Angst vor der Stille am Karfreitag
Es ist eine entsetzliche Geschichte, die da an Karfreitag berichtet wird: Ein Mann wird auf bestialische Weise hingerichtet. Bevor er endlich sterben darf, wird er ausgelacht, gequält, ausgepeitscht und bespuckt. Der Bericht über die Kreuzigung des Jesus von Nazareth ist kaum auszuhalten. Die Christen auf der ganzen Welt lesen ihn trotzdem an jedem Karfreitag, in seiner ganzen Ausführlichkeit. Auch ich gehöre zu denen, die sich das antun.
Die Karfreitagspassion reißt mich aus meinem konsumverwöhnten Leben und konfrontiert mich krass mit der schreienden Ungerechtigkeit, die in der heutigen Welt noch ebenso gegenwärtig ist wie zu biblischer Zeit. Während der Bericht von der Kreuzigung Jesu vorgetragen wird, habe ich politische Gefangene in chinesischen Gefängnissen vor Augen, Schwarze, die in den USA aufgrund fadenscheiniger Indizien in der Todeszelle sitzen, ukrainische Frauen, die von Menschenhändlern zur Prostitution gezwungen werden, afrikanische Bootsflüchtlinge, die zu Hunderten vor der Küste Italiens ertrinken. Ich möchte aus der Kirche laufen. Doch ich bleibe, lasse mich betreffen.
Ein einziger stiller Tag ist heute offenbar schwer auszuhalten
Die Stille dieses Tages ist mir wichtig, sie verändert mein Empfinden, verlangsamt meinen Gang und macht mich offen für das, was in der Welt geschieht. Ich bin froh über das Vergnügungsverbot, das öffentliche Veranstaltungen wie Märkte, Sportveranstaltungen und Volksfeste an Karfreitag untersagt. Und es verletzt mich, wenn in diesen Tagen wieder Menschen auf die Straße gehen, um dem Karfreitag seine Stille zu nehmen. Eine Facebook-Gruppe mit dem Namen »Zum Teufel mit dem Tanzverbot« ruft jetzt beispielsweise am Karfreitag zum Protest auf: »Schnappt euch MP3-Player samt Kopfhörer oder euer Kofferradio kommt zum Kölner Dom und fangt an zu tanzen!« Auch Parteien wie die Piraten und die Grünen erklären das Tanzverbot für »nicht mehr zeitgemäß«.
Schon ein einziger Tag der Stille ist heute offenbar schwer auszuhalten. Vielleicht drückt sich da die große Leere und die Angst nach oben, die die Spaßgesellschaft mit ihren permanenten Events sonst so gut unterdrückt. Womöglich braucht man gerade am Karfreitag besonders laute Musik und schnelle Tänze, um die Botschaft dieses Tages noch erfolgreich zu verdrängen.
Die Tanzdemos und Flashmobs verletzen die Stille, das gemeinsame Gedenken. Sie verletzen auch das Ideal einer toleranten Gesellschaft, denn gerade eine pluralistische Gesellschaft lebt vom gegenseitigen Respekt der verschiedenen Gruppen: Nicht nur von der Toleranz gegenüber Nichtgläubigen, sondern auch von der Achtung vor den Christen, denen die Stille dieses besonderen Tages heilig ist.
Dann wird der Feiertag verschwinden
Wenn die Flashmobber und Karfreitagstänzer sich durchsetzen, werden nicht nur die Discos bald wieder an Karfreitag geöffnet sein, sondern auch Jahrmärkte, Fußballstadien und Rummelplätze. Die Stille des Karfreitags wird es dann nicht mehr geben. Doch wenn die religiöse Tradition dieses Tages nicht mehr in die Zeit passt, wird auch der Feiertag selbst auf Dauer nicht zu begründen sein. Dann wird der Freitag vor Ostern wie jeder andere Freitag werden, an dem wir weder trauern noch tanzen, sondern ganz normal zur Arbeit gehen.
