»Christen sind in Chemnitz präsent«
Publik-Forum: Chemnitz war in den vergangenen Wochen in allen Schlagzeilen – von der Kirche hat man kaum etwas gehört.
Dorothee Lücke: Schon bei der ersten Gegendemonstration am Montag nach dem Stadtfest waren nicht wenige Christen dabei, auch mein Mann und zwei meiner Kinder. Unmittelbar davor haben wir in der St.-Jakobi-Kirche ein ökumenisches Friedensgebet gehalten. Dem Aufruf der evangelischen Kirche zur Kundgebung am Sonntag folgten mehr als tausend Menschen. Wir waren nicht immer in der ersten Reihe, aber immer präsent. Wir müssen uns doch den Herausforderungen stellen.
Welche sind das?
Lücke: Chemnitz hat nun den Ruf, eine Stadt voller Nazis zu sein. Das wird der Vielfalt in der Stadt nicht gerecht. Es gibt zwar viele Bürger, die die Meinungen der AfD teilen oder noch extremere haben. Aber es gibt auch viele andere Stimmen. Und nicht jeder, der bei einem der sogenannten Trauermärsche mitgelaufen ist, ist ein Nazi. Da waren zum Beispiel einige aus dem Abiturjahrgang meines Sohnes dabei. Die darf man nicht einfach abstempeln.
Es heißt, in Sachsen seien in jedem Verein Menschen mit ausländerfeindlichen Ansichten zu finden. Auch in jeder Kirchengemeinde?
Lücke: Menschen mit rechtsradikalen Ansichten gibt es in unserer Kirchgemeinde nicht. Aber es gibt viele, die sich über die Politik der Bundesregierung aufregen. Dieselben bringen dann aber Geflüchteten das Zählen auf Deutsch bei oder übernehmen Fahrdienste für sie. Man darf diese Menschen nicht in die rechtsradikale Ecke stellen. Ich versuche Brückenbauerin zu sein, immer wieder das Gespräch zu suchen.
Sie halten Verständnis für die Menschen, die sich verunsichert fühlen, für wichtiger als klare Kante gegen Rechtsextreme zu zeigen?
Lücke: Nein, klare Kante ist wichtig. Den Hitlergruß zu zeigen oder zu schreien: »Ausländer raus«, darf nicht toleriert werden. Aber nicht alle, die mitlaufen, sind Nazis. Die Frage, wie das Zusammenleben in einer Zuwanderungsgesellschaft funktionieren kann, die bewegt uns doch alle.
Aber warum eskaliert der Konflikt um diese Frage so heftig in Sachsen?
Lücke: Es fehlt die Erfahrung, mit Menschen anderer Hautfarbe, Kultur und Religion zusammenzuleben. Die Älteren hatten keine Klassenkameraden, die aus Italien, Marokko oder der Türkei kamen.
Empfindet eine Gesellschaft, in der Religion eine so geringe Rolle spielt wie in Sachsen, den Islam als besonders bedrohlich?
Lücke: Die säkulare Bevölkerung versteht kaum, dass Muslime ihren Glauben selbstbewusst leben. Auch für die kirchlich Geprägten ist das eine große Herausforderung.
Was kann die evangelische Kirche, der nur noch etwa jeder Fünfte in Sachsen angehört, jetzt tun?
Lücke: Als sächsische Kirche müssen wir das »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« der Gesellschaft vermitteln. Das hat sie jahrzehntelang kaum gehört. Und wir dürfen uns nicht zu viel mit uns selbst beschäftigen. In letzter Zeit ging zu viel Energie auf Strukturreformen und Stellenkürzungen, weil die Zahl der Gemeindemitglieder rasant zurückgeht.
Was ist Ihr nächster Schritt für ein vielfältiges Chemnitz?
Lücke: Gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde bereite ich das Gedenken zur Reichspogrom-Nacht am 9. November vor. Außerdem fahre ich demnächst mit Chemnitzer Jugendlichen zum Jugendaustausch nach Israel.
