Der Hürdenläufer
Conakry, die Hauptstadt Guineas, im Februar 1992. Dass die Milizen des Präsidenten nach ihm suchen, erfährt Sadio Barry aus dem Fernsehen und den Zeitungen. Der junge Student sei ein Staatsfeind und Rebell, heißt es, und er habe einen Bürgerkrieg anzetteln wollen. Lansana Conté, Präsident und oberster Richter in Guinea zugleich, hatte den jungen Mann höchstpersönlich zum Tode verurteilt. Ein offizielles Gerichtsverfahren hat es nie gegeben.
Fast zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Und Sadio Barry lebt – in Aachen. Er ist gerade nach Hause gekommen, in seine Wohnung in der Innenstadt. Es ist wieder spät geworden, zu viel zu tun in der Firma, wo Barry seit ein paar Jahren als Entwickler für Software arbeitet. Seine Frau bringt noch die zweijährige Tochter ins Bett. Und dann erzählt der Familienvater von dem, was sich in den vergangenen zwanzig Jahren zugetragen hat: von der Verfolgung, der Flucht und den Morddrohungen, die ihn auch in Deutschland immer wieder erreichen.
Sadio Barry will kein Blatt vor den Mund nehmen. Auch heute Abend nicht. Denn nicht zu sagen, was man denkt, hieße, Angst zu zeigen, sagt der schlanke Mann am Wohnzimmertisch. Es klingt wie eine Botschaft an alle, die ihm je mit Mord und Folter gedroht haben. Barry posaunt sie nicht heraus, er spricht leise, eher zurückhaltend – und doch bestimmt. Es sei nun mal so: Er lasse sich seine Meinung nicht verbieten. Das sei schon immer so gewesen. »Vielleicht hatte ich auch deswegen so viele Probleme«, räumt der 41-Jährige ein.
Als er Student wird, weitet sich sein Blick
Die Probleme begannen zu seiner Zeit als Student in Guinea, Ende der 1980er-Jahre. Er hatte gerade sein Abitur mit Bestnote bestanden und sich für ein Studium der Elektrotechnik an der Universität in Conakry entschieden. Es sollte ein erster Schritt in eine erfolgreiche Zukunft werden, von der er als Jugendlicher immer geträumt hatte. »Ein Haus, eine Arbeit, eine Familie – so hatte ich mir das vorgestellt.«
Doch dann, als Student, weitete sich sein Blick. Er erkannte, dass ein brutales Regime der Verwirklichung des privaten Glücks viel zu oft im Wege stand: Staatsoberhaupt Lansana Conté klebte seit seinem Putsch im Jahr 1984 an der Macht. Er hatte die Verfassung außer Kraft gesetzt und regierte mit einem Militärrat aus 25 Generälen und Offizieren. Parteien – außer der des Präsidenten – waren verboten. »Wer seine politische Meinung dennoch kundtat, geriet ernsthaft in Gefahr«, erinnert sich Sadio Barry.
Auf dem Campus kursierten Schauergeschichten. Von Folter und Misshandlungen, begangen an Oppositionellen. Der junge Student musste an seinen Onkel denken, der sich in einer demokratischen Partei engagiert hatte. Eines Tages wurde er abgeholt. »Sie haben ihn umgebracht«, erzählt Sadio Barry. In seiner Familie hätten anschließend alle stillgehalten. »Meine Eltern haben mir sogar verboten, mich politisch zu engagieren.«
Doch es half nichts. Der junge Student trat einer Partei bei, die im Untergrund agierte. Freie Wahlen in Guinea, ein Mehrparteiensystem und ein Ende der Gewalt – das waren die zentralen Anliegen, für die sich Sadio Barry einsetzte. Er engagierte sich zudem in einem Studentenkomitee seiner Universität. Nach wenigen Semestern zählte der junge Student zu den fünf Vorsitzenden dieses Komitees, das studentische Anliegen gegenüber der Regierung vertrat – zu vergleichen mit dem AStA in Deutschland.
