»Ich liebe die Posaunen der Hölle«
Publik-Forum: Herr von Bothmer, im September 2013 gab es den ersten Stummfilm-Gottesdienst Deutschlands – in der Berliner Marienkirche. Wie lief der ab? Erst die Predigt und dann Showprogramm?
Carsten-Stephan Graf von Bothmer: Nein. Bischof Markus Dröge, dessen Idee das Ganze war, hat aus dem Film »Metropolis« Ausschnitte, die ich musikalisch begleitet habe, in seiner Predigt im Hauptgottesdienst gezeigt und ausgelegt. Normalerweise werden ja Bibelstellen genommen und interpretiert, hier waren es Filmszenen.
Und das kam gut an?
Bothmer: Sehr gut. Es gab begeisterte und intensive Gespräche anschließend. Ich habe übrigens nicht nur die Filmszenen live vertont, sondern zum Schluss in einer Art Orgelnachspiel versuchte, die Predigt noch mal musikalisch zu verarbeiten.
Wann haben Sie das erste Mal in einer Kirche gespielt?
Bothmer: Das war 2004 in Berlin, in der Passions-Kirche. Zuvor war ich immer in Kinos und Open Air aufgetreten, denn seinerzeit gab es Stummfilme mit Livemusik nur dort. Aus dieser Beschränkung wollte ich heraus und habe die Passions-Kirche für einen Wochentag im Monat angemietet. Dort bin ich auch das erste Mal unter dem Titel »Stummfilm-Konzert« aufgetreten. Das Wort ist eine Erfindung von mir. Ich habe also Stummfilme gezeigt und sie live am Flügel begleitet. Plötzlich hatte ich zehnmal mehr Zuschauer als im Kino! Sakral wurde es aber erst, als ich anfing, die Filme auf der Kirchenorgel zu begleiten.
Wie kam das?
Bothmer: Durch Zufall. Eines Tages bekam ich einen Anruf von der Kirchengemeinde aus Sottrum. Der Pfarrer erklärte mir, er wolle einen Stummfilm zeigen, habe aber kein Geld. Na gut, es ist meine Heimatgegend, also habe ich zugesagt. Danach fragte er, ob ich nicht auf der Orgel spielen wolle, weil das doch irgendwie besser in die Kirche passe als ein Flügel. Ich hatte bis dahin noch nie eine Kirchenorgel angefasst. Aber ich dachte mir: Warum eigentlich nicht?
Ging es gleich gut?
Bothmer: Sagen wir so: Ich habe sehr unorthodox gespielt, aber Pfarrer und Publikum waren ziemlich geplättet, positiv. Kurz darauf rief der Leiter des Goethe-Instituts in Kasachstan an und bot mir ebenfalls ein Stummfilm-Konzert an der Orgel an. Auf meine überraschte Frage, wo es denn in dem muslimischen Land eine Kirche gebe, meinte er nur: Kirche? Hier findet ein internationales Orgelfestival in der Philharmonie statt, und Sie sollen die Eröffnung spielen. Als Nichtorganist ist mir das Herz in die Hose gerutscht! Eigentlich wollte ich gleich absagen, spielte dann aber doch.
Sie hatten Angst vor der Orgel?
Bothmer: Und wie! Weil ich im wahrsten Sinne Bodenhaftung brauchte, bin ich einfach barfuß auf die Bühne gegangen. Für mich war das ein bisschen wie eine Feuertaufe. Inzwischen spiele ich regelmäßig Stummfilm-Konzerte auf der Orgel. In Mainz beispielsweise jedes Jahr in der Altmünster-Kirche. Die Konzerte dort sind schon fast Kult.
Was ist für Sie das Besondere am Konzert-Ort Kirche?
Bothmer: Wenn man den sakralen Raum ernst nimmt, verändert sich der Film. Die Musik kann auf ihn reagieren und zwischen Film, Raum und Publikum vermitteln. Meine Musik zu »Berlin. Die Sinfonie der Großstadt« im Berliner Dom klang ziemlich anders als bei meiner Interpretation im Wintergarten Varieté und wieder anders auf dem Rockfestival am Flughafen Tempelhof. Im einen Fall wird der Kontrast von Arm und Reich deutlicher, im anderen Fall der Tanz auf dem Vulkan und im dritten Fall ist es eher eine Hymne auf die Stadt Berlin. Ich lasse auch Raum für meine spontane Wahrnehmung der Atmosphäre.
Wie meinen Sie das?
