Islam-Debatte: Gaucks GAU
Kann ein Bundespräsident einfach alles richtig machen? Bislang hatte es bei Joachim Gauck den Anschein. Seine Auftritte im In- und Ausland: elegant, intelligent und würdig. Seine Worte: wohlgesetzt und diplomatisch. Umso mehr schreckte er nun die Öffentlichkeit mit Sätzen auf, die den einzig berühmt gewordenen Satz seines Vorgängers Christian Wulff attackieren.
Wulff hatte einst für die Muslime im Land eine Lanze gebrochen, indem er in einer prominenten Rede formulierte: »Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland - aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.« Die anschließende Debatte im Land hatte gezeigt, wie wenig selbstverständlich vielen die Anwesenheit von Menschen scheint, die sich zum Islam als Religion bekennen, wie sehr viele Nicht-Muslime noch immer auf angstvolle Distanz zu Muslimen gehen. Gerade deshalb war der Anstoß Wulffs von großer Wichtigkeit gewesen.
Und nun das: Gauck kritisiert Wulffs Denken in diesem Punkt in einem Interview mit der Wochenzeitung »Die Zeit«. Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, findet Joachim Gauck: »Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland.« Der Islam aber habe weder Europa geprägt noch habe er die Aufklärung oder eine Reformation durchlebt.
Wie sehr sich doch ein evangelischer Pfarrer irren kann! Er selbst hat die Aufklärung offenbar in Teilen vergessen. Sonst würde er sich beispielsweise daran erinnern, dass sie Menschen für den Erwerb neuen Wissens so sehr begeisterte, dass ein Mann wie Friedrich Rückert, Dichter und Begründer der deutschen Orientalistik, Jahre später in romantischer Inspiration den Koran übersetzte - in einer poetischen, bis heute unerreichten Sprache. Mit seiner Liebe zur orientalischen Welt - eine Welt, die übrigens schon lange vor der europäischen Aufklärung ein europäisches Land wie Spanien entscheidend geprägt hatte - begeisterte er intellektuelle Zirkel, Forscher, Reisende und Dichter. Spätestens seit seiner Zeit ist der Islam ein religiöses, kulturelles und politisches Thema in Deutschland. Hier hat er Berührung mit der Aufklärung und den darauf folgenden Entwicklungen. Und an anderen Orten der Welt ist diese Berührung wiederum punktuell verarbeitet und im eigenen Kontext weitergedacht worden: an den Universitäten des Morgenlandes, unter seinen Dichtern, Künstlerinnen und Künstlern.
Aber Gauck hat nicht nur historisch unrecht. Viel schlimmer ist, dass er der Gegenwart ein falsches Signal gibt. Muslime: Ja! Islam: Nein? Wie soll das gehen? Dahinter steckt ein gesellschaftliches Konzept, das von Übel ist und leider seit den 1960 Jahren, in denen vermehrt Musliminnen und Muslime ins Land kamen, sehr häufig zum Ideal erklärt wird: Die Muslime dürfen bleiben, wenn sie sich von ihrer Religion distanzieren. Wenn sie »Selbst-Integration« in die deutsche Gesellschaft betreiben, indem sie sie in »Assimilation« übersetzen. Ein guter Muslim ist dann einer, dem man sein Muslim-Sein so gar nicht mehr anmerkt. Es ist schockierend, dass die Wiederholung dieses Konzeptes von einem evangelischen Theologen propagiert wird, der seinen politischen Widerstandsgeist in DDR-Zeiten aus seinem Christsein erklärt. Und es ist traurig, dass Gauck sich nicht an eine alte Regel erinnert: Wer ausgegrenzt wird, steht in der Gefahr, sich dann auch selbst auszugrenzen. Auf diese Weise kann der Islam als Religion in Deutschland keine offene theologische und gesellschaftliche Entwicklung nehmen.
Herr Bundespräsident, bitte holen Sie etwas Aufklärung nach! Akzeptieren Sie die Realität einer multireligiösen deutschen Gegenwart. Und geben Sie dann noch mal ein neues Interview.
