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Die Blasphemie der NSA

Der US-Geheimdienst spielt Gott. Leider ist er ein schlechtes Imitat, denn er behütet nicht, sondern belauscht. Die Geheimnisse, die er sammelt und hortet, müssen verraten werden! Nur dann kann Wahrheit wieder Wahrheit und Freiheit wieder Freiheit sein. Deshalb hat Edward Snowden eine Auszeichnung verdient – und Asyl in Deutschland, meint Friedrich Schorlemmer
von Friedrich Schorlemmer vom 15.11.2013
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Der evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer, einst Oppositioneller in der DDR, hält das Vorgehen des US-Spionagedienstes NSA »menschlich, moralisch wie politisch« für unerträglich. Deutschland müsste Edward Snowden Asyl anbieten, fordert er (Foto: pa/Wolf)
Der evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer, einst Oppositioneller in der DDR, hält das Vorgehen des US-Spionagedienstes NSA »menschlich, moralisch wie politisch« für unerträglich. Deutschland müsste Edward Snowden Asyl anbieten, fordert er (Foto: pa/Wolf)

»Der liebe Gott sieht alles.« Das war einst eine religiös drohende, moralisch disziplinierende und erzieherisch motivierte Redewendung. Der Ursprungssinn findet sich indes im biblischen Psalm 139 und meint etwas ungemein Tröstliches: Dass da ein Gott sei, der mich von allen Seiten umgibt. Ob ich sitze oder stehe: Er weiß es und versteht meine Gedanken von ferne. Ich bin nie allein, denn jemand weiß um mein Dasein und seine Unverwechselbarkeit.

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Wie sollte man ahnen, dass die NSA einst »lieber Gott« spielen würde? Den Menschen nicht behütend, sondern begierig ausforschend, abhörend, hintergehend? Mit allen ihren technischen Raffinessen? Sie bläht sich als neuartige Blasphemie-Institution auf, die die traditionellen Gottesattribute für sich in Anspruch nimmt: Omnipräsenz und Ubiquität. Solches gotteslästerlich-hybrides, menschlich, moralisch wie politisch Unerträgliches übertrifft alle »1984«-Horrorszenarien eines George Orwell – und findet nicht etwa in einem totalitären kommunistischen System statt, sondern geht vom »Land der Freiheit« aus.

Was gemacht werden kann, wird gemacht

Doch die Freiheit verblutet auf dem Altar der Geheimdienste. Sie verselbstständigen sich längst in fast jedem Land der Welt –, bis die Oberen des eigenen Landes ihre ihnen eigentlich unterstellten Lauscher selbst fürchten müssen.

Zwei Grundprinzipien bestimmen alles: Was gemacht werden kann, wird gemacht. Und was dem eigenen Land ökonomisch oder militärisch nützt, ist gut und legitim. Man nennt das Interessenwahrung oder gar Schutz der Freiheit und Sicherheit. Sicherheit vor Freiheit?

Im überbordenden Schnüffelsystem der USA tritt die zynische Anmaßung der Weltmacht zutage, deren Mächtige immer noch denken, sie seien die Größten und dürften die Regeln nicht nur bestimmen, sondern auch jederzeit brechen. Sie tun dies, während sie anderen die Moralkeule universell geltender Menschenrechte hinhalten, Schurkenstaaten ausrufen und Kampfdrohnen fliegen und töten lassen.

Was gemacht werden kann, wird auch gemacht. Ist das etwa der neue Kant’sche Kategorische Imperativ? Die USA sind beim Machen des zuvor Undenkbaren schon immer Vorreiter gewesen. Die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki am Ende des Zweiten Weltkrieges waren militärisch nicht mehr nötig, sollten aber aller Welt die Überlegenheit der USA-Technologie demonstrieren. Waterboarding haben die Amerikaner gnadenlos genutzt, um zur »Wahrheit« über Terroristen zu kommen. Chemiewaffen, in Gestalt von Agent Orange, wurden in Vietnam massenhaft eingesetzt. Die Bush-Administration hatte 2003 die Unverfrorenheit, ihren Außenminister Powell mit sechzehn erlogenen Beweisen ausgestattet vor dem UNO-Sicherheitsrat reden zu lassen. Sie fühlte sich befugt, einen Krieg ohne UN-Mandat gegen den irakischen Diktator und sein Land zu führen. Auch damals lieferten die Geheimdienste gefällige Informationen, also alles, was der amerikanischen Kriegsführungsabsicht zupass kam. Der BND war mit von der Partie. Kleinere sind gemeinhin ganz glücklich, wenn sie Zuträger der ganz Großen sein dürfen.

Geradezu großmütig reagierten 2002 die Chinesen, als ihre Spezialisten in der von den USA gelieferten Boeing ihres Präsidenten Jiang Zemin über zwanzig Abhöranlagen entdeckten, aber diese Wanzenaffäre aus diplomatischen Gründen totschwiegen, um ein geplantes Gipfelgespräch mit George W. Bush nicht zu belasten. Dabei war dieser Präsident eine einzige Belastung für den Weltfrieden.

Tut, was Edward Snowden getan hat

Wer dies alles benennt, bekommt natürlich das Etikett »Antiamerikaner« aufgedrückt. Und so grüße ich den Gesslerhut (Nach dem Schiller-Drama »Wilhelm Tell« ist dies ein Hut, der in der Schweiz aufgestellt wurde. Jeder Vorbeikommende musste sich davor verbeugen, weil das Kleidungsstück den Herrscher repräsentierte; Anmerk. d. Red.): Wir verdanken den Amerikanern vieles, wirklich Gutes, zumal bei der Befreiung vom Faschismus und bei der Installation einer Demokratie in den West-Zonen. Aber weil ich mich im kommunistischen System immer offen gegen die sogenannte »Parteilichkeit der Wahrheit« gewehrt habe, will ich dies auch gegenüber unseren amerikanischen Freunden tun.

Denn wenn selbst der Heilige Stuhl abgehört worden ist, ließe sich eine Steigerung ins Unermessliche vorstellen: Das Abhorchen der Absichten, die der liebe Gott mit dieser kaputten Welt verfolgt. Vielleicht gäbe es da Hoffnungsvolles zu hören? Vielleicht sagt Gott aber auch: »Hört mich nicht ab. Ich will euch erhören! Und hört auf mich. Schlagt nach bei Matthäus 5–10. Eure Rede sei: Ja. Ja. Nein. Nein.« Mit anderen Worten: Sagt klar und deutlich, was Ihr denkt. Fürchtet euch nicht. Und schreit, was euch ins Ohr geflüstert wird, herab von den Dächern.

Tut, was Edward Snowden getan hat. Der mehr verdient hat, als von Putin zum demokratischen Feigenblatt gemacht zu werden. Als ob Russland nun ein Hort der Menschenrechte wäre! Snowden braucht schleunigst ein würdiges Asyl. Zum Beispiel in Deutschland. Es ist an der Zeit.

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Personalaudioinformationstext:   Friedrich Schorlemmer, geboren 1944, evangelischer Theologe und Publizist, war einer der Protagonisten der Opposition in der DDR, wurde Mitglied der SDP und später der SPD. Heute ist er unter anderem auch Mitglied des deutschen PEN-Zentrums und des Netzwerks attac. Er lebt in Wittenberg.
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