Bothmer: In der Pauluskirche in Berlin-Steglitz habe ich mal ein Benefizkonzert gegeben, um die Anschaffung einer neuen Orgel zu unterstützen. Während ich den Film »Der müde Tod« begleitete, fand ich schnell die kaputten Pfeifen der alten Orgel – und spielte sie immer, wenn der Tod auftrat. Es entstand eine Musik voller Geräusche. Dass das passierte, war natürlich absolut unvorhergesehen.
Sie haben im Berliner Dom insgesamt vier Stummfilme aufgeführt, denen Sie jeweils eine der Seligpreisungen gegenüberstellten, um die Filme in einen inhaltlichen Austausch mit dem Gebäude treten zu lassen.
Bothmer: Eine Zeitung sprach hinterher von »Bothmers Cine-Theologie«. Wenn man die Seligpreisung »Selig sind die Barmherzigen« in fast siebzig Metern Höhe anstrahlt und nur wenige Augenblicke darüber nachdenkt: »Was ist Seligkeit? Was ist Barmherzigkeit?« und dann »Ben Hur« zeigt, sieht man einen anderen Film. Die Übersetzung leistet die Musik, die ich speziell für diese Aufführung komponiert habe. Der Film hat ja viele Kampfszenen. Ich glaube, meine Inszenierung der Seligpreisung lenkte den Blick auf die Tatsache, dass viele Konflikte dadurch entstehen, dass die Leute eben nicht barmherzig sind.
Sie haben auch eine Slapstick-Klamotte mit Stan & Olli gezeigt. Warum?
Bothmer: Ich habe diese Filme schon im Gefängnis gespielt. Vor Gefangenen und Leuten von außerhalb. Lachen verbindet unglaublich. Das war eine beeindruckende Erfahrung für mich. Im Dom stellte ich sie der Seligpreisung »Selig sind die geistig Armen« gegenüber. Stan & Olli sind geistig auf kindlichem Niveau. Sind sie aber selig? Sie halten uns wunderbar einen Spiegel vor. Ich wollte all die Themen, die Dick und Doof beschäftigen, zum Beispiel Eifersucht und Rache, in der Kirche zur Diskussion stellen. Unter der Slapstick-Oberfläche erkennt man elementare Gefühle. Dieses »Das kriegst du wieder!« leben Stan und Olli aus. Ein Pfarrer hat mir mal gesagt: »Alles, was zum Menschen gehört, gehört in die Kirche.« Und ich finde, er hat recht! Man kann doch nicht die dunkle Hälfte des Menschen aus der Kirche ausschließen! Die Orgel bringt unsere Ambivalenz deutlich zutage. Deshalb kommen die Leute auch gern zu Orgelkonzerten, glaube ich.
Aha?!
Bothmer: Die Orgel ist im Verhältnis zum Flügel brachial laut. Ihre fast infernalische Gewalt kommt aus einer irgendwie dunklen Richtung. Nennen wir das mal »die Posaunen der Hölle«. Einerseits kann man mit ihr höchste sakrale Sphären darstellen, andererseits hat man beinahe Angst vor der Orgel. Sie steht quasi mit einem Bein auf der dunklen und mit einem auf der hellen Seite. Sie ist also genauso ambivalent wie der Mensch.
Trifft das auch auf die Kirche zu?
Bothmer: Absolut. Ich bin konfirmiert und nach wie vor Mitglied in der Kirche. Ich würde mich nicht als fromm bezeichnen, sondern habe eher eine große Spiritualität in mir und auch einen großen Glauben. Der ist allerdings nicht gefestigt, im Vordergrund steht mehr das Suchen. Mit Gewissheiten habe ich Probleme. Obwohl ich viele mit der Kirche verbundenen Dinge schlimm finde, ist es nicht so, dass ich sie als Institution ablehne. Einfach aus dem Gefühl heraus, dass wir, wenn es sie nicht mehr gäbe, entweder etwas Ähnliches hätten, das mindestens genauso schlimm wäre, oder gar nichts.
Zur Fußball-Weltmeisterschaft werden Sie sogar Spielübertragungen in Kirchen an der Orgel kommentieren.
Bothmer: Ja, das erste Mal habe ich das zur Europameisterschaft 2008 getan. Seitdem hat es sich so erfolgreich entwickelt, dass ich es wieder mache. Public Viewing mit Orgelbegleitung statt Fernsehkommentar zum Spiel: Das scheint vielen Fans zu gefallen. Aus einer schlechten Partie kann ich keine gute machen, aber wenigstens eine unterhaltsame.
