Jahrelang ohne Girokonto
»Zwei Millionen Kilometer habe ich in acht Jahren runtergerissen, zwei Lkws sind dabei draufgegangen. Mal hatte ich mehr, mal weniger Aufträge, aber immer lief das. 2011 fing der Mist dann an. Einer meiner besten Kunden hat nicht mehr gezahlt. Über 20 000 Euro hätte ich von dem gekriegt. Das hältst du als Ein-Mann-Unternehmen nicht lange aus. Ich konnte meine Außenstände nicht mehr alle bezahlen, das Konto ging mit dreieinhalbtausend in die Miesen. Da hat die Sparkasse mein Konto aufgelöst, weil sie keine Hoffnung mehr hatte, dass ich das je wieder ausgleichen kann. Obwohl ich jahrelang dort Kunde war! Dann kamen die ersten Pfändungen, irgendwann war der Lkw weg, weil ich die Leasingraten nicht mehr zahlen konnte. Da war es vorbei. Eine Spedition ohne Lkw – das geht gar nicht. Irgendwann habe ich die Hoffnung verloren, alles schleifen lassen, dann wurde der Schuldenberg immer größer.
Ohne Konto lebt es sich äußerst schlecht. Man kann nichts überweisen, sich nichts überweisen lassen, nirgends Geld abheben. Man kann schon zur Bank gehen, Geld bar einzahlen, und die überweisen es dann, das kostet aber jedes Mal zehn Euro. Ich habe dann oft meiner Mutter Bargeld gegeben, damit sie für mich die Überweisungen macht, aber was ich mir da alles anhören musste: Was ist denn das schon wieder? Wofür du dein Geld alles ausgibst …! – Irgendwann merkt man, da fehlt die Selbstständigkeit, wenn die Mutter alles Finanzielle mitkriegt. Dauernd musst du dich erklären. Irgendwann hast du genug davon.
Als ich vom Job-Center Hartz IV bekam, habe ich das Konto meiner Freundin angegeben, das hat problemlos funktioniert. Und mein letzter Arbeitgeber hat mir den Lohn in bar gegeben. Das hat der bei allen so gemacht. Manchmal bekamen wir den Lohn am fünfzehnten, manchmal erst am fünfundzwanzigsten – für den Vormonat. Für mich war das natürlich ein Glück, so musste ich mir keine Frage anhören, warum ich kein Konto habe. Dafür hat er mir dann Mitte Dezember gekündigt – das war letztes Jahr mein Weihnachtsgeschenk.
Irgendwann bin ich dann zur Schuldnerberatung gegangen und habe erfahren, dass ich wieder ein neues Konto bekommen kann, auch wenn ich Schulden habe. Die haben mir diesen Zettel hier mitgegeben, den sollte ich bei der Bank auf den Tisch legen, dann würde das schon klappen. Hier steht es: Alle Banken und Sparkassen haben sich dazu verpflichtet, Bürgerinnen und Bürgern als Minimalstandard zur Teilnahme am bargeldlosen Zahlungsverkehr auf Wunsch ein Guthabengirokonto einzurichten. – Schöner Satz! Für mich war wichtig, dass das auch für Leute mit schlechter Schufa gilt. Meine Schufa-Auskunft ist vier Seiten lang.
Na ja, hab ich mir gedacht, wenn das so ist, dann wird das ja wohl kein Problem. Also bin ich los zur nächsten Bank, die haben mich sofort abgelehnt. In den nächsten Wochen habe ich mir dann die Hacken abgelaufen. Ich war bei zwölf oder fünfzehn Banken, keine wollte mich haben. Sobald ich gesagt habe, dass ich viele Schulden habe und eine Insolvenz ansteht, war’s fast immer sofort vorbei. Meistens wurde ich gleich am Schalter wieder weggeschickt, manchmal haben die noch im Computer meine Schufa angeguckt. Spätestens dann war’s vorbei. Auch der Zettel von der Schuldnerberatung hat niemanden so richtig beeindruckt.
Am Ende war nur noch eine Bank übrig, bei der ich noch nicht gefragt hatte. Da dachte ich mir, kannst es ja noch mal versuchen, ich habe ja nichts mehr zu verlieren. Am Schalter war eine ganz junge Frau. Ich sagte gleich, dass ich ein Konto brauche, aber viele Schulden habe und eine Insolvenz ansteht. Gehen wir in einen anderen Raum, sagte die Frau, ich muss mit meinem Vorgesetzten reden. Nach einer Weile kam sie wieder und sagte: Ja, Sie bekommen ein Konto. Obwohl mein Vorgesetzter sagt, ich müsste Sie eigentlich ablehnen. Ich habe ihn aber überzeugt – weil Sie so ehrlich waren.
Das ist jetzt etwa sechs Wochen her. Seitdem habe ich ein Konto. Das ist nur der Minimalstandard, ohne Überziehung, ohne Dispo – den brauche ich sowieso nicht –, aber immerhin ein Konto. Kostet dreißig Euro in drei Monaten, aber egal. Hauptsache Konto.
Seit einer Woche habe ich auch wieder einen neuen Arbeitgeber. Der sagte gleich beim Einstellungsgespräch: Ohne Konto gibt’s kein Geld. – Da habe ich ja noch einmal Glück gehabt! Eigentlich ist das ja schon komisch, dass mich so viele Banken abgelehnt haben. Unter einer Verpflichtung stelle ich mir irgendwie was anderes vor …« (Protokoll: Martin Staiger)
