Zur mobilen Webseite zurückkehren

Vom Wert der Wahrheit

Philosophie lehrt konsequente Skepsis. Doch die Frage nach dem Sinn kann sie nicht beantworten. Eine persönliche Erfahrung
von Frank Hofmann vom 16.12.2011
Artikel vorlesen lassen
... Ich fühlte mich wie ein Kapitän auf hoher See, der sein Schiff in Einzelteile zerlegt hat: Was blieb nach meinem Studium der Philosophie vom Wert der Wahrheit? (Foto: fotolia/Aleviga)
... Ich fühlte mich wie ein Kapitän auf hoher See, der sein Schiff in Einzelteile zerlegt hat: Was blieb nach meinem Studium der Philosophie vom Wert der Wahrheit? (Foto: fotolia/Aleviga)

An die Situation, in der ich mich für das Studium der Philosophie entschied, kann ich mich genau erinnern. Es war im Griechischunterricht der elften Jahrgangsstufe. Mein Lehrer gab mir vier kopierte Seiten aus Immanuel Kants »Kritik der reinen Vernunft« und bat mich, darüber ein Referat mit Bezügen zu den Vorsokratikern zu halten. Es war der berühmte »erste Widerstreit der transzendentalen Ideen«, es ging also um die Frage, ob die Welt einen Anfang in Raum und Zeit hat. Die Pointe von Kants Argumentation liegt darin, dass sich die beiden Antwortmöglichkeiten »Ja« und »Nein« scheinbar schlüssig beweisen lassen - und wir deshalb diese Frage so gar nicht stellen dürfen.

Anzeige
loading

Mein christliches Elternhaus hatte auf alles eine Antwort parat

Diese konsequente Skepsis faszinierte mich. Das war genau das, was mir in meinem - streng christlichen - Elternhaus fehlte, in dem es auf alles eine Antwort zu geben schien. Das Philosophiestudium bot mir Gelegenheit, meine grundsätzlichen Fragen zu vertiefen. Von Sokrates‘ »Ich weiß, dass ich nichts weiß« über William Ockhams »Rasiermesser« bis René Descartes’ »De omnibus dubitandum est« (»An allem ist zu zweifeln«). Weiter im Strudel des Zweifels mit Friedrich Nietzsche - »Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind« -, dem Logischen Empirismus bis zur sprachanalytischen Philosophie, von der ich lernte, dass man weder seiner Beobachtung noch seiner Sprache trauen darf. Da blieb keine Gewissheit unangetastet.

Meine Dissertation schrieb ich über eine streng formalisierte Kohärenztheorie der Wahrheit, die die Wirklichkeit in widerspruchsfreie Satzmengen auflöst. Geschafft! Jetzt fühlte ich mich - um ein Bild meines damaligen Lieblingsphilosophen Otto Neurath zu zitieren - wie ein Kapitän auf hoher See, der sein Schiff in Einzelteile zerlegt hat und ohne festen Grund, zwischen den Planken schwimmend, versucht, alles wieder zusammenzusetzen.

»Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen«

Auf Fragen nach Werten, nach Sinn, gar nach Spiritualität wäre mir damals nur Ludwig Wittgensteins »Tractatus logico-philosophicus« eingefallen: »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.«

Mit der Zeit spürte ich, dass so ein Schiffsneubau ohne Dock, zwischen den Planken schwimmend, gar nicht so einfach ist. Wenn man immer nur Fragen stellt, kommt man irgendwann nicht mehr weiter. Philosophie ist ein hervorragendes Abbruchunternehmen für Ideologien, aber zum Wiederaufbau denkbar ungeeignet. Genau dieser Wiederaufbau von Verlässlichem wird aber derzeit gesucht, da Traditionen bröckeln, Umfelder und Netzwerke sich digital virtualisieren und ethische Probleme so komplex werden wie noch nie. Wer glaubt, von diesem Bedürfnis könne die Philosophie profitieren, wird enttäuscht werden.

Gerade die Ethik ist ein gutes Beispiel. Philosophen haben meterweise Beiträge zu Methodendiskussionen geliefert: Können moralische Urteile richtig oder falsch sein? Worauf soll sich die moralische Bewertung beziehen - auf die Gesinnung des Handelnden oder die Folgen einer Handlung? Das sind wichtige Vorüberlegungen, aber an denen hat sich die philosophische Ethik geradezu verausgabt. Sie hat dabei brauchbare Methoden ausgearbeitet, um Zielkonflikte zu lösen, inhaltlich ist sie aber kaum über die Goldene Regel (»Was du nicht willst, das man dir tu …«) hinausgekommen.

Wer Werte sucht, braucht einen Zugang zum Absoluten

Das ist auch kein Wunder. Denn die Philosophie kann selbst keine Werte mit dem Anspruch begründen, den sie selbst zu Recht an Rationalität stellt. Sie ist wie ein digitaler Kompass, den man erst einnorden muss. Ohne diese Programmierung kann sie keine Orientierungshilfe sein.

Kaum ein Denker hat dieses Unvermögen der Philosophie nachdringlicher reflektiert als Sören Kierkegaard. Die Philosophie als Wissenschaft - und nur als solche hat sie eine Berechtigung - bewegt sich in der Sphäre der »objektiven Reflexion«, die immer eine Annäherung an ein unerreichbares Ziel, die objektive Wahrheit, bleibt. Dagegen stellt Kierkegaard die »subjektive Reflexion«, das »wesentliche Erkennen«, das unser existenzielles Selbstverständnis betrifft.

Dieser Zugang aber eröffnet sich nur dem Glaubenden, der zu einer »paradoxen Doppelbewegung« bereit ist: einerseits die Verbindungen zum Endlichen - auch zur Vernunft - aufzugeben, andererseits darauf zu vertrauen, dass ihm das Aufgegebene neu geschenkt wird. So wie jener biblische »Vater des Glaubens« Abraham, als er auf den Berg Morija zieht: Er ist bereit, Isaak zu opfern, und glaubt fest daran, dass er seinen Sohn wiederbekommt.

Wer auf diese paradoxe Weise Werte und Sinn für sein Leben sucht, braucht einen Zugang zum Absoluten, einen greifbaren Schlüssel für die Tür zur Transzendenz. Für Abraham war dieser Zugang die für ihn hörbare, sinnlich erfahrbare Stimme Gottes. Für Christen ist es der menschgewordene Gott: Jesus Christus. Doch der ist für die Philosophen entweder eine Torheit oder ein Ärgernis.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Personalaudioinformationstext:   Frank Hofmann, geboren 1962, ist Journalist, Philosoph und Buchautor. Zuletzt erschien: »Marathon zu Gott« im Gütersloher Verlagshaus.
Schlagwörter: Philosophie Wahrheit Werte
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0