Wir sind eure Päpste!
Im legendären Stadion Maracanã trifft die deutsche Nationalmannschaft auf die aus Argentinien. Wer hätte das vor dieser WM gedacht? Eine Umfrage unter den geschätzten achtzig Millionen Bundestrainern ergibt: Alle und niemand.
Das Kompetenz-Team Deutschland steht auf jeden Fall voll hinter seiner Mannschaft. Public Viewing hat sich mittlerweile als fester Bestandteil der Freizeitgestaltung etabliert, und so haben wir uns auch in meinem Freundeskreis getroffen und einen Event aus dem Event gemacht: gegrillt, Caipirinhas getrunken, Deutschland-Trikots und Fan-Shirts getragen.
Und wir haben mitgefiebert. Am vergangenen Dienstag beim Halbfinale sogar die, die ansonsten als kategorische Fußballgegner auftreten. Man stelle sich vor: Public Viewing in der Gemeinde, während des Sommerfestes. Der Keller ist voll besetzt, die Stimmung fantastisch und die deutsche Mannschaft liefert ein Spiel, dass es schwierig macht, die Tore auseinander zu halten. 5:0 nach der ersten Halbzeit. Gegen Brasilien. Ein ungeahntes, unfassbares Ergebnis. Ein Fußball-Wunder. Alle sind euphorisiert. Sogar die erklärten Fußballgegner: »5:0? Dann sind die im Finale? Toll, dann ist unsere Serenade gerettet!« Was so viel heißt wie: Da unsere Jungs erst am Sonntag spielen und nicht schon am Samstag um Platz 3, ist die für Samstag Abend angesetzte Benefizveranstaltung nicht mehr in der Gefahr, vor leeren Rängen stattzufinden.
Heute Abend, das steht fest, werden wird jedenfalls wieder gemeinsam grillen und Caipirinhas trinken, um uns auf das brasilianische Flair einzustimmen. Und auf das Spiel der Spiele dieser WM. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren steht wieder ein deutsches Team im Finale. Es steht einem altbekannten Kontrahenten gegenüber: Argentinien. Schon sieben Mal war das bei einer Fußball-WM der Fall; zweimal trafen beide Mannschaften im Endspiel aufeinander: 1986 gewann Argentinien gegen Deutschland 3: 2; 1990 gewann Deutschland gegen Argentinien 1:0. Es ist also schwer zu sagen, was unter himmlischen Gesichtspunkten heute Abend gerecht wäre: Soll Argentinien gewinnen? Oder Deutschland? Oder einfach die bessere Mannschaft?
Deutschland hat laut Fußballstatistik dieser WM bislang mehr Tore, mehr Pässe, mehr Ballbesitz. Argentinien dagegen eine bärenstarke Defensive und außerdem den Stachel von 1990 im Rücken: Jetzt sind sie eigentlich wieder mit dem Gewinnen dran.
Neben der quasi-religiösen Verehrung einiger Spieler (Neuer oder Müller sind da ganz weit vorne), der Feststellung, dass Joachim Löw bei den Zuschauerinnen als heißester Trainer gehandelt wird, und Anrufungen des viel beschworenen Fußball-Gottes, werden auch reale religiöse Führer vereinnahmt, um das Glück zu zwingen. So kursiert zum Beispiel ein Bild in den sozialen Netzwerken, das die beiden Päpste Benedikt XVI. und Franziskus beim gemeinsamen Gebet zeigt. In einer Fotomontage hat jemand Denkblasen eingefügt, die die Päpste zu Fußball-Fans machen. Wahrscheinlich ist davon auszugehen, dass sie es wirklich sind: Von Franziskus weiß man es, von Benedikt vermutet man es gern auch ein bisschen. Jedenfalls hat der Vatikan auf Anfrage offiziell erklären lassen, dass die beiden Päpste heute Abend NICHT gemeinsam vor dem Fernseher sitzen. Ja, das sagt doch Einiges!
Auf jeden Fall steht es für die beiden Mannschaften auch in Papstfragen unentschieden. Argentinien kann mit Fug und Recht von sich sagen: »Wir sind Papst!« Aber wiederum gilt ja für uns Deutsche: Der Papst, der wir waren, wandelt weiter auf Erden – und deshalb sage ich mal: »Wir sind auch Papst!«
Unter den argentinischen Fans gab es schon beim Spiel gegen die Niederlande viele, die sich als Bischof von Rom verkleideten, mit Mitra in hellblau-weiß-gestreift auf dem Kopf. Ich erwarte also, dass heute Abend auch ein paar deutsche Fans als Papst kommen. Und der heißt natürlich Benedikt und trägt eine Mitra in Schwarz-Rot-Gold. In der Fußballkonkurrenz können wir keine Rücksicht nehmen auf theologische Fragen und die katholische Internationale. Hier müssen wir Farbe bekennen! Und was wäre wohl ein besserer Ort, die Religion ins Spiel zu bringen, als eine Sportart, die von manchen selbst als Religion angesehen wird?
Klar ist: Nie wird es so viele Stoßgebete auf einmal geben wie in dem Moment, in dem Müller zum Elfmeter anläuft und sich dem argentinischen Torhüter gegenüber sieht. Wird er treffen? Wird er halten? »Bitte, mach, dass er reingeht!«, werde ich beten, das weiß ich schon. Und wer weiß, vielleicht beten ja auch die beiden alten Männer in Rom für ihre Jungs.
