Grenzen schließen?
»Wir als Konservativer Aufbruch sind der festen Überzeugung, dass eine flächendeckende und lückenlose Grenzkontrolle dringend geboten ist. Hätte die Bundesrepublik bereits im Jahre 2014, spätestens jedoch im Sommer 2015, als die massiv steigende Zahl von Asylbewerbern offensichtlich war, Kontrollen mit Zurückweisungen an den Staatsgrenzen durchgeführt, wäre ein positiver Dominoeffekt die Folge gewesen: Länder wie Italien und Griechenland wären gezwungen gewesen, ihre Außengrenze wieder zu sichern und Abkommen mit Nachbarländern, wie der Türkei, Tunesien, Libyen und anderen Ländern zu schließen, um bestimmten Kontingentflüchtlingen die Einreise in die EU zu ermöglichen, während der weit überwiegende Teil der Migranten, der nicht politisch verfolgt oder durch Kriegswirren vertrieben war, abgewiesen worden wäre. Die unkontrollierte Einreise von Migranten mit nicht geklärten Identitäten, die Terroranschläge von Paris, Brüssel und Berlin und viele Straftaten, darunter eine erschreckend hohe Zahl von Tötungs- und Sexualdelikten hätten wohl verhindert werden können.
Eine Grenzkontrolle sehe ich nur sekundär wichtig für den Erhalt unserer Werte. Es geht hauptsächlich darum, geltendes Recht wieder einzusetzen und die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger zu garantieren. Asyltourismus muss künftig verhindert werden. Eine europäische Lösung ist nur möglich, wenn das Nicht-Kontrollieren ein Ende hat. Erst dann werden sich die anderen europäischen Staaten hin zu einer gemeinsamen Lösung bewegen lassen. Daher halten wir den Masterplan von Horst Seehofer für verantwortungsbewusst und vernünftig.«
Monika Peisker: »Nein! Damit beschneiden wir unsere Freiheit«
»Ich bin überzeugt: Geschlossene Grenzen lösen keine Probleme, sondern zementieren die Ungerechtigkeit des weltweiten Wohlstandsgefälles. Sie zeigen, dass wir resigniert haben, daran etwas zu verändern. Die Menschen, die zu uns kommen, erinnern uns doch auch daran, dass wir Teil des globalen Problems sind, dass wir die Probleme in den Herkunftsländern mit verursacht haben, etwa durch wirtschaftliche Verflechtungen, durch Waffenlieferungen und politische Einflussnahme. Natürlich löst es die Weltprobleme nicht, allen Asyl zu gewähren. Aber auch geschlossene Grenzen lösen auf längere Sicht keine Probleme. Zwischen drinnen und draußen staut sich ein immer größerer Ungerechtigkeitsdruck auf, der sich irgendwann entladen wird. Wir sehen unseren Lebensstil bedroht und versuchen, uns durch Abschottung vor dieser Bedrohung zu schützen. Das erzeugt neue Ängste. Mauern und Zäune verändern dann auch unseren Blick auf den anderen. Der wird als anonyme Bedrohung von außen wahrgenommen. Wir mauern uns ein in unserer Angst und berauben uns damit der Chance, dem anderen zu begegnen. Nur durch direkte Begnungen mit Menschen lassen sich Vorurteile und Ängste abbauen.
Seit zwei Jahren hören wir immer wieder »America first«. Kommt nun auch noch »Europe first« dazu? Wenn jeder nur noch seine eigenen Interessen im Blick hat, fallen die der anderen nicht mehr ins Gewicht. Das widerspricht unserem christlichen Menschenbild, nach dem jeder als Ebenbild Gottes eine besondere Würde hat. Wenn wir das aufgeben, berauben wir uns unserer Menschlichkeit. Im Übrigen sind wir im Herbst 1989 auf die Straßen gegangen für offene Grenzen, für Freiheit und gegen die Angst. Wollen wir das wieder aufs Spiel setzen?«
Monika Peisker, geboren 1972, ist evangelische Pfarrerin in der Hoffnungsgemeinde Magdeburg und Ausländerbeauftragte im Kirchenkreis. Zurzeit betreut sie vier Kirchenasyle.
Grenzen schließen? Uns interessiert Ihre Meinung in der aktuellen Umfrage auf www.publik-forum.de/umfrage
