Boulevard Bundespräsident
Einen guten Denker, einen begabten Redner, einen weltkundigen Zeitgenossen, einen aufmerksamen Zuhörer und sensiblen Menschen - keinen Heiligen, keine Majestät, keinen Populisten -, einfach nur eine Persönlichkeit mit Strahlkraft, Redlichkeit und Sachkompetenz bräuchten wir als Bundespräsidenten. Das Amt trägt ihn nur bedingt. Im Wesentlichen trägt er mit seinem öffentlichen Auftreten das Amt.
Der gegenwärtig noch amtierende Bundespräsident hat in diesem Amt nichts gemacht, was strafrechtlich relevant wäre. Aber er hat das, was einem Bundespräsidenten in einer Konfliktsituation geziemt, nicht erfüllt. Der Konflikt hat zu der absurden und das Amt tief beschädigenden Situation geführt, dass seit zehn Tagen die Frage im Raum steht, ob man nun dem Boulevard oder dem Bundespräsidenten glauben soll.
Wulff hat völlige Transparenz zugesagt. Das kann man gar nicht. Denn es muss auch Vertraulichkeit geben und den Schutz der Privatsphäre. Völlige Transparenz verrät das, was man in der Politik eben auch braucht: Diskretion, damit Dinge wachsen und reifen können, Vertraulichkeit, ehe man öffentlich macht, was für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Wer indes Transparenz vollmundig ankündigt und meint, dass sich dadurch gleich die Republik verändern würde, wer die Medien neu »einbinden« möchte, hat nicht verstanden, worum es geht. Die Medien darf man nicht einbinden; sie müssen ihre Arbeit machen.
Wulff hat schöne Schuhe an. Aber die Schuhgröße passt nicht
Es gibt in der Politik einige Positionen, in denen man kaum noch zwischen Privatem und Öffentlichem unterscheiden kann. In einem zerschleißenden Vollzeitjob muss man fast immer verfügbar sein. Das ist eine permanente Belastung, aber ein Präsident darf trotzdem nicht die Contenance verlieren. Bei Wulff gewann man den Eindruck: Diesem Anspruch kann er nicht genügen. Er hat schöne Schuhe an; aber die Schuhgröße passt nicht.
Vielleicht kann er sein hohes Amt behalten. Aber er kann es nicht mehr ausfüllen. Es führt kein Weg zurück zur (Hoch-)Achtung gegenüber dieser Person in dieser Position. Dass der Bundespräsident kabarettreif geschossen wurde, hat er sich selbst zuzuschreiben.
Wulff selbst aber deutet seine Lage anders: Er meint, er habe viel Zustimmung im Volk. In seinem Fernsehinterview vom 4. Januar glaubte er, seine Luxuseinladungen bei lieben Freunden, die allesamt im Geld schwimmen, damit rechtfertigen zu können, dass sich doch »jedermann« von seinen Freunden gerne einladen lasse. Er sei wie alle anderen Menschen auch. Wie mag das bei den vielen Millionen Bürgern ankommen, die ihre bescheidenen Urlaube selber buchen und bezahlen müssen? Doch Wulff sagte unbeirrt Sätze wie diesen: »Ich bin beeindruckt davon, dass die Bürger wollen, dass ich im Amt bleibe.« Und: Es sei doch festzustellen, »dass ich das Amt wieder gestärkt habe und dass es wieder eine hohe Anerkennung genießt«. Sonst aber wählt er das »man«: »Durch den Umgang mit den Dingen hat man dem Land sicher nicht gedient.« Wer »man« sagt, wo er »ich« sagen müsste, ist einfach feige. Das Amt nimmt Schaden durch diesen Präsidenten.
Wulff ist jung genug, um seine Lebensplanung noch einmal neu zu justieren und sich ganz normal im Leben einzurichten. Er würde sich und dem Amt sehr nützen, wenn er in seinen eigentlichen Beruf als Jurist zurück ginge und bewusst auf die ihm lebenslang zustehenden Tantiemen verzichten würde. Denn die Wut im Volk darüber, dass er für den Fall seines vorzeitigen Ausscheidens lebenslang mit 200 000 Euro jährlich ausgesorgt hätte, wird zur Wut auf unser ganzes demokratisches System - besonders bei Menschen, die ihre Arbeit verlieren und nach einem Jahr in Hartz IV zurückfallen. Ein Beispiel könnte Wulff sich nehmen - an Margot Käßmann. Aber dazu bräuchte er das, was er nicht hat: Größe.
