Die Pflege – ein Pflegefall
Eigentlich wirkt eine Mitarbeitervertretung (MAV) nach innen und vertritt die Interessen der Mitarbeiter gegenüber dem Arbeitgeber. In Bielefeld haben sich jetzt 21 Mitarbeitervertretungen darüber hinweggesetzt. Ihr »Bielefelder Appell« ist ein Aufschrei von Menschen, die alte Menschen und solche mit Behinderungen begleiten und pflegen und die sagen: »So kann das nicht weitergehen.«
»Hier wird ein System an die Wand gefahren«, erläutert Christian Janßen, einer der Initiatoren und Sprecher des »Bielefelder Appells«. Ihn verwundert es nicht, wenn bald jede Woche skandalöse Zustände in einem Heim öffentlich werden. Doch halten er und seine Mitstreiter diese Zustände nicht allein für das Ergebnis von Managementfehlern und schon gar nicht für einen Ausdruck persönlichen Versagens Einzelner. Für Janßen drückt sich darin ein Systemversagen aus.
Für die Bielefelder Interessenvertreter wird bei ihrer Arbeit täglich deutlich, dass Pflege, Betreuung und Begleitung nicht hinreichend wertgeschätzt werden. »Es geht im Kern darum, welche Prioritäten unsere Gesellschaft setzt, wie viel uns die Pflege, Betreuung und Begleitung von alten, kranken, sozial geschwächten und behinderten Menschen wert ist«, heißt es in dem Appell. Die Politik stelle die Weichen so, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergehe. Statt in die »Rettung« notleidender Menschen zu investieren, rette die Politik lieber notleidende Banken.
»Ich möchte später nicht so gepflegt werden«, äußert der 53 Jahre alte Janßen. Er arbeitet als Psychologe mit Menschen mit geistiger Behinderung und ist MAV-Vorsitzender des Stiftungsbereichs Bethel Regional. Er kritisiert vor allem das Muster, nach dem soziale Arbeit funktionieren soll: Seiner Auffassung nach kann sie nicht nach ökonomischen Kriterien und nicht nach Modellen des Wettbewerbs und der Profitmaximierung ausgerichtet werden. »Hier geht es um soziale Leistungen von Mensch zu Mensch – um eine gesellschaftliche Aufgabe, finanziert von der Gemeinschaft.«
Der Bielefelder Appell erfährt breite Unterstützung: Rund sechzig Mitarbeitervertretungen, Verbände, Gewerkschaftszweige und Betroffenenvereinigungen haben ihn unterzeichnet. Im Frühjahr wollen die Bielefelder auf der Ebene der Bundespolitik aktiv werden. Derzeit suchen sie Kooperationspartner, die helfen, den Bielefelder Appell auf die Berliner Bühne zu bringen. Die Chancen, im Bundestagswahljahr dort Gehör zu finden, sind gut. Allerdings fehlt es derzeit noch an der nötigen Kampagnenfähigkeit. Nur so viel ist schon klar: Als »Weißer Block« der Pflegenden werden Unterstützer des Bielefelder Appells bei den Erste-Mai-Kundgebungen in Berlin und in Bielefeld mitlaufen und ihren Forderungen Ausdruck verleihen.
