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»Und ich kehrte wieder ins Leben zurück«

Der Tod in seinen schrecklichen Formen ist alltäglich, die Ostererfahrung ist es aber auch. Wer viermal in das tiefe Dunkel einer Depression gefallen ist, weiß, wovon er spricht
von Xaver Pfister vom 07.04.2012
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Beklemmend und lähmend können die Tode mitten im Leben sein: das Zerbrechen der eigenen Lebensperspektiven; das Schuldigwerden; die Erkenntnis, nur gebraucht und nicht geliebt zu werden; umso befreiender ist es, die Krise zu überwinden, ein Ostererlebnis  (Foto: Images.com/Corbis)
Beklemmend und lähmend können die Tode mitten im Leben sein: das Zerbrechen der eigenen Lebensperspektiven; das Schuldigwerden; die Erkenntnis, nur gebraucht und nicht geliebt zu werden; umso befreiender ist es, die Krise zu überwinden, ein Ostererlebnis (Foto: Images.com/Corbis)

Nicht der Tod am Ende des Lebens ist schrecklich, wohl aber der Tod mitten im Leben. Der Tod am Ende trägt trotz aller Grauen, die ihn begleiten, ein Signum der Ruhe und Erlösung an sich. Das Leben ist gelebt. Die einen geben es zurück ins Nichts, die anderen in die Hände Gottes oder in die Erinnerung der Nachkommen. Wieder andere rechnen damit, dass sie wiedergeboren werden und eine neue Runde durch die Arena des Lebens drehen können. Der Vorstellungen und Deutungen dieses Endes sind ja viele.

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Kaum zu ertragen, beklemmend, lähmend und in die Verzweiflung treibend sind die Tode mitten im Leben: das Zerbrechen der eigenen Lebensperspektiven; das Schuldigwerden; die Erkenntnis, nur gebraucht und nicht geliebt zu werden; die Entdeckung der Leere eines mit reiner Aufopferung für die Arbeit erfüllten Lebens; das Zerbrechen einer Beziehung; die Ausgrenzung und die Verdrängung ins dunkle soziale Abseits.

Viermal habe auch ich selbst den Tod mitten im Leben durchlitten. Viermal lieferte ich mich selber in die psychiatrische Klinik ein. Und jedes Mal die gleiche Diagnose: Depression. Ich war am Ende, im Dunkel, ohne Hoffnung und Zuversicht.

»Gott entschwand für mich und trug mich doch durch die Krisen«

Das Warten auf eine Besserung meines Gemütszustandes war unerträglich lange. Wie oft wollte ich dieses Warten abbrechen, hatte genug von allem, wollte nicht mehr. Ich spürte, wie Freunde verstummten, mich mieden und nur noch meine Frau fragten, wie es mir denn gehe. Entmündigt haben sie mich.

Und auch nach dem jeweiligen Ausstieg aus der Klinik blieb ich vielen fremd. Sie hielten mich für unzuverlässig, weil ja die Krankheit wieder zurückkehren könnte und ich dann ganz unmöglich würde. Einen psychisch angeschlagenen Theologen hielten einige Gläubige für unzumutbar.

Viermal wurde ich wieder auferweckt, kehrte ins Leben zurück und erlebte Ostern. Das Aushalten des Wartens im Sinnlosen, die Treue meiner Frau, natürlich auch die therapeutische und pharmazeutische Hilfe waren Wegmarken auf dem langen Weg, der mit Ostern ein Ende fand.

Das Gebet hat wenig geholfen. Es war mir gar nicht mehr möglich. Ich bin auch aus der Welt des Religiösen herausgefallen.

Viermal aber habe ich Ostern erlebt. Es ist eine tief in meine Abgründe hineinwirkende Erfahrung. Deshalb habe ich keine Angst mehr vor einer weiteren Krise, auch wenn ich inbrünstig hoffe, dass sie nicht kommt. Denn ich weiß, dass auch sie ein Ende hätte in einem nächsten Ostern.

Und so erfüllt mich große Dankbarkeit jenen Menschen gegenüber, die mir aufhalfen; aber auch Gott gegenüber, der mir mitten in den Krisen entschwand und sich dennoch als der erwies, der mich durch alles hindurchtrug.

