Frostige Stimmung beim Klimagipfel
Das »Qatar National Convention Center« (QNCC) ist funkelnagelneu und ein Traum aus hellem Sandstein, Marmor und Glas. Die Fußböden werden dauernd gewienert, die Toiletten ohne Unterlass geputzt und in den weitläufigen Hallen und Fluren verlieren sich auch die tausenden von Delegierten, Lobbyisten und Journalisten, die die 18.Klimakonferenz in Doha bevölkern. Vor allem aber ist das QNCC kalt: Die Klimaanlage pustet aus allen Rohren, wer keinen warmen Pullover hat, der beginnt irgendwann zu bibbern. Ab und zu schleichen sich vor allem die Besucher von der Nordhalbkugel nach draußen, lassen sich heimlich die Sonne auf die Nase scheinen, blicken auf die Wüstenlandschaft und genießen die 25 Grad Celsius.
Entwicklungsländer erinnern an alte Versprechungen
Während es draußen also dem Klimawandel angemessen warm ist, ist die Stimmung bei den Verhandlungen ab und zu reichlich frostig. So zum Beispiel Ende der ersten Woche, als die Entwicklungsländer 20 Milliarden Dollar pro Jahr von den Industriestaaten für den Klimaschutz forderten. »Da werfen die so eine Bombe auf den Verhandlungstisch«, ereiferte sich ein deutscher Beamter, »als gäbe es keine Euro- und Wirtschaftskrise.« Dabei mahnen die Entwicklungsländer nur an, was die Industrienationen selbst auf dem Klimagipfel in Kopenhagen versprochen haben: Im Jahr 2020 sollen jedes Jahr 100 Milliarden Dollar fließen – wie und von wem, darüber schweigen sie sich jetzt aus.
Immerhin erwartet die EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard, dass einzelne EU-Länder Geld auf den Tisch legen werden. Großbritannien hat am Dienstag auch angekündigt, es werde eine bessere Klima-Finanzierung geben, die Deutschen werden wohl mit einer kleinen Millionensumme folgen. Und es ist auch eine gute Nachricht: Immerhin streiten sich die Staaten nur ums Geld.
Umweltminister Altmaier sorgt für Aufregung
Denn eigentlich läuft die Konferenz relativ ruhig und ohne große Störungen. Das liegt daran, dass ohnehin nicht viel von Doha erwartet wurde. Was hier ansteht, ist nicht die Rettung der Welt, sondern nur die Entrümpelung beim Klimaschutz-Mobiliar: Das Kioto-Protokoll soll eine zweite Verpflichtungsperiode bekommen, die alte Trennung von Industrie- und Entwicklungsländern beim Klimaschutz soll beendet werden. Dann wünschen sich die Vorreiter einen Fahrplan, der bis 2015 den Weg festlegt, wo das neue, umfassende Abkommen besiegelt werden soll, das letztes Jahr in Durban beschlossen wurde. Und schließlich, natürlich, Geld in den »Grünen Klimafonds«, den es jetzt endlich gibt, der aber noch leer ist.
Bei den Verhandlungen geht es ganz gut voran, berichten die Unterhändler. Kein Wunder: Beim Kioto-Protokoll machen nur noch die EU, Norwegen, die Schweiz und Australien mit. Die ganzen Nörgler sind ohnehin nicht mehr dabei, dafür repräsentieren die Kioto-Staaten aber auch nur noch 15 Prozent der weltweiten Emissionen.
Es wird also eine zweite Kioto-Periode geben, wenn man sich vor allem mit den Polen einigen kann, wie man ihre »heiße Luft«, die nicht benutzten Emissionszertifikate, vergütet. Für ein wenig Herzklopfen sorgte zwischendurch der deutsche Umweltminister Peter Altmaier (CDU), der ankündigte, die EU könne sich auch dann zu 30 Prozent Reduktion verpflichten, wenn Polen nicht mitmache – was mal eben so die EU-Position seit mehr als einem Jahr auf den Kopf gestellt hätte. Aber danach sieht es nicht aus. Die EU, einst Vorreiter beim Klimaschutz, wird sich hier in Doha feierlich dazu verpflichten, bis 2020 ihre CO2-Emissionen um 20 Prozent zu verringern – und hat bereits jetzt zwischen 18 und 21 Prozent erreicht.