Das Militär feuert in die Menge
»Die Situation an unseren Universitäten ließ wirklich zu wünschen übrig«, sagt Sadio Barry. Gemangelt habe es an allem, an Büchern, an Räumlichkeiten, an Professoren. »Dabei waren genügend Staatsgelder vorhanden, sie flossen nur in die falschen Kanäle.« Das sollte sich auch bis zu jenem Tag im Februar 1992 nicht ändern, nach dem im Leben von Sadio Barry nichts mehr so sein würde wie zuvor: Die Regierung hatte Forderungen des Komitees immer wieder abgeblockt. Als auch ein Campusstreik nichts bewirkte, gingen 5000 Studenten für bessere Studienbedingungen auf die Straße. Es sollte ein friedlicher Protestmarsch werden. Doch dann fielen Schüsse. Das Militär feuerte in die Menge, mindestens vier Studenten wurden verletzt. Anschließend blies die Privatgarde des Präsidenten zur Treibjagd auf die fünf Vorsitzenden des studentischen Komitees, also auch auf Sadio Barry. Noch am selben Tag durchkämmten sie den Campus der Universität. Sadio Barry war mit einem anderen Demonstranten in dessen Wohnung geflohen. Es hämmerte an der Tür. Barry stürmte durch den Hinterausgang hinaus ins Freie, bis eine Mauer ihm den Weg versperrte. »Ich konnte gerade noch rüberspringen und entkommen.«
Wenn er über Gefahren wie diese spricht, bleibt er auffällig gelassen. Als beträfe ihn das alles gar nicht: Dass er wohl keinen schnellen Tod gehabt hätte. Dass ihn wohl schwere Misshandlungen erwartet hätten. Alles nur Randnotizen. Fußnoten. Viel wichtiger ist ihm etwas anderes. »Man muss für seine Überzeugungen kämpfen.«
Barry taucht unter
Sadio Barry gelang es unterzutauchen. Er wandte sich an die guineische Menschenrechtsorganisation OGDH, die ihm Unterkünfte in den Vororten von Conakry verschaffte. Von Woche zu Woche wechselte er sein Versteck, ein halbes Jahr lang. »Ich wusste selbst oft nicht, wo genau ich mich befand«, erinnert sich Sadio Barry. In der Zwischenzeit gelangte eine Akte über den Fall der fünf zum Tode verurteilten Studenten nach Deutschland. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt am Main nahm sich der Sache an und informierte das Auswärtige Amt in Berlin. Das war die Rettung.
Mit gefälschten Pässen gelangten alle fünf Studenten im September 1992 nach Deutschland. »Wir waren sehr erleichtert, als wir in Deutschland ankamen«, erinnert sich Sadio Barry. Endlich aufatmen. Endlich in Sicherheit. Und doch: Es begann eine schwere Zeit. Zunächst die Querelen mit der Ausländerbehörde: Anfangs hatte es geheißen, alle fünf Guineer dürften ihr Studium in Deutschland fortsetzen. Doch dann wurde eine Bescheinigung der Universität in Conakry verlangt. Dafür hätten alle fünf Studenten zurück nach Guinea reisen müssen – wo sie auf der Todesliste des Regimes standen.
Es blieb nur der Weg ins Asylbewerberheim. Und das bedeutete: Das Studium an den Nagel zu hängen, zumindest vorerst. Sadio Barry verschlug es nach Eschweiler bei Aachen, wo er vier Jahre in einem Asylbewerberheim ausharrte. Er besorgte sich Bücher über Phasenverschiebungen und Wechselströme, für den Fall, dass es doch noch klappen sollte mit dem Studium. Zudem lernte er Deutsch und bot sich nach ein paar Monaten anderen Heimbewohnern als Übersetzer an, wenn sie – wie so oft – Behördengänge zu erledigen hatten. Die Beamten hätten seine Übersetzungen geschätzt, sagt Sadio Barry. »Vielleicht haben sie mir deswegen die Möglichkeit angeboten, doch noch studieren zu dürfen.«
Er schrieb sich an der Universität in Aachen für Elektrotechnik ein. Seine bisherigen Studienleistungen wurden allerdings nicht anerkannt. Barry, mittlerweile fast dreißig Jahre alt, konnte es nicht fassen. »Ich habe in Guinea zu den Besten meines Jahrgangs gehört, stand fast vor meinem Abschluss, und das sollte nun alles für den Mülleimer gewesen sein?« Sadio Barry absolvierte das Grundstudium in Elektrotechnik und wechselte dann auf Informatik. Um sein Studium finanzieren zu können, arbeitete er zusätzlich als Softwareentwickler, eine Arbeit, der er bis heute noch nachgeht, mit dem Diplom in der Tasche.
