Kolumne von Anne Lemhöfer
Toll gemacht!
Nein, Sie müssen mich nicht für diese Kolumne loben. Nur, wenn Sie wollen. Und es ehrlich meinen. So einfach ist das eben nicht. Haben Sie heute schon jemanden gelobt? Ihre Kinder, Ihre Kolleginnen, einen Freund? Wenn nicht: Machen Sie doch einfach mal! Erst recht, wenn Sie Chef oder Chefin sind. Laut zahlreicher Studien steigert ein echtes Lob im richtigen Moment die Arbeitsleistung. Aber gutes Loben ist wie ein hochkomplexer Gesellschaftstanz. Da sehen wir den toll geschriebenen Beitrag der Kollegin oder die cool kombinierten Möbel in der neuen Wohnung des Freundes. Aber was genau sagt man da zur Kollegin? »Hast du gut gemacht!« Klingt das nicht irgendwie von oben herab unter erwachsenen Menschen? Oder: »Das Sideboard ist ja schön. Wo hast du das her?« Das trägt Neid in sich und die implizite Frage »Was das wohl gekostet hat?« Der Satz »Die Farbe steht dir« kann vieles heißen, denn jedes Lob bringt eben diesen Rattenschwanz stiller Bedeutungen mit, oder vermeintlicher Bedeutungen. Die Farbe steht mir? Warum sagt sie nicht einfach, dass ich heute gut aussehe? Weil es nicht stimmt, und sie mit Mühe einen akzeptablen Teilaspekt meiner Erscheinung gefunden hat? »Die Kartoffeln sind wirklich gelungen« bei einem Abendessen im Freundeskreis, groß als Steakessen angekündigt, mit bestem Rinderfilet vom Biohof, das offenbar leider viel zu lang im heißen Ofen lag, ist vernichtend. Ähnlich wie das vergiftete Lob: »Für dein Alter siehst du wirklich gut aus.«
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden
Anne Lemhöfer, geboren 1978, ist Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau und freie Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Frankfurt am Main. Die Kolumne schreibt sie im Wechsel mit Fabian Vogt und Peter Otten.

