Frankenstein for President?
Amerika, das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten: Wie sonst könnte ein Rüpel und Rassist wie Donald Trump überhaupt in Reichweite der Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten vorpreschen? Ein unberechenbarer, vulgärer Baulöwe,der Menschen muslimischen Glaubens die Einreise verbieten will, Foltermethoden wie »Waterboarding« für zu zahm hält, mexikanische Einwanderer als Drogendealer und Vergewaltiger verunglimpft, vom Handelskrieg mit China und Mexiko schwafelt, seine Steuererklärungen verbirgt und für die republikanische Parteiführung, die Medien, den politischen Gegner, den Papst und den Rest der Nicht-Trump-Welt nur Verachtung und Beleidigungen übrig hat.
Nichts von alledem hat Trumps unglaublichem Aufstieg bisher geschadet. Im Gegenteil. Jede miese Schlagzeile, jeder neue Tabu-Bruch bringt ihm Punkte bei seinen Fans.
Trumps Steigbügelhalter
Dass Trumps Popularität in astronomische Höhen wachsen konnte und – wie einst am ‘Teflon’-Präsidenten Ronald Reagan – nichts Negatives an ihm kleben bleibt, verdankt er a) den Medien, b) der republikanischen Parteiführung und c) seinen Rivalen. Ohne die celebrity-geilen Medien wäre die Trump-Show bald auf der Strecke geblieben. Doch der Reality-TV-Star durfte ungebremst Hof halten. Nicht, weil sein Programm so überzeugte, sondern weil er Schlagzeilen und Quote produzierte.
Kritische Stimmen waren schnell ausgeblendet. Zweifler landeten sofort auf Trumps schwarzer Liste,als »bad people«. Genauso abfällig behandelte Trump die Washingtoner Parteiführung, die Think Tanks und das politische Kommentariat. Auf diesen Etagen hielt sich viel zu lange die Überzeugung, dass der Anti-Establishment Kandidat ein schlechter Witz sei. Heiße Luft, die bald verpuffen würde.
Der gleichen Fehleinschätzung erlagen die Rivalen Ted Cruz und Marco Rubio. Erst versuchten sie, den ‘Nicht-Politiker’ rechts liegen zu lassen. Dann verschlug ihnen sein Erfolg die Sprache. Statt eine Strategie zu entwerfen, die das Image vom heilsbringenden Außenseiter zerstört und seine Kandidatur damit schnell erledigt hätte, versetzten sie ihm nur Nadelstiche. Trumps schillernde Vergangenheit als überzeugter Pro-Choice-Demokrat, seine oft zitierten Mafia-Verbindungen sowie ominöse Steuergeschäfte mit Politikern boten und bieten immer noch eine kompakte, im wesentlichen ungenutzte Angriffsfläche. Gute Recherche und konstantes Nachhaken, das Einmaleins für jedes Wahlkampfteam, hätten den Scharlatan frühzeitig entlarven können. Nun ist es wohl zu spät.
Wer steht hinter Trump – und warum?
Trump-Wähler finden sich in allen Schichten. Es sind Männer wie Frauen, Arme und Reiche, Gebildete und weniger Gebildete, Konservative und nicht Konservative, fromme und nicht-religiöse Amerikaner und bemerkenswert viele aktive Soldaten und Veteranen. Sogar ein Teil der verhöhnten Latinos hat für den Mann gestimmt,der elf Millionen ihrer Landsleute deportieren und eine Mauer bauen will, die er nach Laune immer höher zieht.
Was sehen die Wähler in dieser Figur? Worauf hoffen sie?
Ihre Motive verbergen sie nicht. Enttäuschung, Ärger, Angst, Verzweiflung und eine Wut auf political correctness hat sie in die Arme des Demagogen getrieben. Aber auch die Erwartung und Überzeugung, dass am besten ein Außenseiter wie er Washington wieder auf Vordermann bringen kann. Als »Mr. Fix it« wollte sich schon Jeb Bush andienen, aber ihm nahmen die Wähler die erforderliche Haudegen-Qualität nicht ab.
Trumps gesamte Karriere beruht auf coolem Kalkül und einer feinen Nase für den guten Deal. Er wollte genau diese missgestimmte Wählerschicht erreichen und hat sie überaus erfolgreich instrumentalisiert. Auf dem Rücken amerikanischer Wutbürger gedenkt er ins Weiße Haus zu reiten.
Die anderen Kandidaten mögen die gleiche Zielgruppe haben, aber sie knöpfen sich meist nur Obama vor. Nur dem Rechts-Populisten Trump gelang es, sich zum Sprachrohr des Volkszorns zu zu machen. »Die da oben« will er vom Sockel stoßen: Die republikanischen ‘Schwachköpfe’ in Washington, die den Kulturkampf verloren haben, nicht in der Lage sind, Amerika gegen illegale Einwanderer abzuschotten, chinesischen Gaunern Handelsvorteile einräumen, gefährlichen Terroristen nicht das Handwerk legen und Millionen hart arbeitender Amerikaner das Leben im gesicherten Mittelstand immer schwerer machen. Trumps Versprechen, die Sozialhilfe nicht anzurühren und eine Basis-Krankenversorgung zu schaffen, damit »kein Amerikaner mehr auf der Straße sterben muss«, hat seiner Popularität einen weiteren Schub gegeben.