Greenpeace-Chef macht seinem Ärger über die USA Luft
Und das ist nur der Irrsinn des Klimaschutz-Spitzenreiters. Die USA zum Beispiel sind auch nach einer brutalen Dürre im Sommer, dem Jahrhundertsturm »Sandy« rechtzeitig zur Präsidentenwahl und einem wiedergewählten Obama, der Klimaschutz versprach, so unsichtbar, dass Greenpeace-Chef Kumi Naidoo am Dienstag der Kragen platzte: »Er sollte den Hörer abnehmen und seiner Verhandlungsdelegation den Auftrag geben, richtig zu verhandeln«, sagte Naidoo, »oder er sollte sie nach Hause holen. Die nehmen hier nur Platz weg.«
China wiederum, so erzählt eine Expertin, sei so froh, endlich mal nicht dauernd mit der Forderung nach Emissionsreduzierungen behelligt zu werden (immerhin sind die chinesischen pro-Kopf-Emissionen inzwischen fast so hoch wie der europäische Durchschnitt), dass sie sich jetzt wieder als Beschützer der Entwicklungsländer aufspielen und ihnen beim Poker um mehr Geld zur Seite springen.
Verhandlungsführern aus Katar fehlt es an eigenen Ideen
Die Weisheit der katarischen Präsidentschaft erschließt sich den meisten Teilnehmern der Verhandlungen nicht. Es fehle an eigenen Ideen und einer festen Hand beim Konferenz-Vorsitzenden Abdulla bin Hamad Al-Attiyah, um die Konferenz richtig voranzubringen, hört man in den Fluren.
Dass auch ein Fortschritt bei diesen Verhandlungen bei weitem nicht reicht, um dem Klimawandel annähernd zu begegnen, ist auch in Doha immer wieder klar: Alle Studien, die rund um den Gipfel veröffentlicht wurden, zeigen: Die Emissionen weltweit steigen, statt zu sinken, die Welt ist auf einem Kurs in Richtung vier Grad Erwärmung bis 2100. Wenn es noch eine Chance geben soll, unter zwei Grad zu bleiben, müssen die Emissionen ab 2015 sinken. Das aber ist erst der Zeitpunkt, an dem das allgemeine Klimaabkommen ausgehandelt sein soll. Irgendwann danach können die Emissionen dann vielleicht zurückgehen.
Spannend wird die letzte Konferenznacht
Trotz aller demonstrativen Gelassenheit richten sich alle Konferenzteilnehmer wieder auf eine lange letzte Nacht ein; die entscheidenden Verhandlungen am letzten Tag bis in den Samstagmorgen zu ziehen, ist anscheinend in den Genen der Klimadiplomaten fest verankert. Für die heißt Erfolg erst einmal, die Konferenz mit irgendeinem Abschlusspapier zu beenden. Dann, zweitens, nicht hinter die Ergebnisse von Durban zurückzufallen. Und drittens, die Baustellen Kioto-Protokoll I und alle anderen Verhandlungsstränge zu schließen und sich mit allen 195 Mitgliedern der Verhandlungen auf den Vertrag von 2015 zu konzentrieren.
Die Chancen dafür stehen nicht schlecht: Ab dem 9.Dezember 2012 können wir uns hoffentlich für die nächsten drei Jahre nur noch über einen einzigen allgemeinen Klimavertrag streiten. Was dann dabei rauskommt, hängt davon ab, wie dramatisch der Klimawandel jenseits der Konferenzzentren zuschlägt, ob die Green Economy mehr ist als nur eine Luftblase – und ob die Öffentlichkeit die Politik noch einmal so unter Druck setzen kann wie vor Kopenhagen.
