Leidenschaft pur
Wenn Glauben etwas ist, das Menschen zutiefst berührt, ihnen eine einzigartige befreiende Lebensperspektive schenkt und sie mit dem Schöpfer des Himmels und der Erde verbindet, dann sollte da doch eine gewisse Leidenschaft zu spüren sein, wenn man diesen Glauben feiert. Pure Leidenschaft sogar.
Ich fürchte allerdings: Davon merkt man in den meisten Gottesdiensten viel zu selten etwas. Ich sage es mal diplomatisch: In unseren Gottesdiensten herrscht in der Regel eine Fröhlichkeit, wie ... ja, wie man sie nirgends sonst findet. Da erlebt man eine Freude, die von ganz tief innen kommt. Und da leider auch bleibt. Man könnte diese spezielle Atmosphäre vielleicht sehr ehrlich als »heitere Melancholie« beschreiben, die gelegentlich bis an die »erlöste Depression« reicht.
So eine eher gebremste Leidenschaft scheint ein typisch deutsches Phänomen zu sein. In anderen Kulturen werden Gottesdienste seit Langem viel emotionaler gefeiert. Und das ohne theologische Einbußen. Im Gegenteil.
In diesem Zusammenhang: Haben Sie schon einmal einen Gottesdienst von Schwarzen erlebt? Also: nicht von Bayern, sondern von Menschen mit afrikanischen Wurzeln. Ich sag Ihnen: Wenn die so ihre Gospelgottesdienste feiern, dann wird da gelacht und geweint und getanzt und gejubelt. Da wird die Leidenschaft richtig spürbar.
Und weil die Gemeinde dann schon in Fahrt ist, feuert sie üblicherweise auch den Pfarrer beim Predigen an. Was ihm im Idealfall hilft, bis zum Ende durchzuhalten. Schließlich wird bei solchen Gottesdienstfesten ja gerne länger gepredigt. Da braucht der Pfarrer zur Kontrolle keine Uhr, sondern einen Kalender.
Wie dem auch sei ... wenn sich der Prediger dann in die Tiefen biblischer Texte hineinwühlt, dann wird er dabei von den Gottesdienstbesuchern lautstark unterstützt und es schallt fröhlich durch die Kirche: »Yes, Sir!«, »Go ahead!«, »Say it!«, »Amen!« oder »Halleluja!« Zum Glück kann der Pfarrer Englisch.
Nebenbei: Diese Erfahrung gibt’s auch in katholischen Messen. Zwar hat mir ein Priester vor einigen Jahren ganz stolz erklärt, dass der katholische Messritus überall auf der Welt gleich sei: »Das ist das Schöne daran: Man erkennt immer alles wieder.« Und ich habe ihm geglaubt. Bis ich mal in New Orleans in einer Messe war. Hallo! New Orleans, die Wiege von Jazz und Dixieland. Da habe ich nichts wiedererkannt. Und war Gott total dankbar dafür. Da spielte in der Messe eine Jazzcombo, es sang ein Gospelchor, und der Pfarrer brauchte gar kein Messbuch, um einen großartigen Gottesdienst zu feiern. Denn er wurde angefeuert.
Die Zukunft der Kirche wird davon abhängen, ob sie wieder Gottesdienstformate entwickelt, in denen die Leidenschaft des Glaubens erfahrbar wird. Kann auch was anderes sein als lautes Reinrufen. Aber an irgendwas sollte man die Hingabe schon erkennen. Schließlich gilt nach wie vor: Nur bewegte Menschen bewegen Menschen. Und vielleicht ist so ein Stimmungswechsel hin zur Leidenschaft ja einfacher, als Sie denken. Wagen Sie doch mal einen Anfang – nächsten Sonntag im Gottesdienst. Fangen Sie da einfach ganz spontan an, Ihren Pfarrer anzufeuern. Ich verspreche Ihnen: Es wird sich was ändern!
