Ausgebrannt
Es gibt Arbeitstage, die strapazieren Silvia Hürths Geduld aufs Äußerste, ehe sie überhaupt begonnen haben. Wie neulich, als die Grundschullehrerin bereits um sieben Uhr in der Schule war, obwohl ihr Unterricht erst um 8.45 Uhr beginnen sollte: Sie ist mit Dragans Eltern zum Gespräch verabredet. Es geht darum, dass der Junge immer wieder andere Kinder angreift. Zu Hause hat sich die Lehrerin noch eine halbe Stunde Notizen gemacht, denn sie will vorbereitet sein. Doch nun sitzt sie da und wartet. Niemand erscheint, auch an ihre Handys gehen weder Mutter noch Vater. Erst nach Tagen und auf Nachfrage wird sie eine fadenscheinige Entschuldigung bekommen.
»Es ist wie ein Kampf gegen Windmühlen«, findet die Lehrerin in solchen Momenten. Damit sie mit den Kindern vorankommt, müssen die Eltern mitziehen. Ein Großteil der Eltern macht das aber nicht. Denn die Schule von Silvia Hürth, die im richtigen Leben genau wie Dragan anders heißt, liegt in einem sozialen Brennpunkt von Frankfurt am Main.
In ihre Klasse kommen Kinder, die zu Hause mit dem Gürtel geschlagen werden. Die morgens im Kühlschrank nichts zum Frühstück finden. Die im Winter ohne Strümpfe zur Schule gehen. Die Hälfte der 24 Schüler bekam die Klassenfahrt vom Jugendamt bezahlt, hundert Prozent haben einen Migrationshintergrund. Sprachvorbilder fehlen zu Hause, viele Familien sind zerrüttet. »Die Eltern sind ganz viel mit sich selbst beschäftigt und können ihren Kindern nicht helfen, weder sprachlich noch emotional«, berichtet die Lehrerin. »Wenn sie in die erste Klasse kommen, ist so wenig angelegt von den Kompetenzen, die sie bräuchten, um einen Schulalltag zu meistern.«
Ein Kind will nicht in die Pause
Sie und ihre Kolleginnen beginnen dann mit ganz grundlegender Erziehungsarbeit. Auch mal verlieren können, abwarten, bis man drankommt, sich an Regeln halten oder bei einem Konflikt nicht gleich draufschlagen – das bringt sie den Kindern bei. An diesem Vormittag etwa wollte ein Kind zur großen Pause partout nicht das Klassenzimmer verlassen. Es war mit dem Bild, das es gemalt hatte, nicht zufrieden, wollte es neu und anders malen. Silvia Hürth musste es gegen seinen Willen aus dem Zimmer tragen, denn sie hatte Pausenaufsicht, und unten auf dem Hof warteten schon die anderen Kinder auf sie. »Solche Situationen saugen Energie!«, versichert die Pädagogin. Über den Tag hinweg muss sie sich häufig zerreißen: Mit den einen wird noch ein Streit aus der Pause geklärt, die anderen müssen derweil schon mit Stoff »gefüttert« werden. Denn eines soll bei alledem ja auch noch stattfinden: Deutsch, Mathe, Sachkunde – ganz normaler Unterricht. »Das sind so tolle Kinder und ich würde gerne viel individueller auf jedes eingehen können«, bedauert die Lehrerin.
»Grundschullehrer sind heute in einer Doppelrolle«, beobachtet der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann. Als Pädagogikprofessor der Unis Bremen und Siegen hat er 32 Jahre lang Grundschullehrer ausgebildet. Die Veränderung des Berufs begleitet er heute als Fachreferent des Grundschulverbandes. Auf der einen Seite, erläutert Brügelmann, erfüllen die Lehrer zunehmend sozialpädagogische Aufgaben, am extremsten in den Ballungszentren und deren Brennpunkten. Sie müssten sich mit dem Jugendamt abstimmen, mit der Polizei verhandeln oder Nachhilfe organisieren. Auf der anderen Seite seien die didaktisch-methodischen Anforderungen gestiegen. Jedes Kind soll individuell gefördert werden. »Hier kommen die Kollegen durch die landesübergreifenden Vergleichsarbeiten in eine regelrechte Double-Bind-Situation«, findet der Wissenschaftler. Denn durch diese Prüfungen würden alle Klassen über einen Kamm geschoren – egal, ob ihre Schule im sozialen Brennpunkt oder im Villenviertel liegt. »Da wird informell ein starker Druck erzeugt.«
Und bei all diesen gestiegenen Anforderungen arbeiten Grundschullehrer unter schlechteren Bedingungen als die Kollegen der Sekundarstufe: Für ein volles Deputat müssen sie mehr Unterrichtsstunden leisten als diese, werden bei Zusatzaufgaben nicht durch sogenannte Funktionsstellen entlastet und werden nach Besoldungsgruppe A12 bezahlt, während die anderen Lehrer meist nach A13 bezahlt werden. »Das finde ich nicht mehr angemessen«, resümiert Brügelmann.
