Der Senkrechtstarter
Aufgefallen
Inmitten des neonationalen Getöses unserer Tage erklingt zu Beginn des Jahres 2017 eine überraschend andere Stimme. Der jüngste französische Präsidentschaftskandidat, Emmanuel Macron, dankt der deutschen Kanzlerin öffentlich für ihre Flüchtlingspolitik: »Kanzlerin Merkel und die ganze deutsche Gesellschaft waren auf der Höhe unserer gemeinsamen Werte«, sagt er. »Sie haben unsere kollektive Würde gerettet, indem sie notleidende Flüchtlinge aufgenommen haben.« Die Migration müsse als gemeinsame Aufgabe der europäischen Länder angegangen werden, erklärt er. Und dann sagt er einen Satz, den kaum ein Politiker heute noch auszusprechen wagt: »Wir lieben Europa.«
Der smarte 39-Jährige wird von keiner etablierten Partei unterstützt, hat aber eine eigene Bewegung gegründet: »En Marche!« (»Auf geht’s«) heißt die Initiative von rund 80 000 Bürgern, die seine Kandidatur unterstützen und dafür nicht einmal einen Mitgliedsbeitrag zahlen müssen. Damit platziert sich Macron ganz bewusst außerhalb des in Frankreich ziemlich verhassten Parteiensystems. Er sieht sich als »Progressist«, strebt eine sozialverträgliche Marktwirtschaft an und verspricht, »den roten Faden des europäischen Projekts wiederzufinden«, um »unser Glück in der Globalisierung« zu machen. Der unkonventionelle Überraschungskandidat hat ursprünglich Philosophie studiert, eine Diplomarbeit über Hegel geschrieben und als Assistent des bekannten Philosophen Paul Ricœur gearbeitet. Schon als Jugendlicher im nordfranzösischen Amiens fiel »Manu« durch brillante Argumentationen auf. Er gewann Sprach- und Klavierwettbewerbe – und verliebte sich als 17-Jähriger in seine Französischlehrerin, die 24 Jahre ältere Brigitte Trogneux, mit der er heute verheiratet ist. Um ihr einen Skandal zu ersparen, wechselte er damals auf ein Gymnasium in Paris. Die beiden gelten heute als glaubwürdiges, sehr politisches Paar.
Als Absolvent der renommierten École nationale d’administration (ENA) hat Macron einige Jahre als Investmentbanker bei der Pariser Rothschild-Bank gearbeitet, bis er 2012 vom amtierenden sozialistischen Präsidenten François Hollande als Berater, danach als Wirtschaftsminister ins Kabinett geholt wurde. In der Regierung kam es jedoch zu heftigen Zerwürfnissen. Im August 2016 trat Macron zurück und gründete seine eigene Bewegung. Unter Sozialisten ist er seitdem ein rotes Tuch und gilt manchen als »Verräter«.
Umfragen sehen den schillernden Quereinsteiger derzeit mit etwa 16 Prozent auf dem dritten Platz hinter dem konservativen François Fillon und der rechtsextremen Marine Le Pen. Seine Popularität scheint noch zu wachsen. Um in die Stichwahl zu kommen, müsste er etwa 25 Prozent erreichen. Die Wochenzeitung Die Zeit hält das für »unwahrscheinlich, aber nicht undenkbar«.ê
