Träume im Alter: Da geht noch was!
Rosa ist das neue Schwarz«: Mit diesem Satz brachte Wolfgang Joop zum Ausdruck, dass sich die Standards ändern. Oder dass es gar keine mehr gibt. Das gilt auch für unsere Vorstellung vom Altsein. Klar, wir wissen, was es bedeutet zu altern: Die Haut wird schlaff, Schnelligkeit und Reaktionsfähigkeit lassen nach, Gelenke werden steifer. Der Verlust von Macht und Schönheit schmerzt, gleichzeitig rückt der Tod näher. Trotzdem: Alt werden ist zu Unrecht nur negativ besetzt. Im Alter tun sich auch neue Chancen auf. Zusammen mit Picasso, von dem der Satz überliefert ist: »Man braucht sehr lange, um jung zu werden«, könnte man behaupten, »Alt ist das neue Jung«, und damit die Welt gänzlich auf den Kopf stellen.
In Großbritannien heißen Rollatoren »Zimmer Frame« nach einem der größten Rollatorproduzenten im Vereinigten Königreich. Davon haben »The Zimmers« ihren Namen abgeleitet. Die britische Rockband mit dem stolzen Durchschnittsalter von 78 Jahren ist keine müde Truppe, die von Altersheim zu Altersheim tingelt, um Weihnachtsfeiern zu beleben. Seit einem Auftritt bei »Britain’s Got Talent« ist die Gruppe in England berühmt. Ihr Video mit der Coverversion des Hits »My Generation« von The Who hat bei YouTube die 5,5 Millionen Klicks schon überschritten. Und es ist ein Genuss, ihnen zuzusehen: diese wachen Augen, die Unterschiedlichkeit der Gesichter, die alle eine eigene Geschichte zu erzählen haben. Am Ende werden die Gitarren auf den Boden gefeuert und mit Lust zertreten. Pete Townshend lässt grüßen. Da werden Jugendträume wahr.
Ja, wann sollen sie denn auch wahr werden, wenn nicht jetzt? Endlich die langersehnte Weltreise machen. Den Jakobsweg entlangpilgern. Für ein Jahr ins Kloster gehen. Endlich genug Zeit haben, den ganzen Proust zu lesen. Oder doch noch Kunstgeschichte zu studieren.
Viele können sich das erst im Alter leisten. Brigitte B. hat mit siebzig, nachdem ihr Mann gestorben war, ihr Reihenhaus verkauft, für das sie viele Jahre gearbeitet und gespart hatten. Samt Garten, der einst ihr ganzer Stolz war und in dem ihre Kinder und Enkelkinder rumgetobt sind. Dafür hat sie sich eine kleine Dreizimmerwohnung gekauft. Von dem Geld blieb genug übrig für eine Kreuzfahrt im Jahr und kleine Reisen zwischendurch. Aber richtig leuchten ihre Augen, wenn sie erzählt, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf niemanden Rücksicht nehmen muss. Dass ihr ganzer Tagesablauf von ihr selbst bestimmt wird. Abends nach Hause kommen und nicht als Erstes aufräumen, sondern die Füße hochlegen und die Zeitung durchblättern – das genieße sie, obwohl es ihr immer noch schwerfällt.
»Jedes Mal muss ich mich erst überwinden und mir sagen: Niemand kann es dir verbieten«, erzählt sie. »Diese ganzen Regeln der Kindheit, diese vielen ›Du musst‹, ›Du darfst doch nicht‹, die stecken tief in mir drin. Als ob immer jemand mit strafendem Blick neben mir stehen würde.« Dieser strafende Blick, dieser innere Zensor, der uns ständig begleitet und dafür sorgt, dass wir nie über die Stränge schlagen, ist fatal.
So jedenfalls erlebte es Picasso, der sein Leben lang den Blick des Kindes suchte. »Das Korsett seines früh gedrillten Talents erkennt Picasso erst mit 64 Jahren«, schreibt Gabi Czöppan im Focus über Picassos Ausstellung Malen wie ein Kind. Beim Besuch einer Ausstellung von Kinderzeichnungen, die das British Council 1945 in Paris veranstaltet, berichtete der weltberühmte Maler: »Als ich so alt war wie diese Kinder, da konnte ich zeichnen wie Raffael. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich zeichnen konnte wie diese Kinder.«
Ist »Alt« das neue »Jung«? ...
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