Ostern - befreiend für den Einzelnen und ein soziales Ereignis

Ostern ist so mitten im Leben wirksam. Auferweckung meint nicht bloß ein Ereignis nach oder besser im Tod des Menschen. Jesus von Nazareth verkündete das »Reich Gottes« als eine Verheißung, die auf uns zukommen wird. Ebenso aber sprach er von der Gegenwart dieses Reiches im Heute. Markus redet davon zum Auftakt seines Evangeliums: Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Entweder ihr ergreift und lebt es jetzt oder ihr wartet umsonst.

In seinem Buch »Vom mönchischen Leben« redet auch der Dichter Rainer Maria Rilke eindrücklich davon:

Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt,
und will niemals blind sein oder zu alt,
um dein schweres schwankendes Bild zu halten.
Ich will mich entfalten.
Nirgends will ich gebogen bleiben,
denn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin.
Und ich will meinen Sinn
wahr vor dir. Ich will mich beschreiben
wie ein Bild, das ich sah,
lange und nah,
wie ein Wort, das ich begriff,
wie meinen täglichen Krug.
Wie meiner Mutter Gesicht,
wie ein Schiff,
das mich trug
durch den tödlichsten Sturm.

Ostern ist aber nicht bloß eine befreiende Erfahrung des Einzelnen, so sehr sie auch das ist und mir so Trost und Vergebung schenkt. Ostern ist auch ein soziales Ereignis, das alle Opfer der Grausamkeit und der Grausamen durch die Geschichte hindurch betrifft.

Den diesseitigen Tod überwinden - Kernanliegen der Theologie der Befreiung

Der vielgestaltige diesseitige Tod und seine Überwindung ist das Kernanliegen der Theologie der Befreiung, der vielgeschmähten und päpstlich ausgegrenzten. Denn nicht der Atheismus ist die Verweigerung des Glaubens. Es ist vielmehr der Götzendienst, der anderes als Gott zu Gott macht. Etwa durch die Verkehrung Gottes im Götzendienst oder durch einen manipulativen Umgang mit Gott. Götzendienst ist die Verzerrung seines Bildes, ja der Versuch aus den eigenen Projektionen sich seinen eigenen Gott zu basteln. Es ist der missbräuchliche Gebrauch des Namens Gottes, der die Befreiung des Menschen und ganzer Völker verhindert.

Die Befreiungstheologie kennt aber auch den Götzendienst durch Ersetzung. Der einzige wahre Gott wird durch falsche Götter ersetzt. Das sind das Geld, das Kapital, die Macht, die nationale Sicherheit, die Gesundheit um jeden Preis, das Absolutsetzen der eigenen Wahrheit, der eigenen Lehre, der eigenen Religion.

Alle diese Formen des Götzendienstes sind zugleich Ausdrucksformen des Todes mitten im Leben, weil sie wirkliches und kreatives Leben verhindern. Die Überwindung all dieser Formen des alltäglichen Todes ist Aufgabe der Christen. Der Glaube selbst lädt dazu ein. Ohne das prophetische Nein gegenüber der sozialen und strukturellen Sünde - und nicht nur gegenüber der individuellen Sünde - fehlen dem christlichen Glauben die Flügel.

Auch die Täter in die Auferstehung hineinnehmen

Deshalb ist das Ostern, das ich im Alltag erlebe, und das Ostern der Befreiung in meinem Tod nur ein vorläufiges Ostern. Erst wenn alle, eben auch alle Geschundenen, Gequälten und für lebensunwert Erklärten, österlich versammelt werden - erst dann ist auch mein individuelles Ostern erfüllt und ganz. Und - schwer zu verstehen - auch erst dann, wenn die Täter, ohne die Opfer zu verhöhnen, in die Auferstehung hineingenommen werden.

Und so ist die Neuschöpfung eines neuen Himmels und einer neuen Erde handgreiflich nah und zugleich in unendlicher Ferne. Daher bleibt das »Maranatha« der ersten Christen immerwährendes Zeichen von Ostern: »Der Herr möge kommen. Ostern komme auf uns und alle Menschen durch alle Zeiten zu. Und Ostern werde es auch für unsere geschundene Erde.«

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Personalaudioinformationstext:   Xaver Pfister, geboren 1947, ist Theologe und Publizist.
Er arbeitet als Informationsbeauftragter
der Römisch-Katholischen Kirche Basel-Stadt.
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