Die Suche nach dem starken Mann
Trump-Wähler fühlen sich verstanden: »The Donald« klingt wie einer von ihnen und projiziert gleichzeitig Autorität. Trump-Wähler suchen einen starken Mann und glauben, ihn gefunden zu haben. Einer, der den Saftladen Washington kräftig aufmischt, Wirtschaftskrisen meistert, Kriege nicht mehr verliert und »Amerika wieder großartig machen« wird.
Dass Trump nie ein politisches Amt inne hatte, ein Unternehmer ist, der Millionen geerbt und Milliarden gehortet hat, stört nicht. Reich wären sie alle gerne. Donalds goldene Tapeten versprechen politische Unabhängigkeit. Lobbyisten werden ihn meiden; Seilschaften braucht so einer nicht.
Evangelikale vergeben seine Sünden
Nach einem starken Mann sehnen sich auch Amerikas Evangelikale. Schon in South Carolina wechselten sie in Scharen vom frommen Ted Cruz zum Erlöser Trump. David Beasley, ehemaliger Gouverneur von South Carolina, erklärt das so: »Christen hier glauben an die Goldene Regel und fühlen sich von Washington total im Stich gelassen. Deshalb sind sie Willens, gegenüber Trump etwas Toleranz walten zu lassen. Sie wertschätzen seine Authentizität so sehr,dass sie bereit sind, seine Ungereimtheiten und Sünden in Kauf zu nehmen.« David Gidley, evangelikaler Berater des ausgestiegenen Kandidaten Mike Huckabee, sieht den Run zu Trump als »Suche nach einem Kandidaten,der uns respektiert. Er muss nicht einer von uns sein. Aber er darf uns nicht anlügen. Evangelikale fühlen sich im Belagerungszustand. Wir stellen uns hinter den Kandidaten, der diesen Zustand beendet. Die Person,die deine Werte beschützt, muss nicht unbedingt jemand sein,der deine Werte teilt.«
Republikanische Flügelkämpfe
Wessen Werte teilt denn Donald Trump? Die der republikanischen Partei? Welcher republikanischen Partei? Trump mag von Politik keine Ahnung haben, aber er hat – auch ohne die wahrscheinliche Nominierung – einen unglaublichen Coup gelandet. Lincolns Grand Old Party (GOP) ist heute in drei unversöhnliche Flügel gespalten. Rechts außen stehen die vom Hardliner Ted Cruz geführten konservativen Puristen der Tea Party. Marco Rubio steht an der Spitze der einst dominanten Mainstream-Politiker. Donald Trump bringt eine neue Allianz verärgerter Populisten ins Spiel. Der Druck seiner überlegenen Super-Tuesday-Siege kann ihn zum Gewinner der Washingtoner Flügelkämpfe machen. New Jerseys moderat konservativer Gouverneur Chris Christie, gerade ausgestiegener Trump Rivale, hat sich dem Populisten jetzt angeschlossen. Auch Alabamas ultra-konservativer Senator Jim Sessions setzte sich das rote »Make America great again«-Käppi auf und brachte Tausende Fans zum Jubeln: »This is not a campaign – this is a movement« – »Dies ist keine Kampagne, dies ist eine Bewegung.«
Prominente Republikaner wie der Neokonservative Robert Kagan haben sich dagegen von der Partei abgewendet. Kagan nennt Trump »ein Frankenstein-Monster...die Schöpfung der Partei der Obama Saboteure«. Man kann es auch anders sehen: Trump, einmal Präsident, könnte selbst zum Frankenstein werden, der die USA zum Schreckgespenst, zum Monster der Weltpolitik macht.
Bye bye Europe
Ein Präsident Trump hätte kaum Interesse, die abgekühlten transatlantischen Beziehungen neu zu beleben. No deal,wenn es der heimischen Wirtschaft keine Vorteile bringt. Deshalb wäre von Washington auch keine Hilfe in der Flüchtlingsfrage zu erwarten. Ein Protektionist wie Trump würde das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP kippen, die xenophobe europäische Rechte stärken und eine größere Beteiligung der Europär an NATO-Ausgaben fordern. Der Isolationist Trump würde Amerika vielleicht aus militärischen Konfliktherden heraushalten wollen, damit aber ein potenzielles Vakuum schaffen,das Europa dann irgendwie zu füllen hätte. Trump hat sich als Putin-Freund zu erkennen gegeben. Er sieht zwei starke Männer, die hoch pokern. Tauwetter? Schwer zu glauben. Europa und Trump? Nicht auszudenken.
Hillary und Bernie
Auch bei den Demokraten ging es am Super Tuesday rund: Hillary Clinton setzte ihren South-Carolina-Siegeszug in den Südstaaten fort und lag dank der schwarzen Stimmen in sieben Bundesstaaten vorn; Bernie Sanders gewann außer seinem Heimatstaat Vermont auch – und wieder getragen von Jungwählern – Oklahoma, Colorado und Minnesota.
Hillarys Erfolge sind unangefochten, weisen aber nicht auf das nahe Ende der Sanders Kampagne. »Team Bernie« hat eine wohlgefüllte Kasse und kann darauf setzen,dass sich im amerikanischen Westen noch mehr Herzen und Hirne für die ‘politische Revolution’ erwärmen. Bernie Sanders denkt gar nicht daran,das Handtuch zu werfen. Wer sollte denn auch Donald Trump schlagen, wenn Hillary Clintons E-Mail-Skandal mit einer Anklage endet? Das FBI ermittelt weiter und laut jüngsten New York Times-Berichten ist die Sache keineswegs ausgestanden.
