Selbstgemacht
... Wir setzen 2016 ein klares Zeichen gegen den Konsumterror. Schluss mit dem Geschenke-Tsunami. Bescheidenheit ist angesagt.«
»Na toll«, sage ich, um dann nach einer kurzen Pause hinterherzuschieben: »Ich mach da aber nicht mit.«
Was? »Ja«, echauffiere ich mich, »ich liebe Geschenke. Ich liebe es, sie zu bekommen – und ich liebe es, sie zu machen. Ihr könnt mir doch nicht einfach basisdiktatorisch das Fest versauen. Schon Jesus in der Krippe bekam einen Sack voller Geschenke. Sogar von Weisen serviert. Und Weise werden ja wohl wissen, wie man Weihnachten richtig feiert. Diese uralte christliche Tradition ist mir jedenfalls heilig.«
Meine Frau rollt mit den Augen. »Und wie stellst du dir das vor?«
»Ganz einfach: Ich besorge für alle Mitglieder der Großfamilie wundervolle Geschenke – und wer dann nichts für mich hat, sitzt halt mit tierisch schlechtem Gewissen da. Das nennt man postfaktischen Widerstand. Ich werde alle so lange mit weihnachtlichen Gaben überschütten, bis sie zur Einsicht kommen.«
Genervt greift meine Frau erneut zum Hörer, um gefühlte fünf Stunden später zu verkünden: »Es hat mich zwar Zweidrittel meiner Nerven gekostet, aber das Geschenk-Embargo wurde aufgehoben.« Ich atme tief aus. »Allerdings gibt es eine kleine Bedingung.« Ach ja? »Dieses Jahr darf nur Selbstgemachtes verschenkt werden.« Ich muss schlucken: »Nee! Wie? Wieso das denn?«
Meine Frau verschränkt die Arme hinter dem Kopf: »Ganz einfach: Weil das gerade total in ist. Außerdem sind solche Geschenke natürlich viel persönlicher als Bücher, Schlipse, Wein oder Socken. Ja, in dem Selbstgemachten kann man etwas von der Beziehung zum anderen zum Ausdruck bringen. Das sind dann keine ›entfremdeten Geschenke‹ mehr, sondern … naja, da steckt halt wahre Liebe drin.«
»Ach«, sage ich, »so wie in dem selbstgeimkerten Honig unserer Nachbarn, der nach Tapetenkleister schmeckt, oder wie in der selbstgetöpferten Vase deiner Freundin Thea, die immer umkippt, wenn man eine Blume reinstellt, oder wie in dem Fotobuch von Weißens, in dem achtzig Mal sie mit ihrem Labrador zu sehen sind?«
»Im Prinzip ja«, knurrt mein Frau. »Tatsache ist: Du kannst auf die fair gebastelten Gaben meiner Familie auf keinen Fall mit Fertigprodukten reagieren. Das wäre peinlich. Also, lass dir was einfallen. Mach Geschenke, die etwas von deiner Persönlichkeit und deiner Zuneigung ausdrücken.«
Kurz spiele ich mit dem Gedanken, meine Schwiegermutter anzurufen, um ihr zu sagen, dass ich die Idee mit dem Geschenkeverzicht doch ganz großartig finde. Dass das nur ein blödes Missverständnis war. Aber dann muss ich an Joachim Ringelnatz denken: »Schenke mit Geist ohne List. Sei eingedenk, dass dein Geschenk du selber bist.« Und schon überlege ich fieberhaft, was ich denn mal herstellen könnte. Ich hab keine Bienen. Und ich kann nicht filzen. Aber ich … Moment mal … ich schreibe doch so gerne. Ich könnte Gedichte schreiben. Zum Beispiel »Hoffnungsgedichte«. Warum nicht? Man kann doch auch Hoffnung schenken! Eine schöne Idee.
O Mann. 17 Gedichte. Dafür brauch ich echt Nervennahrung. Und wieder nichts Süßes im Haus. Vielleicht der Honig vom Nachbarn? So schlecht schmeckt der eigentlich gar nicht …
