»Die CSU verrät das C«
Publik-Forum: Herr Göppel, Sie haben zwei Jahrzehnte lang in der CSU mit grünen Positionen Politik gemacht. Sind Sie ein grüner Schwarzer oder ein schwarzer Grüner?
Josef Göppel: Für mich sind das zwei gleichgewichtige Dinge.
Landwirtschaftsminister Schmidt hat gegen die Absprache im Kabinett der Zulassung des Pflanzengifts Glyphosat zugestimmt. Ein so massiver Verstoß gegen Regeln und Formen, wie passt das zu einem konservativen Politiker?
Göppel: Ein solch formaler Fehler darf einem nicht passieren. Ich kenne Christian Schmidt seit seiner Jugend, doch ich kann das nicht nachvollziehen oder erklären. Ich rätsele wie alle: Handelte er auf Weisung von Seehofer, der wiederum dem Bauernverband zu Diensten sein wollte? Wollte er die Große Koalition verhindern? Vielleicht wollte er auch nur einen kernigen Abschied hinlegen.
Lange schien es so, als würden wir eine Jamaika-Regierung bekommen. Wäre Ihnen das lieber gewesen als eine erneute Große Koalition?
Göppel: Auf jeden Fall. Es wäre gut gewesen, die Grünen in der Regierung zu haben für die ökologische und gesellschaftliche Erneuerung in Deutschland. Mit den Grünen gäbe es dafür einen offiziellen Koalitionspartner, nicht nur einzelne Abgeordnete in anderen Fraktionen. Der globalisierte Kapitalismus braucht dringend Systemkorrekturen, denn er erdrückt die Mittelschichten und alle gewachsenen regionalen Wirtschaftskreisläufe. In den Sondierungsgesprächen waren die Grünen überraschend souverän. Gescheitert ist das schließlich an der Unberechenbarkeit des Wirrkopfs Christian Lindner. In einer Großen Koalition kann der Impuls für eine Systemkorrektur allenfalls vom linken Flügel der SPD kommen.
Fühlen Sie sich noch als Konservativer?
Göppel: Ich bin schon durch die Prägung meiner Familie in einem mittelfränkischen Kleinbauernhof ein konservativer Mensch. Konservativ ist das verlässliche Stehen auf guten Traditionen unserer Vorfahren. Die christliche Orientierung verlangt den Blick für die Not von Menschen, die uns umgeben, und die Erhaltung gesunder Lebensgrundlagen. Das aus christlichem Sprachgebrauch kommende Wort Schöpfung bedeutet, dass wir einst dem Schöpfer gegenüber verantwortlich sind. Aus dieser Verantwortung gegenüber einer höheren Macht und nicht gegenüber unserem eigenen Gutdünken resultiert bewahrendes, konservatives Handeln - so sollte es sein.
Ihre Partei, die CSU sagt, konservativ sei wieder sexy. Das müsste Sie doch freuen.
Göppel: »Konservativ ist wieder sexy« können nur Leute sagen, die auch Trump sexy finden. Das spricht dann Bände. Ich bin völlig anderer Meinung. In den 1970er-Jahren waren viele Konservative reine Wirtschaftsliberale, gesellschaftlich aber eher offen. In den 1980ern fanden viele den Kapitalismus von Reagan und Thatcher sexy. Beim Atomausstieg habe ich kurz gedacht, ich würde von den Rechten in der Union plötzlich links überholt. Aber nach einem halben Jahr fiel die Mehrheit wieder in alte Bahnen zurück. Latent hieß es immer: Ein guter Unionspolitiker ist wirtschaftsliberal und gegen den Zuzug von Flüchtlingen. Alles andere ist für die Mehrheit in der Union Spielwiese oder eine gefährliche Entwicklung.
Auch die AfD nennt sich konservativ.
Göppel: Entscheidend ist der Blick für die Not anderer. Und die Verantwortung für sie. Die AfD will Abschottung und Ausgrenzung, damit wir bequem weiterleben können und von Unannehmlichkeiten verschont bleiben. Das ist nicht konservativ, sondern richtig fies.
Warum haben die Konservativen so viele Probleme mit dem Konservieren, dem Bewahren der Schöpfung?
Göppel: Die Technikgläubigkeit ist enorm. Die konservativsten Knochen bekommen leuchtende Augen bei Sportwagen. Es gibt da einen unreflektierten Fortschrittsglauben, die größte Sünde der Konservativen. Sie loben die Heimat und betonieren sie mit Gewerbegebieten zu – auch hier, in meinem Heimatort Herrieden.
In Europa gibt es einen Rechtsruck. Woher kommt das?
Göppel: Es ist die Angst, das Leben zu verlieren, das man jeden Tag führt. Politiker wie Trump und Orban oder auch die AfD bekommen Mehrheiten, wenn sie für Abschottung werben. Das Versprechen lautet: Alles bleibt beim Alten.
Das ist der Vorwurf vieler Linker: Konservative wollen, dass alles beim Alten bleibt, auch wenn die Welt sich radikal verändert.
