lauschen, sich nicht bewegen: Dieser Augenblick ist Heimat.
Ein lange verpöntes Wort ist wieder gesellschaftsfähig geworden. Heimat: Das ist alles, was der Mensch zum Leben braucht. Geborgenheit, Urvertrauen, Wärme, Nähe. In der Welt des 21. Jahrhunderts, in der der Mensch gleich mehrere Sprachen spricht und häufiger durch die Luft fliegt als wandert, ist Heimat der Moment, in dem man aufhört zu rennen. Es ist der Augenblick, in dem man innehält und spürt: Hier will ich sein.
Nicht immer war es leicht, von Heimat zu reden. Im Vaterland des 19. Jahrhunderts herrschte ein Patriotismus, der den Fremden den Platz am Katzentisch gab. Den einen gehörte die Welt, während die anderen missachtet wurden. Als später Hitler halb Europa in Brand setzte, trug ihn eine Ideologie, in der die Starken und Mächtigen allein das Recht auf Heimat gepachtet hatten. Mit dem Untergang dieses Irrglaubens schien auch das Ende der Heimat gekommen. Wer konnte jetzt noch von Geborgenheit und Wärme reden, von Zugehörigkeit und Liebe zu seinem Land? Der Begriff Heimat war auf eine schiefe Bahn geraten.
Heute erlebt das Wort »Heimat« eine Renaissance. Heimat muss sich nicht mehr an Ideologien messen, muss keine Nationalstaaten mehr begründen, keine Fremden mehr ausgrenzen. Wo der Mensch zum Weltbürger wird, weil die Globalisierung ihn aus seinem Mikrokosmos reißt, entwickelt sich ein neues Bedürfnis nach Behaustsein. Viele Menschen bewegt eine einfache Frage: Wo gehöre ich hin?
Heimat: Das ist der Ort, an den die Seele immer wieder zurückkehren kann. Und so schreiben die Autorinnen und Autoren dieses EXTRAs über das Glück, Heimat zu haben – oder die Sehnsucht, sie endlich zu finden. Manche besitzen eine »Heimathöhle Religion«, die man überall hin mitnehmen kann. Für andere liegt ein Zauber über jener Stadt, in der sie Kind waren und in der die Erinnerungen das Leben begründen.
Der Wunsch, sich in unsicheren Zeiten auf sichere Bande verlassen zu können, rückt die Familie in den Mittelpunkt. Für manchen ist sie schon deshalb Heimat, weil sie das Einzige zu sein scheint, was heute Bestand hat. Andere wissen zwar um ihre Herkunft, empfinden diese aber ganz und gar nicht als ein inneres Zuhause. Und es gibt beileibe nicht nur Probleme mit Eltern und Großeltern. Auch die eigene Generation kann einen Menschen heimatlos machen. Die »Großfamilie Deutschland Ost«, auch darüber berichten wir in diesem EXTRA, war sich offensichtlich nie so einig, wie sie lange von sich behauptete.
Dazugehören: Wie schafft man das in dem globalen Dorf, zu dem die Welt geworden ist? Man kann zum Kosmopoliten werden. Man kann sich in der Fremde auf 18 Quadratmetern eine Heimat schaffen. Man kann wandern zwischen den Welten. Behaustsein im Offenen. Und hin und wieder kann man die Heimat aus der Ferne betrachten. Ein wenig Abstand macht sie nur schöner. Und das Herz sicher: Hier will ich sein!
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