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»Kreuzige ihn!«

Menschen, Firmen, Staaten: Vor nichts und niemandem macht ein »Shitstorm« im Internet halt. Ist er eine Plage? Oder eher ein Segen? Auch der Papst muss einen Shitstorm ertragen – wie man gerade sieht
von Fabian Maysenhölder vom 06.02.2015
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Shitstorms sind übel für den, der betroffen ist. Aber manchmal müssen sie trotzdem sein - und ändern etwas. Zum Beispiel gerade jetzt die Meinung des Papstes zu Ohrfeigen ... Hoffentlich! (Zeichnung: Mester)
Shitstorms sind übel für den, der betroffen ist. Aber manchmal müssen sie trotzdem sein - und ändern etwas. Zum Beispiel gerade jetzt die Meinung des Papstes zu Ohrfeigen ... Hoffentlich! (Zeichnung: Mester)

Alle gegen einen: Wenn im Internet ein Shitstorm losgetreten wird, kann das für Betroffene ungemütlich werden. Mitunter kann eine solche Entrüstungswelle zwar Positives bewirken – wie jetzt das wilde Rudern des Vatikans in der Affäre um unbedachte Worte des Papstes zum Schlagen von Kindern zeigt. Doch wer seiner Entrüstung durch einen schnellen Klick oder einen kurzen Tweet im Netz freien Lauf lässt, versetzt sich selten in die Lage des Gescholtenen. Wie fühlt sich einer, auf den gnadenlos eingedroschen wird? Vor dem Hintergrund eines christlichen Menschenbildes empfiehlt es sich, einen Schritt zurückzutreten – und zuerst nachzudenken. Auch wenn der Papst – ohne Frage – den aktuellen Shitstorm selbst verschuldet hat – und dringend nachdenken sollte.

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»Pegida-Shitstorm gegen Justizminister Maas« – so titelte die Bild-Zeitung am 11. Januar. Der Hintergrund war ein anonymer Aufruf eines Pegida-Anhängers, der sich von der deutlichen Kritik des Justizministers an der Bewegung auf den Schlips getreten fühlte. Im sozialen Netzwerk Facebook veröffentlichte der »Patriotische Europäer« eine Aufforderung an seine Gesinnungsgenossen: »Hi Leute, es gibt eine Facebook-Seite, die unserer Aufmerksamkeit bedarf, es ist die von Politiker Heiko Maas […] Müllt dem ordentlich die Seite zu.«

Der Versuch, einen Cybermob gegen den Politiker aufzubringen, gelang nicht wirklich. Es meldeten sich zwar einige wütende Menschen bei Maas – doch der ging in die Offensive und verkündete: »Das bestätigt und bestärkt mich nur noch in meiner Position. Liebe Besucher, bitte also über den ein oder anderen schrottigen Kommentar auf dieser Seite hier nicht wundern, da wollen sich einige nur austoben.« Kurze Zeit später war die Sache vergessen.

Die einen trifft es, andere umschiffen den Sturm

Shitstorms sind im Internet alltäglich geworden. Kaum ein Tag vergeht, an dem Medien nicht darüber berichten. Der inflationäre Gebrauch des Wortes führt dazu, dass inzwischen alles zum Shitstorm wird. Wo Kritik aufhört und der Shitstorm beginnt, weiß niemand mehr so genau.

Shitstorms sind aber in jedem Fall Indikatoren dafür, dass wir uns im Internet tatsächlich auf »Neuland« bewegen (ein Begriff übrigens, für den Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Shitstorm der empörten Internet-Gemeinde erntete). Denn die Mechanismen, die Skandale im Internet auslösen, haben wir noch nicht vollends begriffen.

Den einen trifft es, der andere umschifft den Sturm erfolgreich – so wie Heiko Maas es schaffte. Trotzdem lässt sich an seinem wie an vielen anderen Fällen ablesen: Die Konsequenzen, die der Erfolg der »Neuen Medien« mit sich bringt, haben wir noch lange nicht verstanden. Egal ob es sich dabei um Datenschutz, Privatsphäre oder soziale Kompetenz handelt.

Ein Mann sitzt im Büro, es ist Pausenzeit. Er schnappt sich einen KitKat-Schokoriegel, packt ihn aus. Doch darin ist keine Schokolade, sondern der abgetrennte Finger eines Orang-Utans. Das stört den Mann nicht weiter. Er beißt genüsslich hinein. Plötzlich knackt es fürchterlich, Blut spritzt auf die Tastatur und läuft ihm aus dem Mund. Die Kollegen schauen entsetzt. Dann die Einblendung: »Gib dem Orang-Utan eine Pause.«

Greenpeace-Video lässt Nestlé einlenken

Das ist, kurz zusammengefasst, der Inhalt eines Videos, das die Umweltorganisation Greenpeace im Internet veröffentlichte. Greenpeace wollte damit gegen die Verwendung von Palmöl in Nestlé-Produkten protestieren, da für die Palmöl-Gewinnung der Lebensraum der gefährdeten Affen vernichtet wird. Und die Kampagne war ein Erfolg. Noch am Abend der Veröffentlichung wollte Nestlé die Sperrung des Videos veranlassen – vergeblich. Doch das brachte den Sturm der Empörung erst richtig ins Rollen. Millionen Menschen wetterten gegen den Lebensmittelriesen. So lange, bis dieser schließlich einknickte und ankündigte, fortan strengste Standards beim Rohstoffkauf anzusetzen.

Ist das, was Nestlé passierte, ein Shitstorm – oder berechtigte Kritik? Je nachdem, auf welcher Seite man steht, wird diese Frage unterschiedlich beantwortet werden. Die Gründe für ein Empörungsgewitter sind so vielfältig wie das Internet selbst: Mal sind es, wie bei Nestlé, wirklich kritikwürdige Zustände, die gezielt thematisiert werden. Mal sind es undurchdachte PR-Kampagnen, die nach hinten losgehen. Mal sind es (vermeintliche) Fehltritte Einzelner, die plötzlich im Rampenlicht stehen und nicht wissen, wie ihnen geschieht.

Sicher ist: Wie kein anderes Medium bietet das Internet seinen Nutzern die Möglichkeit, Ärger loszuwerden. Die Empörung ist nur einen Tweet oder ein Facebook-Post entfernt. Das hat zur Folge, dass Shitstorms häufig wirklich »Scheiße-Stürme« sind. Und das ist nicht gut. Vor allem wenn das »Kreuzige ihn!« ohne Wimpernzucken gleich nach dem »Hosianna!« kommt, dann stimmt etwas nicht.

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Personalaudioinformationstext:   Fabian Maysenhölder, geboren 1985, ist evangelischer Theologe und Redakteur bei n-tv.de. Er lebt in Berlin und betreibt den Blog theopop.de
Schlagwörter: Internet Papst Social Media
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