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Luftschloss

Aus Publik-Forum 15/2015: Wir hatten es ja schon lange gewusst, aber als uns die Wirklichkeit einholte, mussten wir doch schlucken: Wir können nicht länger in unserem Gründerzeit-Pfarrhaus wohnen bleiben. Und jetzt? Kaufen? Bauen? Träumen? Die Kolumne von Fabian Vogt
von Fabian Vogt vom 16.08.2015
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Wer ein Haus plant, kann was erleben: Pfarrer Fabian Vogt über seinen Immobilien-Rausch und eine heilsame Ernüchterung (Foto: vschlichting /Fotolia mod.)
Wer ein Haus plant, kann was erleben: Pfarrer Fabian Vogt über seinen Immobilien-Rausch und eine heilsame Ernüchterung (Foto: vschlichting /Fotolia mod.)

Der Schmerz über den Verlust unseres Hauses war noch harmlos – verglichen mit dem ersten Besuch eines Immobilienportals. Wirklich. In dem Bereich des Rhein-Main-Gebiets, in dem wir leben, klingen die Anzeigen zurzeit alle so: »Doppelhaushälfte, renovierungsbedürftig, 4 Zimmer, 103 Quadratmeter, 1550 Euro kalt.« Oder »Kellerwohnung (für lichtempfindliche Menschen), 5 Zimmer, 110 Quadratmeter, Kohleofen, 1700 Euro eiskalt.« Oder »Luxuriöse Maisonette-Wohnung, 2 Zimmer, 4 Bäder, Whirlpool, integrierter Carport, 180 Quadratmeter, 3280 Euro kalt, 780 Euro Nebenkosten – 12 Monatsmieten Kaution.«

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Wenn es überhaupt mal ein Angebot gibt, in dem eine vierköpfige Familie halbwegs normal leben und sich vielleicht noch ein Arbeitszimmer einrichten kann, dann übersteigt die Miete ohne jede Scham das Nettoeinkommen eines Theologen.

Nun, unser freundlicher Bankberater machte uns seelsorgerlich Mut: »Die Zinsen sind gerade so günstig. Sie sollten sich was kaufen. Das Beste ist: Sie bauen!« Und siehe da: Wenig später saß die lächelnde Vertreterin eines Bauträgers an unserem Esstisch und pries uns das »Wohnparadies« an, das sie »nur für uns« geplant hatte: das »exklusive Grundstück« (eine hübsche Umschreibung für »überschaubar«), den »fantastischen Garten« (rund sieben Quadratmeter Rasen) und eine »Perle der architektonischen Raumverdichtung« (das traf es genau).

Entscheidend war: Wir konnten uns dieses »Eigenheimglück« leisten. Gerade so. Zumindest das Basisangebot. Bis ... nun ... bis die smarte Verkäuferin anfing, uns liebevoll die weiteren Optionen zu präsentieren.

Denn natürlich stünde auch ein größeres Grundstück zur Wahl. Das war gar nicht so viel teurer. Und bodentiefe Fenster. Gute Idee. Natürlich mit Aufpreis. Aber viel eleganter. Und die inbegriffene Badausstattung war auch eher was für bescheidene Ansprüche. Warum nicht Marmor? Ja, warum eigentlich nicht?

Ich sah einen beseelten Ausdruck auf dem Gesicht meiner Frau, als sie sich Stück für Stück ihr wahres »Traumhaus« zusammenbastelte. Unser langsam zur Villa mutierendes Eigenheim, das immer größer wurde. Immer schöner. Und ... immer teurer.

Aber wir hatten Feuer gefangen. Unsere Eltern erklärten sich bereit, was zuzuschießen. Und so gerieten wir in einen echten Immobilien-Rausch: »Ach, wenn wir schon dabei sind, sollten wir auch eine Garage bauen. Später wird es teurer.« »Hast du gesehen, dass eine Fußbodenheizung gar nicht so ins Gewicht fällt?« »Wir ärgern uns nachher, wenn wir jetzt die billigen Fliesen nehmen, glaub mir!«

Irgendwann fing ich an, schlecht zu schlafen. Das alles überstieg unsere Möglichkeiten. Aber wir waren bei den Planungen schon so weit. Wir hatten so viel Zeit investiert. So viel Energie. So viel Herzblut. Hatten im Geist die Zimmer gemütlich eingerichtet und uns auf unsere zukünftige Terrasse geträumt. Wer würde jetzt noch einen Rückzieher machen? Schließlich wurden der Berliner Flughafen und die Elbphilharmonie ja auch gebaut.

Eines Tages rief die Dame vom Bauträger an: Es gebe eine kleine Verzögerung des Baubeginns. Aber das sei doch kein Problem? Wir blieben gewiss dabei?

Ein Blick zu meiner Frau genügte. Ich atmete einmal tief durch. Sie unterdrückte ein Tränchen. Und seither schlafe ich wieder gut. Manchmal braucht es viel Mut, etwas doch nicht zu tun.

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Personalaudioinformationstext:   Fabian Vogt, geboren 1967, ist evangelischer Pfarrer, Kabarettist im »Duo Camillo« und Schriftsteller. Die Kolumne schreibt er im Wechsel mit Anne Lemhöfer.
Schlagwort: Wohnen
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