Er hat es geschafft, aber das reicht ihm nicht
Es wäre ein schönes Ende für diese Geschichte. Der Held hat es geschafft. Er hat sich aus dem politischen Sumpf in Guinea befreit und führt ein anständiges Leben: mit einer Familie, einer Arbeit, einer Perspektive. Viele Afrikaner träumen von diesem Leben. Manche sterben sogar dafür in der Meerenge von Gibraltar oder vor Lampedusa. Doch bei Sadio Barry will sich das Gefühl der Zufriedenheit bis heute nicht einstellen. »Die Menschen, mit denen ich groß geworden bin, leben immer noch in Elend und Unterdrückung.« Es sei noch lange nicht erreicht, wofür er sich damals eingesetzt habe. »Wir sind noch weit entfernt davon, ein demokratisches Land zu sein.« Deswegen ist Sadio Barry die ganze Zeit über politisch aktiv geblieben. Ein Forum dazu hat er selbst ins Leben gerufen: die Internetzeitschrift »www.guineepresse.info«. Exil-Guineer aus Europa kommentieren darin das politische Geschehen in ihrer Heimat. »Wir nehmen keine Rücksicht auf Parteiprogramme und schreiben die Dinge so, wie sie sich zugetragen haben.«
»Ich verstecke mich nicht«
Genau hingeschaut hat Sadio Barry auch auf die Ereignisse um Weihnachten 2008: Nach einem Vierteljahrhundert als Staatsoberhaupt von Guinea verstarb Lansana Conté. Doch statt eines demokratischen Neuanfangs wiederholte sich noch einmal der Lauf der Geschichte: Wieder putschte sich das Militär an die Macht, dieses Mal unter Hauptmann Moussa Dadis Camara – ein äußerst brutaler Machthaber. Neun Monate nach Camaras Machtergreifung versammelten sich 50 000 Menschen in einem Fußballstadion in Conakry. Es folgte eines der größten Massaker in Westafrika: Camaras Leibgarde prügelte, schoss, vergewaltigte. Die Bilanz: Mindestens 157 Tote, mehr als 1000 Verletzte, zudem Massenvergewaltigungen. Zu diesem Ergebnis kam ein Untersuchungsbericht der Vereinten Nationen. Sadio Barry hat das Massaker in einem Interview für das ARD-Politmagazin Fakt scharf verurteilt. Der Beitrag »Bundeswehr bildet Massenmörder aus« wies im Februar 2010 auf einen skandalösen Zusammenhang hin: dass Militärdiktator Camara und diejenigen, die das Massaker in Guinea verübt hatten, auch in Deutschland militärisch ausgebildet worden waren. Sadio Barry hätte das Fernseh-Interview anonym führen können, »aber ich verstecke mich nicht«. Millionen von Zuschauern erfuhren seinen Namen, sahen ihn in Großaufnahme, erkannten jede Nuance seines Gesichts. »Ich habe danach 147 Morddrohungen bekommen«, so Sadio Barrys Bilanz bis heute. Die Drohungen seien auch aus Deutschland gekommen, wo, das war ja jetzt klar, seine politischen Gegner ausgebildet wurden. Warum nur hat er so offen gesprochen? »Man darf keine Angst zeigen«, sagt er nur.
Mit seinen Gedanken ist er schon ganz woanders. Zurück in Guinea, in der Höhle des Löwen. Im Herbst 2010 fanden dort auf Druck der internationalen Gemeinschaft doch noch Wahlen statt. Als Sieger ist daraus die Partei Rassemblement du Peuple de Guinee (RPG) hervorgegangen. Es mag auf den ersten Blick wie eine späte Genugtuung für Sadio Barrys lebenslange Bemühungen wirken: Denn die RPG ist genau die Partei, für die Barry vor zwanzig Jahren als junger Student mehrere Sektionen aufgebaut hat. Auch danach hat er engen Kontakt zu seinen Mitstreitern von damals gehalten, allen voran zu Parteiführer Alpha Condé, der lange im französischen Exil gelebt hat. »Wir kennen uns gut«, sagt Sadio Barry.
Stolz darauf ist er mittlerweile nicht mehr. Und das, obwohl Condé bei Barry hat anfragen lassen, ob er nicht einen Posten in Guineas neuer Regierung übernehmen wolle. Sadio Barry ließ ausrichten, seine Frau müsse erst ihr Medizinstudium in Deutschland beenden, vorher könne er nicht weg. »Aber das war nur die höfliche Ausrede.« Der wahre Grund, weshalb Sadio Barry Guineas neuem Präsidenten einen Korb gegeben hat, sind andere: Condé hat, um das Militär auf seine Seite zu bekommen, Militärgeneräle an seiner Regierung beteiligt: Mathuron Bangoura, Korka Diallo und Claude Pivi. Insbesondere auf Letzteren ist Sadio Barry nicht gut zu sprechen. »Er ist ein Verbrecher, der vergangenes Jahr Dutzende von Menschen hat umbringen lassen.« Mit so einem Befehlshaber möchte Sadio Barry nichts zu tun haben. Und dass Condé einen »Pakt mit dem Teufel«, dem Militär, eingegangen ist, darin sieht Barry das Erbe einer Partei beschmutzt, in die er so viele Hoffnungen gesteckt hatte. »Condé hat uns alle verraten.«
Die Werte eines Vertriebenen
Aufgeben will Sadio Barry, der Hürdenläufer, aber längst nicht. Ganz im Gegenteil: Um stärker Einfluss nehmen zu können, möchte der Exil-Guineer schon bald in seine Heimat zurückkehren. Formal ist das möglich, weil das Todesurteil gegen ihn aufgehoben wurde. Auch politische Parteien sind mittlerweile erlaubt. »Insofern hat es in den vergangenen Jahren schon Fortschritte gegeben«, sagt Sadio Barry. »Immerhin.« Er könne mit seiner Rückkehr aber nicht warten, bis eine demokratisch legitimierte Zivilregierung an der Macht sei. »Ich habe den Traum, irgendwann selbst Mitglied in einer solchen Regierung zu sein«, formuliert Sadio Barry seine politische Vision. Gerade für einen Exilanten wie ihn gebe es nur einen Weg: »Wenn man aus seiner Heimat vertrieben wird«, sagt er, »hat das eigene Leben nur einen Sinn, wenn man weiterhin für die Werte einsteht, deretwegen man sein Land verlassen musste.«n