Göppel: Diesen Vorwurf muss ich leider bestätigen. Ich verfolge das auch in meiner nächsten Umgebung. Man spendet zu Weihnachten etwas Geld, aber andere Menschen zu uns kommen zu lassen, das geht zu weit. Diese Haltung funktioniert aber nicht angesichts der schreienden Not in der Welt und der ungerechten Wirtschaftsordnung. Entwicklungsminister Gerd Müller ist einer der wenigen, die wirklich gegensteuern. Er kämpft gegen die Not mit Schulausbildung und dezentraler Stromversorgung.
Was grenzt einen Wertkonservativen von einem Konservativen ab?
Göppel: Wertkonservative sehen die Not der anderen und helfen, die Schöpfung zu bewahren. Die Wortführer bei den »Zeitgeist-Konservativen« dagegen sagen: Haltet mir alles vom Leib, was mein Leben stören könnte. Das muss offengelegt werden. Wir hatten im 19. Jahrhundert schon mal einen Konservativismus, der sich ins Nationaldenken übersteigert hat. Das hat zu schrecklichen Kriegen geführt.
Sie sagen, die CSU hat das Christliche im Namen verraten. Ein harter Vorwurf.
Göppel: Leider. Das äußert sich vor allem in der Flüchtlingsfrage. Nachhaltigkeit führt man auf den Lippen, doch die Tagespolitik drängt deren sozialen und ökologischen Anspruch zurück. Übrig bleibt kurzfristiges Renditedenken. Das ist Verrat am C.
Wie hat Ihr Glaube Ihr politisches Leben geprägt?
Göppel: Ich versuche im Alltag wie ein Christ zu leben.
Treibt Sie die Angst, dass Sie sich für Ihr Tun vor dem Schöpfer rechtfertigen müssen?
Göppel: Um Angst geht es hier nicht, sondern um das Prinzip Verantwortung im Sinne von Hans Jonas. Schon das Wort Schöpfung bedeutet, dass der Mensch nicht Schöpfer, sondern Geschöpf ist und deswegen einem Schöpfer verantwortlich bleibt. Viele offizielle Christen nehmen das allerdings in ihrem Handeln nicht ernst.
Muss ein Konservativer an Gott glauben?
Göppel: Nein. Konservativ ist kein religiöser, sondern ein politischer Begriff. Seine Bandbreite können Sie ja aktuell bestens verfolgen. Viele Konservative handeln rein kapitalistisch, ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl.
Sie saßen 23 Jahre im Parlament. Am Anfang dachten Sie, in zehn Jahren sei die Politik so nachhaltig, dass Sie wieder als Förster in Ihren geliebten Wald zurück könnten.
Göppel: Die zehn Jahre entsprangen jugendlichem Übermut. Es hat ja auch hundert Jahre gedauert, bis nach der Industrialisierung die soziale Marktwirtschaft gegriffen hat. Wenn wir den Beginn der Umweltbewegung 1970 ansetzen, sind jetzt fünfzig Jahre vorbei. Es gibt also noch zu tun, bis wir unser Wirtschaften den Abläufen der Natur angepasst haben.
Was waren Ihre Erfolge?
Göppel: Eine Gruppe von Abgeordneten aus der sogenannten zweiten Reihe hat bei der Energiewende den Umstieg auf Erneuerbare durch das EEG und die Bürgerbeteiligung gegen massive Widerstände vorangetrieben. Man kann Angela Merkel vorwerfen, dass sie Politik ohne Konzept macht. Aber es bleibt ihre großartige Leistung, 2007 mit Klimaschutz und 2011 nach dem Atomunfall in Fukushima die gesamte Volkswirtschaft auf einen nachhaltigeren Kurs gebracht zu haben. Deswegen bin ich auf Merkels Seite.
Was haben Sie nicht geschafft?
Göppel: Der Rückfall in anonyme Großstrukturen droht nun bei der Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen. Die Systemwende zu dezentralen Akteuren ist noch nicht gesichert. In meiner Fraktion bin ich zweimal damit gescheitert, eine eigene Parlamentarier-Gruppe für die Bewahrung der Schöpfung einzurichten. Da gab es zu wenig Zuspruch. Das Grundgefühl war wohl: Das gehört nicht zur Politik der Union.
Sie waren ja auch ein Außenseiter. 28 Mal (wenn man die Ehe für alle rechnet?) haben Sie im Bundestag nicht mit Ihrer Fraktion gestimmt.
Göppel: 28 Mal in 15 Jahren, das finde ich moderat. In der Geschäftsordnung der Unionsfraktion steht: »Es gibt keinen Fraktionszwang.« Natürlich hat das meiner Karriere in der Fraktion geschadet. Aber ich hatte die auch nie angestrebt. Ich wusste, dass ich immer wieder als Förster arbeiten konnte. Das hat mich unabhängig gemacht gegen alle Angriffe.
Was kommt nun? Werden Sie als Rentner wie Heiner Geißler zum Linken und treten attac bei?
Göppel: Sehen Sie, bei attac bin ich noch gar nicht Mitglied … (überlegt) … Ich werde als ehrenamtlicher Berater für ein Projekt des Entwicklungsministeriums arbeiten, das in Afrika auf dem Land Strom aus erneuerbaren Energien voranbringt – übrigens zusammen mit Bärbel Höhn von den Grünen. Und ich engagiere mich weiter in der »Landcare-Bewegung«, die Landwirtschaft auch in ungünstigen Regionen erhalten will, um die ländlichen Räume zu bewahren.
