Gurlitts Erben
Jetzt ist die Stunde der Krokodilstränen. Zum Tod des verschrobenen Kunsthändlers – von dem man zu wenig weiß, um zu entscheiden, ob er einen rühren soll mit der Treue zur Sammlung seines Vaters oder wegen seiner Geschichtsvergessenheit verachten – zum Tod von Cornelius Gurlitt also herrscht Trauer. Man hätte ihm doch die Teile seiner Sammlung, die ihm fraglos gehören, zurückgeben können. Hätte man. Warum die Staatsanwaltschaft Augsburg das nicht getan hat, wird ihr Geheimnis bleiben.
Ich finde aber Tränen – und wirklich solche, die so groß wind wie die des Krokodils – sind jetzt aus einem ganz anderen Grund zu weinen. Der Fall Gurlitt hat den Blick auf Raubkunst gelenkt. Von einem anderen, viel schlimmeren Skandal aber lenkte er ab, nämlich davon, dass alle Juden in NS-Deutschland – und den besetzten Staaten – ihr gesamtes Hab und Gut abgeben mussten. Die wenigsten jüdischen Familien waren reich. Die Diebe ihrer Habe hießen nicht Gurlitt – sondern Fritz Meier und Liese Müller. Hundertausende Deutsche bereicherten sich an ihrem Schicksal.
Von 1938 an wurden alle, die der NS-Staat als Juden identifizierte, enteignet. Sie mussten Listen mit ihrem Besitz anlegen. Was sie aufschrieben, war von »einem Picasso, einem Matisse« Lichtjahre entfernt. Da stand: »Ein Regenschirm. Ein Regencape. Ein Schrank. Eine Einkaufstasche. Eine Wolldecke.« Sie mussten – das hat der Düsseldorfer Historiker Wolfgang Dreßen erforscht – diese Listen den Finanzämtern geben. Dann wurden die Dinge ihres kleinen normalen Lebens konfisziert – richtiger gesagt: gestohlen – und versteigert. Zu Spottpreisen kauften die anderen normalen Leute, die als Arier galten, den Schrank, das Regencape, die Wolldecke. Nicht wenige Juden wurden denunziert, weil sie eine Wohnung hatten, auf die ein Nachbar scharf war.
Hunderttausende Deutsche, die sich so bereichert haben, verloren Regenschirme, Schränke und Wolldecken dann wieder, als sie ausgebombt wurden. Aber manche dieser Gegenstände gehen – oft unerkannt – noch heute als Erbe durch die Familien. Sie werden weitervererbt, heute, morgen, übermorgen. Und wenn ein Besitzer, eine Besitzerin stirbt, trauert niemand darüber, dass er oder sie den Schrank, das Tischtuch, die Tassen unrechtmäßig erwarb. Dabei ist dieser bis heute nahezu unbekannte massenhafte Diebstahl am Eigentum verfolgter Juden Tränen wert, auch Tränen der Empörung.
