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Faschos, Fundis und Feiglinge

Das Internet sollte einst die Demokratie beleben und die Meinungsfreiheit stärken. In Diktaturen tut es das auch. Doch bei uns ist das Gegenteil ist der Fall
von Wolfgang Kessler vom 07.09.2014
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Extremismus im Internet: Durch Tarn-Namen geschützt lässt sich leicht hetzen und diffamieren (Foto: streichholz/photocase.de)
Extremismus im Internet: Durch Tarn-Namen geschützt lässt sich leicht hetzen und diffamieren (Foto: streichholz/photocase.de)

Wieder so ein User-Kommentar: Tarn-Name, fanatische Empörung. Am Ende landet der oder die Autor/in mal wieder bei der »zionistischen Verschwörung«, die an allem schuld sei. Den soll ich nun freischalten für die Webseite von Publik-Forum. Keine Chance. Kontroverse Debatte ja, aber solch ein Gebräu hat auf unserer Seite nichts zu suchen.

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Blütenträume von der großen Meinungsfreiheit

Zugegeben, bei Publik-Forum ist dies eher ein Einzelfall. Im Netz allerdings nicht. Zwar gibt es gute und überaus informative Webseiten. Auch zugegeben, in Diktaturen garantiert das Internet wenigstens ein Stück Meinungs- und Informationsfreiheit. Doch in unseren Breiten sind die Blütenträume von der Belebung der Demokratie im Netz durch die ultimative Meinungsfreiheit aller längst ausgeträumt. Im Gegenteil. Das Netz ist zum Tummelplatz von Faschos, Fundis und Feiglingen geworden.

Hass und Rassismus statt Jugendschutz

So kommt die Beratungsplattform jugendschutz.net in ihrem jüngst erschienenen Bericht »Rechtsextremismus online 2013« zu der Schlussfolgerung, dass sich »Rassismus und Hass gegen Minderheiten und Andersgläubige« immer unverhohlener im Internet breit machen. Das Gros der unzulässigen Inhalte stellten Rechtsextreme oder ihre Sympathisanten über Server im Ausland ins Internet. Deshalb sind Gegenmaßnahmen so schwierig.

Liveticker vom »Heiligen« Krieg

Zugenommen haben auch Propagandabeiträge von deutschen Dschihadisten in sozialen Netzwerken und auf Webseiten. Nicht wenige rechtfertigen glühend den Vormarsch der Terrormiliz Islamischer Staat und machen Werbung für den sogenannten »Heiligen Krieg«. Dies schreibt die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Deutschen Bundestag. Auf vielen Webseiten werden Muslime in Deutschland »direkt und auf Deutsch angesprochen und zur Ausreise in das Dschihad-Gebiet aufgefordert, um dort zu kämpfen«. Über den Kurznachrichtendienst Twitter werden die Leser im Stile eines Live-Tickers über den Fortgang des Dschihad informiert, als wären es die Spielstände der Fußball-Bundesliga.

Fanatismus unter Tarnkappen

Das sind eben ein Paar Extremisten, werden viele sagen, die wird es immer geben. Das stimmt. Allerdings tummeln sich immer mehr dieser Extremisten im Netz. Doch es geht bei Weitem nicht nur um die Radikalsten der Radikalen. Viele Webseiten, gerade auch von Zeitungsredaktionen, werden überhäuft von Lesermeinungen, in denen gegen die »jüdische Weltverschwörung« gehetzt wird, gegen die »Schweine an der Regierung«, in denen fundamentalistisch alle Schuld den Religionen, im anderen Fall alle Schuld den Atheisten gegeben wird – oft mit unzweideutigem Auftrag: Weg mit dem Feind. Natürlich bekennt sich niemand namentlich zu seiner Hetze, sie wird hinter mehr oder weniger originellen Tarnnamen verborgen. Diese Art von Hetze verbreitet sich inzwischen auch in den Internet-Foren von Vereinen aller Art.

Persönliche Diffamierung – kein Problem

Unter diesen Tarnnamen lässt sich anscheinend auch beliebig über andere Menschen herziehen, diese fast beliebig diffamieren. Während die Autoren ihr Gesicht nicht zeigen, haben sie kein Problem, andere mit vollem Namen zu nennen und dann mit Gift zu bespritzen. Tarnnamen sind das Gesicht von Feiglingen.

Bei alledem entsetzt auch die geringe Gegenwehr. Gegen staatliche Regelungen wehrt sich die Internetgemeinde fast schon hysterisch. Dazu kommt, dass mögliche Regelungen oft an technische Grenzen stoßen und national nicht durchsetzbar sind.

»So ist sie eben, die Meinungsfreiheit«

Bleibt die viel beschworene Selbstkontrolle im Netz. Die gibt es, aber sie wird immer schwächer. Während Rechtsradikale im Netz schon mit Gegenaktionen von Internet-Usern rechnen müssen, sucht man eine Bewegung gegen die Dschihadisten vergebens. Auch bei manchen Zeitungen ist der Umgang mit Diffamierung und Fanatismus umstritten. Ein Freund von mir – ein durchaus bekannter Journalist – wurde auf der Webseite einer seriösen Zeitung übelst beschimpft und dabei namentlich benannt – von einem Autor mit Tarnnamen. Auf seine Bitte, diesen Beitrag doch von der Seite herunter zu nehmen, reagierte die Redaktion mit Achselzucken: So sei sie eben, die Meinungsfreiheit. Er könne ja die Vorwürfe in einem eigenen Beitrag widerlegen. Das hat er getan, doch manche Vorwürfe werden hängenbleiben.

Web-Redaktionen und die Gier nach Klicks

Natürlich gibt es Redaktionen, die Leserkommentare redigieren und auch welche aussieben. Andererseits haben sich viele Betreiber von Webseiten, auch Zeitungsredaktionen, längst der Gier nach möglichst hohen Klickzahlen ergeben. Und sie wissen genau, dass sie möglichst hohe Klickzahlen zumeist bei empörten Meinungsbeträgen, radikalen Wutanfällen oder mit Skandalen erreichen. Damit öffnen sie Faschos, Fundis und Feiglingen Tür und Tor. Und schließen Tür und Tor für notwendige kontroverse, aber differenzierte Diskussionen, die unsere Demokratie dringend braucht.

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Personalaudioinformationstext:   Wolfgang Kessler ist Chefredakteur von Publik-Forum.
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