Mein Schatten, mein Weggefährte
Wann ist er uns zum ersten Mal bewusst geworden, unser Schatten? Als Spielgefährte im Sommer, mal lang gestreckt in der Abendsonne, mal kurz und fast zu übersehen. Wann haben wir zum ersten Mal versucht, über unseren Schatten zu springen? Haben Schattenspiele an die Wand geworfen und unsere Hände in Tauben und Krokodile verwandelt?
Der Schatten ist zeit unseres Lebens unser Begleiter, auch wenn wir ihn beim Älterwerden vor lauter Selbstverständlichkeit mehr oder weniger vergessen. Die Hälfte der Zeit verbringen wir im Erdschatten, der Nacht. Und in der Psychologie spricht man von dem, was uns unbewusst bestimmt, als Schatten. Dort wohnen auch die Erfahrungen früherer Generationen, Traumata, Ängste, Botschaften, und warten darauf, dass wir sie erinnern.
Den Schatten zu sehen, zu achten, die Welt als tiefschichtige Wirklichkeit wahrzunehmen, das ist vielleicht erst in den vergangenen Jahrhunderten gelungen – erst seit 500 Jahren malen wir Bilder von uns mit Perspektive und Schatten. Seither können wir auch differenzieren: Religionen haben ihren mörderischen Schatten, Gesellschaften tragen düstere kollektive Erinnerungen mit sich, die krank machen können. Wie können wir Licht ins Dunkel bringen? Mit Meditation? Mit Seelenerforschung? Eine der wichtigsten Erkenntnisse der vergangenen Jahrzehnte ist: Wenn wir ihn wegjagen, den Schatten, kehrt er als dunkler Geist zurück.
Der Schatten will durchwandert werden, integriert und freundlich transformiert. Denn das ist er ja auch, der Schatten – freundlich, lebensspendend, schützend, so wie er uns in den heißen Gegenden erscheint: eine geheimnisvolle Verheißung, duftend unter einladenden Bäumen – die andere Seite des Lichts.