Mehrarbeit durch Flüchtlinge
Viele Grundschullehrer wehren sich gegen diese Bedingungen durch Brandbriefe an ihre Kultusministerien. Auch in Frankfurt am Main gab es Anfang des Jahres einen solchen Brandbrief, den zwei Drittel aller achtzig Grundschul-Rektorinnen und Rektoren unterschrieben haben. Von einer »kaum zu bewältigenden Arbeitsbelastung sowohl in zeitlicher als auch in psychischer Dimension« ist da die Rede, von der Mehrarbeit durch Flüchtlingskinder und inklusiven Unterricht. Und von Lehrern, die nach den Vorstellungsgesprächen Schulen außerhalb der Ballungsgebiete vorziehen. Benedikt Gehrling ist Sprecher der Protestgruppe und leitet selbst seit 14 Jahren eine große Frankfurter Grundschule mit einem schwierigen Einzugsgebiet. Er hat in den vergangenen Jahren viele Referendare ausgebildet. »Manche mussten wir wieder ziehen lassen, weil wir gesehen haben: Die können hier nicht durchhalten.«
Gehrling beobachtet eine hohe Fluktuation im Grundschullehramt seiner Stadt und erzählt, wie viel er selbst tut, damit ihm die Kollegen nicht davonlaufen. Indem er eine Lehrerin entlastet, wenn er merkt, dass es ihr nicht gut geht; oder ihr Redeverbot erteilt, »um sie aus der Schusslinie zu nehmen«, sobald ein Konflikt mit Eltern zu eskalieren droht. Und während er spricht, betreut er gleichzeitig das benachbarte Schulsekretariat, wo ein Vater, der selbst Analphabet ist und kein Deutsch kann, ein Formular abgeben will für die Anmeldung seines behinderten Kindes. Das erledigt Gehrling nebenbei, denn seine Sekretärin ist seit Längerem erkrankt.
Wenn man Schulleiter Gehrling fragt, was die Situation der Grundschullehrer denn verbessern könnte, dann sagt er: »Ich will nicht immer nur von mehr Geld und mehr Lehrerstellen sprechen. Es würde uns schon helfen, wenn dieses überbordende Ausmaß an Bürokratie zurückgefahren würde. Wenn nicht für alles eine Dokumentation gemacht werden müsste, ein runder Tisch, eine Evaluation oder ein selbst verfasstes Konzept. Wenn wir nicht für jedes einzelne Inklusionskind diesen unfassbaren Wahnsinn an Formularen, Stellungnahmen und Protokollen leisten müssten.« Dann, so Gehrling, hätten er und seine Kolleginnen wieder mehr Kraft für das Eigentliche – für den Blick aufs einzelne Kind.
Silvia Hürth, die Grundschullehrerin, erlebt diesen »Wahnsinn an Dokumentationen und Formularen« Woche für Woche, erzählt von Überstunden am Abend und am Wochenende. »Ich gehe an keinem Tag nach Hause und habe das Gefühl, allen Kindern gerecht geworden zu sein. Es gäbe immer noch was zu tun, und man ist im Prinzip nie fertig.« Als Beispiel nennt sie ein Kind, dessen aufgeritzte Arme sie bemerkt hat. »Natürlich könnte ich auch die Augen zumachen. Denn das ist ein Fund, der einen Rattenschwanz an Arbeit mit sich bringt.«
Nachmittags führt sie Gespräche mit verschiedenen Institutionen, um sich Hilfe für ihre Problemfälle zu holen: Jugendamt, Caritas, Erziehungshilfe. Runde Tische anbahnen, die Eltern mit ins Boot holen, einen Dolmetscher organisieren, alles protokollieren und die gemeinsamen Ziele in regelmäßigen Abständen überprüfen: »Das Ganze ist ein Riesenaufwand.« Und addiert sich zu ihrem normalen Lehreralltag mit Konferenzen, Unterrichtsvorbereitung oder Elternabenden. Mit einem Mädchen ihrer Klasse durchläuft sie gerade die Prozedur zum Antrag auf sonderpädagogischen Förderbedarf. Wird die Inklusion bewilligt, soll das Mädchen nach Willen des Schulamts künftig zwei Stunden pro Woche von einer Sonderpädagogin unterstützt werden. Ein Tropfen auf den heißen Stein – gemessen daran, dass auf ihre Lehrerin dann regelmäßige Absprachen mit der Förderkraft und ein Berg an Bürokratie zukommen.
Es fehlen die Zeit und die Kraft
Silvia Hürth ist erst seit fünf Jahren Lehrerin. »Die Arbeit mit den Kindern macht mir große Freude«, betont die 32-Jährige. »Aber oft geht man traurig nach Hause und nimmt deren Probleme mit.« Das Problem liege auch darin, dass heute ganz andere Ansprüche an Schule gestellt würden, meint Erziehungswissenschaftler Brügelmann. »Früher hieß es, das Kind muss sich anpassen, sonst bleibt es halt sitzen.« Brügelmann trifft auf der Straße manchmal Lehrerinnen, die er selbst vor zwanzig Jahren ausgebildet hat. Sie sind jetzt Mitte vierzig oder Mitte fünfzig und erzählen ihm, dass sie von den Ideen, die sie damals hatten, nicht mehr viel umsetzen können. »Ihnen fehlt die Zeit dazu und vor allem die Kraft. Die sind wirklich ausgebrannt.«
