Hochzeitsglocken
Die folgende Mail ist zwar aus Datenschutzgründen verfremdet, aber nicht wirklich erfunden: »Sehr geehrter Herr Vogt, für den 30. Mai ist es uns gelungen, den letzten freien Termin in einer exquisiten Location am Wallersee (380 Kilometer entfernt) zu bekommen. Bitte seien Sie rechtzeitig um 14 Uhr vor Ort, damit wir im Garten der dortigen Schlossanlage Ihren Segen bekommen. Im Anhang finden Sie die Lieder, die von CD eingespielt werden sollen: Da wir Rockmusik-Fans sind, steigen wir mit ›Highway to Hell‹ ein und enden mit ›Time to Say Goodbye‹. Dazwischen kommt der Hochzeitsmarsch (der von André Rieu).
Ach ja: Unser Yoga-Trainer wird eine 30-minütige, heitere Ansprache halten (fassen Sie sich deshalb bitte bei Ihrer Predigt kurz, falls es die geben muss), und da wir beide auch zu östlichen Religionen neigen, haben wir – wie in Tibet üblich – neun buddhistische Mönche eingeladen, die die Zeremonie besiegeln. Außerdem wird die Bauchtanzgruppe meiner Verlobten auf dem Altar einen ayurvedischen Fruchtbarkeitstanz präsentieren, nachdem mein zukünftiger Schwiegervater die Braut nach vorne geführt hat.
Bevor ich es vergesse: Ziehen Sie doch bitte statt des schwarzen Talars etwas Farbenfrohes an. Und machen Sie es nicht zu christlich. Mit freundlichen Grüßen! Wir freuen uns schon sehr aufs Fest.«
Sie glauben, das gäbe es nicht? Dann irren Sie sich. Das gibt es. Und was es inzwischen auch gibt: dass statt des Brautpaares gleich der professionelle »Hochzeitsplaner« anruft, meistens ein Mensch, der vermutlich mal Oberfeldwebel war. Jedenfalls fragt er nicht, er ordnet an, was der Pfarrer zu tun habe. Und wie dieser die Sonderwünsche des jeweiligen Paares gefälligst erfüllen möge. Und wenn die nun mal als passionierte Sporttaucher unter Wasser heiraten wollten, dann solle die Kirche doch endlich mal mit der Zeit gehen.
Dann muss ich mich schon zusammenreißen, um freundlich zu erwidern: »An diesem Tag kann ich gar nicht, weil ich auf einer Fortbildung bin. Es wäre vielleicht besser gewesen, Sie hätten vorher mal angerufen.
Dazu kommt: Gottesdienste finden üblicherweise nicht in Gärten, in Schlosssälen oder in Achterbahnwagen statt, sondern in Sakral-Räumen. Jedenfalls bei uns. Ich kann nichts dafür, dass Sie zu viele amerikanische Schmalzfilme geschaut haben. Auch das Nach-vorne-Bringen der Braut durch ihren Vater wird in Deutschland kritisch gesehen, weil es symbolisiert, dass die Frau wie ein Gegenstand vom Besitz des Vaters in den Besitz des Ehemanns übergeht. Und – bei aller Liebe: Ich fahre auch nicht für eine Hochzeit quer durch die Republik.«
Manchmal wundere ich mich dann, wie viele Menschen denken, sie könnten das Glück machen. Es quasi herbeikonzipieren. Nach dem Motto: Je intensiver und spektakulärer wir etwas vorbereiten, desto sicherer ist uns das Glück. Das Großartige an Gottes Segen ist aber, dass man ihn weder planen noch organisieren kann – er wird einem geschenkt. Gerade bei einer Hochzeit. Und vielleicht führt ja das Vertrauen auf dieses Geschenk auch wieder dazu, dass Paare erkennen: Nicht das Event macht den Segen. Der Segen macht das Event.
