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»Die Angst ist unverständlich«

Hans-Jürgen Abromeit, Bischof der evangelischen Nordkirche, über den Erfolg der AfD bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Er warnt vor Kritik an Angela Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik und der Öffnung der deutschen Grenzen im vergangenen Jahr
von Markus Dobstadt vom 06.09.2016
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In Mecklenburg-Vorpommern sind die Flüchtlinge real kein Problem, sagt der evangelische Bischof Hans-Jürgen Abromeit  (Foto: epd/Neetz)
In Mecklenburg-Vorpommern sind die Flüchtlinge real kein Problem, sagt der evangelische Bischof Hans-Jürgen Abromeit (Foto: epd/Neetz)

Publik-Forum: Herr Abromeit, die AfD hat bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern über zwanzig Prozent der Stimmen gewonnen, ist erstmals in einem Landtag zweitstärkste Kraft, wie bewerten Sie das Wahlergebnis?

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Hans-Jürgen Abromeit: Die Angst, die da zum Ausdruck kommt ist, ist rational völlig unverständlich. Mecklenburg-Vorpommern stand noch nie so gut da, wirtschaftlich geht es aufwärts. Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund liegt bei drei Prozent. Und trotzdem haben viele Angst vor einer Überfremdung durch Ausländer.

Wie lässt sich das erklären?

Abromeit: Dort, wo es wenige persönliche Erfahrungen mit Menschen aus anderen Ländern gibt, kochen Medienberichte wie in einem Treibhausklima hoch. Was in der Kölner Silvesternacht passiert ist, wird als das normale Verhalten von Flüchtlingen dargestellt, was eine völlige Verzerrung der Realität ist. Wir haben in unserem Bundesland mit Flüchtlingen überhaupt keine Probleme! Im Gegenteil, wir hören, dass sie sogar gerne hierher kommen, weil die Asylverfahren relativ kurz sind. Umso trauriger ist, dass diese künstliche Diskussion das Wahlergebnis dermaßen bestimmt hat.

Fühlen sich die Menschen von der Politik vernachlässigt?

Abromeit: Es gab sicher auch Versäumnisse der Landesregierung. Die Gerichtsreform hat die Zahl der Gerichtsstandorte sehr stark reduziert. Die Schließung der Geburtshilfe im Kreiskrankenhaus Wolgast ist mit großem Unwillen registriert worden. Und wenn man sich die Wahlergebnisse der AfD in Wolgast anschaut, sieht man, dass es dort einen Zusammenhang gibt. Aber Derartiges ist nicht nur ein Problem in Mecklenburg-Vorpommern, sondern insgesamt in Deutschland. Die ländlichen Räume müssen, was die Ausstattung angeht, anders betrachtet werden als städtische Gegenden. Auf dem dünn besiedelten Land kann nicht der gleiche Standard an Versorgung und Infrastruktur vorgehalten werden, wie etwa in Nordrhein-Westfalen. Wir brauchen für ländliche Räume ein eigenes Paradigma. Das muss vermittelt werden. Es gibt nicht wenige, die sich vergessen fühlen.

Wie kann man Menschen die Ängste vor Überfremdung nehmen?

Abromeit: Politiker sollten so weit wie möglich in ihrem Wahlkreis präsent sein. Bürger müssen das Gefühl bekommen, auf das, was ich sage, wird auch gehört.

Spielt die Debatte über Flüchtlinge auch in den Kirchengemeinden eine Rolle?

Abromeit: Natürlich spielt das eine Rolle. Viele behaupten sogar, die Kirche habe zur Zeit kein anderes Thema. AfD-Kreise sehen die Gemeinden der Nordkirche aber als »verlorenes Terrain« an. Wir sind durch unsere ökumenischen Kontakte vielfältig international vernetzt. Im letzten Jahr haben wir uns bei der Flüchtlingsdebatte sehr deutlich für Hilfe ausgesprochen. Es sind auch Stellen zur Beratung und Unterstützung geschaffen worden. Wir haben ein Willkommenscenter in Greifswald beim Diakonischen Werk eingerichtet. Besonders die AfD hat das kritisch gesehen. Aber die realen Probleme spielen im Land nicht in erster Linie eine Rolle. Es ist eher ein mentales Problem.

