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Drygalla ist nicht das arme Mädchen

Abschied von Olympia: Der Fall Drygalla wird den Deutschen Olympischen Sportbund weiter beschäftigen. Niemand kann Sportlern vorschreiben, mit wem sie eine Beziehung eingehen. Doch Verbindungen ins rechtsextreme Milieu haben Konsequenzen – auch für den Sport
von Micha Heitkamp vom 12.08.2012
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Ruderin Nadja Drygalla hat ein Problem: Ihr Freund ist rechtsextrem. Die 23-jährige Athletin verließ die Olympiade nach einem langen Gespräch mit der Mannschaftsleitung freiwillig wegen ihrer Liaison. Der Fall Drygalla wird nun auch nach Olympia ein Thema bleiben. (Foto: pa/Wüstneck)
Ruderin Nadja Drygalla hat ein Problem: Ihr Freund ist rechtsextrem. Die 23-jährige Athletin verließ die Olympiade nach einem langen Gespräch mit der Mannschaftsleitung freiwillig wegen ihrer Liaison. Der Fall Drygalla wird nun auch nach Olympia ein Thema bleiben. (Foto: pa/Wüstneck)

Liebe ist eine private Angelegenheit. Niemand hat das Recht, der Ruderin Nadja Drygalla zu verbieten, eine Beziehung mit dem Rechtsextremen Michael Fischer zu führen. Trotzdem sind die mittlerweile lauten Mitleidsbekundungen für die deutsche Sportlerin, die vorzeitig aus London abreisen musste, unangebracht.

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Drygalla werde für die Einstellung ihres Freundes in »Sippenhaft« genommen, kritisieren Politiker und Journalisten. Der Begriff hat seinen Platz in der deutschen Geschichte. Im Nationalsozialismus wurden Angehörige von Widerstandskämpfern in Konzentrationslager gesperrt. Jetzt von einer »Sippenhaft« gegen eine Sportlerin zu sprechen, die das olympische Dorf wegen ihrer Beziehung zu einem Neonazi verlassen musste, ist vor diesem Hintergrund geschichtsvergessen.

Erstaunlich ist, dass viele Kommentatoren offenbar der Meinung sind, Drygalla sei ein Opfer übereifriger Medien und stümperhafter Sportverbände. So schreibt etwa Jens Jessen in der Wochenzeitung Die ZEIT, dem »armen Mädchen« sei »schweres Unrecht zugefügt worden«. Aus Angst vor den Medien und dem schlechten Eindruck im Ausland hätten die Sportfunktionäre eine Athletin für Taten bestraft, die »in Ostdeutschland sonst nur unzureichend oder gar nicht verfolgt werden«. Jessen nennt als weiteres Beispiel die »panische Eile«, in die unlängst die Veranstalter der Bayreuther Festspiele verfallen seien, um den Sänger Jewgeni Nikitin loszuwerden, nachdem bekannt wurde, dass der russische Sänger eine Hakenkreuz-Tätowierung auf der Brust trägt. Jessen kritisiert, dass der »symbolische Umgang mit Rechtsextremismus« in Deutschland strenger kontrolliert werde als die Taten.

Hört man Stimmen wie diese, könnte man den Eindruck gewinnen, die Gesellschaft sei übersensibilisiert, was Rechtsextremismus betrifft. Und genau dieser Eindruck ist grundsätzlich falsch und gefährlich. Die Studie »Die Mitte in der Krise« der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2010 zeigt, dass es gerade in der Mitte der Gesellschaft immer mehr Akzeptanz für rechte Einstellungen gibt. Wenn die Kommentatoren jetzt eine »Gesinnungsschnüffelei« erkennen, wie etwa Bettina Vestring im Onlineauftritt der Frankfurter Rundschau, vergessen sie, dass Rechtsextremismus keine Gesinnung oder Meinung ist wie jede andere. Rechtsextremismus ist gelebte Menschenverachtung. Er ist ein Verbrechen.

Sowohl für Jessen als auch für Vestring ist es verständlich, dass Drygalla keine Polizistin werden durfte. Das hätte einen Interessenkonflikt bedeutet, wenn sie gegen Neonazis hätte ermitteln müssen. Beim Sport, so sind sich beide einig, sollte es jedoch allein um die Leistung gehen. Auch diese Äußerungen sind problematisch. Ein Teilnehmer der Olympischen Spiele ist eine Person des öffentlichen Lebens. Wenn ein Sportler sein Land bei internationalen Sportwettbewerben vertreten soll, ist eine Nähe zu rechtsextremen Personen nicht hinnehmbar.

In einer vom Bundesinnenministerium in Auftrag gegebenen Studie kamen die Fachleute um den Hannoveraner Sportwissenschaftler Gunter A. Pilz 2009 zu dem Ergebnis, dass das Bedürfnis nach subkultureller Abgrenzung bei den extrem Rechten nachlässt und sie oft bewusst den Weg in die Gesellschaft suchen. Aufgrund des hohen gesamtgesellschaftlichen Stellenwertes bilde der organisierte Sport eine gute Angriffsfläche für menschenverachtendes Gedankengut. So sei häufig festzustellen, dass rechtsextreme Gruppen versuchen, Sportvereine zu unterwandern. Um diese Entwicklung zu bekämpfen, hilft die kurzzeitig im Innenministerium diskutierte Extremismusklausel für den Spitzensport auch nicht weiter. Stattdessen muss die schon stattfindende Präventionsarbeit überprüft und verbessert werden. An der Basis des Sports muss eine umfassende Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit geleistet werden. Sportvereine bieten eigentlich ein großes Potenzial, um demokratische Grundwerte zu vermitteln und Menschen in die Gesellschaft zu integrieren.

Mit wem Nadja Drygalla eine Beziehung eingeht, ist und bleibt, wie gesagt, ihre private Entscheidung. Allerdings bleibt so eine Entscheidung nicht ohne Konsequenzen. Rechtsextremismus bedeutet auch immer Totalitarismus. Er beansprucht, zu allen Bereichen des Lebens zu gehören. Es ist unmöglich, eine so umfassende und totalitäre Einstellung aus einer Beziehung herauszuhalten.

Der »Fall Drygalla« musste zum Fall werden. Wäre Drygalla bei den Olympischen Spielen geblieben und niemand hätte sich an ihrer Beziehung zu einem Neonazi gestört, dann wäre das ein Eingeständnis gewesen, Rechtsextremismus in Deutschland nicht ernst zu nehmen, ihn als »eine politische Meinung unter vielen« auf fatale Weise kleinzureden. Und so weit darf es nicht kommen.

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Personalaudioinformationstext:   Micha Heitkamp, geboren 1990, studiert Politikwissenschaft und evangelische Theologie in Bielefeld. Zur Zeit ist er Praktikant in der Redaktion von Publik-Forum.
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