Pro und Contra
Fahrtests für Menschen ab 70 Jahren?
Wenn ältere Menschen an Unfällen beteiligt sind, sind sie häufiger Hauptschuldige. Der Staat muss endlich die möglichen Gründe und Ursachen in den Blick nehmen. Älter werdende Menschen sollten mit der Entscheidung, ob sie noch fahrtauglich sind, nicht alleingelassen werden.
Gerade im ländlichen Raum sind ältere Menschen auf das Auto angewiesen. Ohne Kontrolle der Fahrtauglichkeit bliebe nur, sie trotz ihrer Einschränkungen weiterfahren zu lassen. Dabei wären viele Seniorinnen und Senioren wahrscheinlich erleichtert, wenn sie an dieser Stelle Unterstützung und Hilfe bekämen. Viele Ältere fühlen sich ängstlich oder unsicher beim Autofahren, sind aber gezwungen, weiterzufahren, da es kaum Alternativen oder Beratung gibt. Eine Fahrtauglichkeitsreform wäre insofern wichtig, um einen Prozess anzutreten, der mehr Aufmerksamkeit auf die Probleme und Schwierigkeiten älterer Menschen lenkt.
Wir leben in einer überalterten Gesellschaft. Ein großer Teil der Bevölkerung wäre also von dem Problem der fehlenden Fahrtauglichkeit betroffen. Und er wird weiter wachsen.
Das Alter ist ganz allgemein verbunden mit dem Verlust von Fähigkeiten – unabhängig davon, ob man von einer Erkrankung betroffen ist. Viele Dinge werden schwieriger, der Lebensradius wird eingeschränkt. Gleichzeitig entwickelt sich der Straßenverkehr weiter und wird komplexer, sodass mehr Anforderungen an den Autofahrer gestellt werden. Allein die Einführung des E-Autos, das sich fast lautlos durch den Straßenverkehr bewegt, fordert viel mehr Aufmerksamkeit und Konzentration vom Verkehrsteilnehmer. Hinzu kommt, dass Menschen ab 70 mit höherer Wahrscheinlichkeit eine verzögerte Reaktionszeit haben als jüngere. Deshalb ist es sinnvoll, regelmäßige Kontrollen durchzuführen. Schließlich sind Sehtests für Fahranfänger, die ihren Führerschein machen wollen, Pflicht, obwohl es bei jungen Menschen viel unwahrscheinlicher ist, dass sie eine einschränkende Erkrankung haben. Ein Hörtest wäre auch sinnvoll, ist aber bisher freiwillig.
Um mehr Sicherheit im Straßenverkehr zu erreichen, könnte man gestaffelt vorgehen: Zunächst werden das Hör- und Sehvermögen geprüft, da sie fürs Autofahren besonders essenziell sind. In einem zweiten Schritt werden Fahrsicherheitstrainings zunächst auf freiwilliger Basis angeboten, später dann verpflichtend angeordnet und schließlich folgen allgemeine medizinische Untersuchungen. Insgesamt ergibt sich so ein begleitender Korridor, damit die Befähigung, ein Auto zu fahren, überprüft werden kann.
Jürgen Lenders: Nein!
Mobilität bedeutet Austausch, Begegnung und Lebensfreude. Doch wo Menschen unterwegs sind, passieren Unfälle, entsteht Leid. Beim Thema Verkehrssicherheit gilt es zwei Dinge zu maximieren und demütig abzuwägen: Mobilität und Sicherheit. Im Falle der verpflichtenden Kontrollen für Seniorinnen und Senioren bin ich der Meinung, dass diese unverhältnismäßig und pauschal sind. Nicht das Alter, sondern Gesundheit, körperliche Verfassung, Voraussicht und Augenmaß sind wesentliche Faktoren für Fahrtauglichkeit.
Seniorinnen und Senioren spielen in der Unfallstatistik als Unfallverursacher eine geringere Rolle, als suggeriert wird. Seit 1980 ist das Risiko für Seniorinnen und Senioren, mit dem Pkw zu verunglücken, um fast sechs Prozent gesunken. Zwar tragen Seniorinnen und Senioren im Vergleich zu anderen Altersgruppen die Hauptschuld bei Unfällen. Allerdings sind sie damit beinahe gleichauf mit der Gruppe junger Menschen bis 24. Insgesamt sind Seniorinnen und Senioren deutlich seltener an Unfällen beteiligt als andere Altersgruppen. Pauschale Zwangsmaßnahmen für ältere Menschen sind daher unverhältnismäßig.
Ältere Fahrerinnen und Fahrer zeichnen sich vielfach durch Voraussicht und Augenmaß aus. Seh- oder Reaktionsvermögen nehmen mit steigendem Alter ab. Gleichwohl passen Seniorinnen und Senioren ihr Fahrverhalten an und fahren nicht bei Dunkelheit oder lange und ungewohnte Strecken. Sie zeigen also meist eine gesunde Selbsteinschätzung.
Wesentlich ist nicht das Alter, sondern Gesundheit und körperliche Verfassung. Krankheiten, Medikamente oder sonstige Einschränkungen der Fahreignung wirken sich negativ auf die Verkehrssicherheit aus. Gibt es Zweifel an körperlicher oder geistiger Eignung, können Behörden bereits nach geltender Rechtslage ärztliche Gutachten anfordern, um die Fahrbefähigung festzustellen und gegebenenfalls die Fahrerlaubnis zu entziehen. Das gilt für alle Altersgruppen. Es ist nicht zielführend, Maßnahmen ab einem bestimmten Alter festzulegen.
Pauschale Fahrtauglichkeitsuntersuchungen erhöhen nicht per se die Sicherheit. In Deutschland starben 2020 im Vergleich 49 Senioren je eine Million Einwohner, im europäischen Vergleich Platz sieben. In Italien sterben 55 Senioren je eine Million Einwohner – und das, obwohl dort Seniorinnen und Senioren ihren Führerschein regelmäßig verlängern und sich einem medizinischen Check unterziehen müssen. Es ist also nicht nur fraglich, ob regelmäßige Gesundheitskontrollen verhältnismäßig sind, sondern auch, ob sie überhaupt Wirkung zeigen würden.
Kai Aulich ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und leitet als Oberarzt die gerontopsychiatrische Station im Helios Hanseklinikum Stralsund.
Jürgen Lenders ist FDP-Politiker und Mitglied des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestags.