Fürs Mentale ist die Kirche aber zuständig. Was kann sie machen?

Abromeit: Wir tun, was wir können. Aber der Anteil der evangelischen Christen an der Bevölkerung liegt bei 17 Prozent, der Anteil der Katholiken bei drei Prozent. Im gesamtgesellschaftlichen Diskurs sind unsere Kräfte daher begrenzt.

Wird sich nach der Wahl etwas ändern. Muss die Kirche für mehr Offenheit werben?

Abromeit: Ich sehe es nicht als notwendig an, mehr zu machen. Wir treten sehr für Offenheit ein. Bei unserem ökumenischen Kirchentag, den wir alle drei Jahre organisieren, etwa. Und Ökumene heißt für uns, sich weltweit zu öffnen. Bei den letzten beiden Kirchentagen haben Vertreter unserer Partnerkirchen aus Südafrika, Tansania und den USA gesprochen.

Hat Sie das persönlich erschreckt, dass in Ihrem Bundesland so viele Menschen ausländerfeindlich wählen?

Abromeit: Man darf das Ergebnis auch nicht überzeichnen. Es sind gut zwanzig Prozent, die AfD gewählt haben. Aber das ist bei weitem nicht die ganze Bevölkerung. Ein Ausländer, der in Greifswald über die Straße geht, muss sich nicht bedroht fühlen. Nach Mecklenburg-Vorpommern, das ist das Bundesland mit den meisten Gästeübernachtungen, kommen Touristen aus aller Herren Länder. Mit dem jüdischen Landesrabbiner William Wolff, der kürzlich in den Ruhestand getreten ist, haben wir zudem eine Persönlichkeit, die auch für interreligiöses Miteinander wirbt. Genauso wie die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirchen.

Nächstes Jahr ist Bundestagswahl. Was können die Kirchen tun, um ein ähnliches Ergebnis wie in Mecklenburg-Vorpommern zu verhindern?

Abromeit: Ich habe den Eindruck, dass die Kirchen sich schon sehr engagieren und Stellung beziehen. Gerade der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. Aber was ich mir erhoffe, ist, dass man die Flüchtlingsaufnahme im vergangenen Jahr, als Hunderttausende an den deutschen Grenzen standen, nicht als Fehler der Bundeskanzlerin abtut. Die Verantwortlichen in CDU, CSU und SPD sollten gemeinsam versuchen, der Bevölkerung zu erklären, dass es im Grunde keine Alternative gegeben hat und dass man dabei ist, viele Schritte zu tun, um Menschen zu integrieren und den ungeregelten Zuzug in den Griff zu bekommen.

Sie warnen vor einem weiteren Rechtsruck in der Flüchtlingspolitik?

Abromeit: Ich sehe mit Sorgen, dass auch in unserem Bundesland, Ministerpräsident Erwin Sellering erklärt hat, dass die Flüchtlingsfrage entscheidend war und das mit einer Kritik an der Bundeskanzlerin verbunden hat. Der CDU-Vorsitzende Lorenz Caffier hat, ohne Angela Merkel zu nennen, ähnlich argumentiert. Es wird ein Sündenbock gesucht. Alle, das gilt in erster Linie für die AfD, sollen doch einmal sagen, wie man das Problem des Flüchtlingszustroms anders hätte lösen sollen. Hätte man am 4. September 2015 Wasserwerfer und Gummigeschosse einsetzen sollen? Welches Bild hätte Deutschland in der Welt abgegeben? Das müssen sich die Leute auch einmal fragen. Es ist seither enorm viel Positives geschehen. Das sollten auch die Politiker mutig versuchen zu erklären. Das wäre viel hilfreicher, als zu sagen, dass die Flüchtlingsfrage das eigentliche Problem sei.

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Schlagwörter: AfD Angela Merkel Angst
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